Sie sind hier: HomeWirtschaftSZ-Artikel aus der Druckausgabe

Gesundheitswissenschaftler Glaeske rügt Manipulation von Diagnosen





Glaeske:
„Ein Einfallstor für Missbrauch“
Gesundheitswissenschaftler Glaeske rügt Manipulation von Diagnosen

red,  18. Oktober 2016, 02:00 Uhr
Klicken Sie auf das Bild, um eine größere Ansicht zu erhalten.

Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske

Im Zusammenspiel von Krankenkassen und Ärzten werden Patienten durch Manipulation von Diagnosen kränker gemacht, als sie sind, um an zusätzliches Geld aus dem Gesundheitsfonds zu kommen. Was steckt hinter diesem kürzlich bekannt gewordenen Skandal? Unser Korrespondent Stefan Vetter sprach darüber mit Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bremen.

Herr Glaeske, wie kann es überhaupt zu solchen Manipulationen kommen?

Dazu muss man die Funktionsweise des sogenannten Risikostrukturausgleichs etwas kennen. Die Kassen haben jeweils unterschiedlich krankheitsbelastete Versicherte. Um einen finanziellen Ausgleich unter den Kassen dafür zu schaffen, gibt es 80 ausgewählte, schwerwiegende und kostenintensive Krankheiten, für die die Kassen deutlich mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds bekommen als für die übrigen Krankheitsbilder.

Und das ist ein Einfallstor für Missbrauch?

Durchaus. Es gibt eine Reihe von Krankheiten, die einen gewissen Spielraum bei den Diagnosen zulassen. Hier setzen Krankenkassen an, indem sie Ärzte veranlassen, kostenintensivere Diagnosen aufzuschreiben. Und die Ärzte bekommen über sogenannte Betreuungsstrukturverträge zwischen ihren Kassenärztlichen Vereinigungen und den Kassen, mit denen eigentlich eine bessere Versorgung der Patienten versprochen wird, ein zusätzliches Honorar.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wird etwa ein krankhaftes Übergewicht diagnostiziert, dann bekommt die Kasse mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds, als wenn es sich um eine noch nicht schwere Fettleibigkeit handelt.

Was bedeuten solche Manipulationen für die Patienten?

Problematisch kann es zum Beispiel werden, wenn der Patient wegen solcher hochgesetzten Diagnosen ins Krankenhaus eingeliefert wird, obwohl das eigentlich gar nicht nötig wäre, und dort womöglich gegen all die diagnostizierten Krankheiten behandelt wird und die Behandlungen zu unerwünschten Nebenwirkungen führen.

Warum spielen die Ärzte da offenbar ohne Skrupel mit?

Es sind längst nicht alle Ärzte. Viele wehren sich dagegen. Aber viele spielen auch mit, weil es sich um scheinbar seriöse und vernünftige Verträge mit den Kassen handelt. Und weil es natürlich ein Anreiz ist, mehr Geld zu verdienen. Bei der Menge der Diagnosen gehe ich davon aus, dass ein Arzt pro Quartal auf bis zu 4000 Euro zusätzlich kommen kann.

Gehören solche Verträge dann nicht umgehend abgeschafft?

Grundsätzlich muss die Wirkungsweise des Risikostrukturausgleichs überdacht werden. Was die Betreuungsstrukturverträge angeht, so haben offenkundig die Länderaufsichten beziehungsweise das Bundesversicherungsamt der Manipulationsanfälligkeit viel zu wenig Bedeutung beigemessen. Insidern war das Problem ja schon länger bekannt. Ich finde allerdings, solche Verträge sind generell überflüssig. Es ist doch die originäre Aufgabe eines Arztes, richtige Diagnosen zu stellen und danach auch die Behandlung auszurichten. Das muss doch nicht gesondert honoriert werden.



Teilen und diskutieren

Kommentieren Sie diesen Beitrag über Facebook, Twitter oder Google+:

FACEBOOK
GOOGLE+
TWITTER




Saarbrücken

IKK Südwest will mehr Fairness im System

Die Krankenkasse IKK Südwest sieht sich durch das geltende System des Gesundheitsfonds benachteiligt. Höhere Kosten zum Beispiel für Krankenhaus-Behandlungen würden nicht ausgeglichen.Mehr
Saarbrücken

Kampf gegen chronische Schmerzen

Die Barmer GEK fordert an der Saar zu einer besseren Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen auf. Viele eilten ohne greifbares Ergebnis von einem Arzt zum nächsten, was auch höhere Kosten verursache.Mehr

Kassenpatienten können Zuzahlung sparen

Ein Online-Händler für Diabetiker-Bedarf wirbt damit, seinen Kunden die Zuzahlung an die Krankenkasse abzunehmen. Wettbewerbsschützer wollen das gerichtlich verbieten lassen - und erreichen genau das Gegenteil. Der Bundesgerichtshof erlaubt den Preisnachlass. Das Urteil und dessen Hintergründe erläutert dpa-Mitarbeiterin Anja Semmelroch in Frage-Antwort-Form.Mehr


Anzeige



Anzeige
Neu für Vereine:
SaarZeitung

Termin melden

Text schicken


ANZEIGE
Beilagen






Anzeige