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Wenn das Internet zur Sucht wird





Frankfurt aM/Mainz
Wenn das Internet zur Sucht wird
Von  Nils Sandrisser, 
22. April 2017, 02:00 Uhr
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Besonders Jugendliche und junge Erwachsene können von Online-Spielen abhängig werden. Foto: Pförtner/DPA

Foto: Pförtner/DPA
Immer mehr Menschen in Deutschland sind süchtig nach Online-Aktivitäten. Als Krankheit wird diese Abhängigkeit aber noch nicht anerkannt.

(epd) Wenn Ralf W. morgens aufwacht, führt ihn sein erster Gang zum Computer. Stundenlang klickt er sich durch Online-Spiele, kann sich kaum losreißen. „Die anderen Dinge, die ich tagsüber machen will, scheinen so schwierig und unerreichbar“, erzählt er. „Ich saß auch schon mal vier Stunden lang am Rechner und habe es nicht fertig gebracht, mir einen Kaffee zu machen.“

Vieles nehme er sich gar nicht erst vor, sagt Ralf W. Er empfinde seine Sucht auch körperlich und beschreibt eine Leere, die er nicht anders füllen könne, ein Gefühl innerer Unruhe. „Wenn ich vor dem Rechner sitze, ist das dann weg.“

Unter der Bezeichnung „Internetsucht“ fassen Forscher mehrere Verhaltensweisen zusammen. Meist geht es dabei um junge Computerspieler, die sich in Online-Rollenspielen verlieren. Aber auch viele andere Aktivitäten im Internet können bei erhöhtem Konsum zur Sucht führen. Als internetabhängig gelten in Deutschland nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) derzeit rund 560 000 Menschen, sie geht zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer aus.

Die Grundlagen einer Sucht werden häufig schon in der Kindheit gelegt. Der Psychologe Kai Müller, der am Kompetenzzentrum Verhaltenssucht der Uniklinik Mainz forscht und therapiert, nennt hier die emotionale Vernachlässigung durch die Eltern, fehlende Bindung oder Traumata als mögliche Ursachen. Introvertierte, schüchterne oder misstrauische Menschen erlägen besonders häufig den Verlockungen von Computerspielen oder sozialen Netzwerken, wo sie nur mit dem Bildschirm kommunizieren müssten.

Auch Ralf W., heute 51 Jahre alt, berichtet, seine Mutter habe ihn wenig wertgeschätzt und als Dreijährigen oft alleine zu Hause gelassen. Eine Vaterfigur habe es nicht gegeben.

Die Wartelisten für Patienten seien lang, beklagt Müller: „Als Therapeut mit eigener Praxis muss man schon überlegen, ob man einen Patienten behandeln kann.“ Dafür seien oft wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend, denn man müsse zuvor abklären, ob Kranken- oder Rentenversicherungen die Behandlung bezahlen. Verpflichtet sind sie dazu nicht, denn nach wie vor ist Internetsucht als Krankheit nicht anerkannt. Wahrscheinlich werde sie aber in diesem oder im nächsten Jahr in den Leistungskatalog aufgenommen. Bislang behelfen sich Therapeuten damit, dass sie bei ihren Patienten eine Impulskontrollstörung diagnostizieren.

Internetsucht ist oft schwer zu behandeln. Bei einer stoffgebundenen Sucht wie der nach Alkohol oder Heroin können Betroffene leichter abstinent bleiben. Das Internet dagegen ist Teil des Alltags. „Es ist einfacher, wenn man sich auf einen bestimmten Suchtstoff konzentrieren kann“, erklärt Müller. Aber auch im Internet selbst gibt es Hilfsprogramme. Das Projekt Webcare der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen etwa ist eine Online-Selbsthilfegruppe für Internetsüchtige. Das sei keineswegs so, als therapiere man Alkoholiker in einer Bar, sagt Patrick Durner von Webcare: „Man ist nicht süchtig nach dem Internet, sondern nach bestimmten Inhalten.“ Außerdem gebe es derzeit schlicht noch nicht viele Selbsthilfegruppen für Internetsüchtige und daher kaum andere Möglichkeiten als eben im Netz. Ein handfester Vorteil sei die virtuelle Selbsthilfegruppe für Sozialphobiker, erklärt Durner. Sie könnten sich Hilfe suchen, ohne ihre Hemmung überwinden zu müssen.

Bei Webcare gehe es um Selbstreflektion, die Teilnehmer sprechen über ihre Probleme und wie sich ihre Sucht entwickelt. „Grundvoraussetzung für eine Teilnahme ist eine Problemeinsicht“, sagt Durner. Das sei einer der Gründe, warum eher junge Erwachsene als Jugendliche Klienten von Webcare seien. Problemeinsicht und Leidensdruck stellten sich oft erst nach Jahren ein.

„Jüngere sind nicht weniger gefährdet, aber die schwerwiegendsten Fälle finden wir im jungen Erwachsenenalter zwischen 17 und 29“, sagt auch der Mainzer Psychologe Müller. Es sei häufig so, dass sich Sucht erst später so stark manifestiere, dass sie Probleme im Alltag bereite.

www.webcare.org




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