Viel mehr als nur ein kleiner Schnitt
Wie Ärzte und Betroffene Jungen vor medizinisch unnötigen Beschneidungen schützen wollen

Von  Petra Plaum, 
02. Dezember 2015, 00:00 Uhr
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Victor Schiering
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Önder Özgeday
Warum zwei Väter in der Öffentlichkeit über das sprechen, was unter ihrer Gürtellinie geschah. Und weshalb Mediziner mittlerweile sagen: Nur bei einem von hundert Jungen macht eine Beschneidung Sinn.


 
Saarbrücken. Zu den ersten Informationen, die Internet-Suchmaschinen über Victor Schiering und Önder Özgeday preisgeben, gehört diese: Beide wurden als Kinder beschnitten. Und sie leiden darunter. So sehr, dass sie in Gesprächen und auch in den Medien offen darüber sprechen: Die Amputation eines wichtigen Körperteils. „Viele leugnen, dass es Männer wie uns gibt“, so Victor Schiering. Und Önder Özgeday erzählt: „Wenn ich als Jugendlicher mit Freunden über den Schock der Beschneidung sprechen wollte, haben alle nur groß geguckt. In unserem Kulturkreis hinterfragt man das nicht. Meine Eltern fragten: ,Was hast du für ein Problem?'“ Victor Schiering ist Sänger, ein in den Medien vielgelobter Tenor, der in Nürnberg lebt und quer durch Europa reist. Özgeday ist Sozialwissenschaftler, wohnt in Bochum. Beide haben ein Kind – und sie wollen verhindern, dass andere dasselbe durchmachen müssen wie sie. Dafür engagieren sie sich im Arbeitskreis Beschneidungsbetroffener im Verein Mogis, der sich unter anderem für Kinderschutz und Kinderrechte einsetzt. Und dafür kehren sie ihr Inneres nach außen.

Der häufigste medizinische Grund, warum Jungen in Deutschland ihre Vorhaut verlieren, lautet: Phimose, also Vorhautverengung. Früher wurde hier rasch das Skalpell angesetzt. Bis zur Einschulung sollte die Vorhaut komplett zurück-streifbar sein, so das althergebrachte medizinische Credo. Laut einer Studie zur Kindergesundheit des Robert-Koch-Instituts (KiGGS) sind in der Altersgruppe bis 17 Jahre zehn Prozent der Jungen ohne Migrationshintergrund beschnitten – bei Jungen aus zugewanderten Familien sind es 15 Prozent. Dabei ist der Begriff Phimose als Krankheit klar von der natürlichen Vorhautverengung des Kindes zu trennen, gibt Dr. Kolja Eckert, Oberarzt der Klinik für Kinderchirurgie am Elisabeth-Krankenhaus Essen, zu bedenken. „Es ist inzwischen auch in der medizinischen Fachwelt bekannt, dass sich die physiologische Vorhautverengung bis zum Ende der Pubertät vollständig zurückbilden kann – spontan oder mit Hilfe einer milden Kortisonsalbe.“ Nur bei höchstens einem von hundert Jugendlichen gibt es ernsthafte Probleme, zum Beispiel erschwertes Wasserlassen oder häufige Entzündungen. Dann sprechen Mediziner von einer pathologischen Phimose und dann, so Eckert, könne über eine medizinische Therapie und die Entfernung der Vorhaut gesprochen werden. Ansonsten sei Abwarten die beste Behandlung.

Rund 96 Prozent aller Jungen kommen mit einer physiologischen Vorhautverengung zur Welt, so die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie. Vorhaut und Eichel sind regelrecht verklebt. „Das ist in den ersten Lebensjahren normal“, informiert der Urologe Dr. Wolfgang Bühmann, Pressesprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen. „Damit bleibt die Eichel vor Urin und Verschmutzungen geschützt.“ Werden diese Verklebungen gewaltsam gelöst, passiert laut Eckert Folgendes: „Es entsteht zwangsläufig eine Art Schürfwunde auf der Eichel, die brennt und weh tut.“

Bei älteren Jungen nimmt der körperliche Schmerz durch die Beschneidung zwar ab, dafür steigt die seelische Belastung. Professor Dr. Matthias Franz, Facharzt für Psychosomatische Medizin und stellvertretender Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Düsseldorf: „Die später beschnittenen Jungen im Alter zwischen vier und sechs Jahren willigen aus Liebe zu den Eltern ein, sie simulieren Einverständnis, weil sie spüren, dass ihre Eltern das brauchen. Dennoch empfinden sie den Eingriff oft als Kastrationsandrohung.“ Er gibt zu bedenken: „Viele habe ich als Erwachsene mit schwerwiegenden Folgen wie zum Beispiel Ängsten, sexuellen Funktionsstörungen und Problemen in der Partnerschaft kennengelernt.“ Bei drei bis sechs Prozent der operierten Patienten kann es zu Komplikationen kommen, wie Nachblutungen, ungünstiger Narbenbildung oder einer narbigen Verengung der Harnröhrenmündung.

Da eine örtliche Betäubung häufig nicht ausreicht und kleine Kinder bei der Operation allein schon durch die Trennung von ihren Eltern leiden, empfiehlt Eckert die Vollnarkose. Todesfälle nach Beschneidungen sind zwar sehr selten, aber nicht auszuschließen. Ende Oktober ging die Geschichte des Ryan Heydari aus Kanada um die Welt, der nach dem medizinisch nicht notwendigen Eingriff so viel Blut verlor, dass er starb. Er wurde 22 Tage alt.

Welcher Prozentsatz der Betroffenen psychisch dauerhaft leidet, dazu gibt es keine Studien. Dänische Wissenschaftler um Dr. Morten Frisch berichteten 2011, dass männliche Studienteilnehmer, die in ihrer Kindheit beschnitten wurden, über Probleme beim Geschlechtsverkehr klagen. Im Juli 2015 wiesen die Forscher darauf hin, dass beschnittene Jungen häufiger eine Autismus-Diagnose erhalten. Für Bühmann ist aus ärztlicher Sicht darum klar: „Es gibt nicht nur keinen Grund für eine medizinisch nicht notwendige Beschneidung, sie verstößt auch gegen ärztliches Berufsrecht, das uns Ärzten nur Eingriffe erlaubt, die die Gesundheit verbessern, Schaden abwenden und Leben erhalten.“

Wer eine medizinisch nicht indizierte, rituell motivierte Beschneidung vornehme, begehe „eine körperliche und seelische Verletzung an einem nicht einwilligungsfähigen Kind. Das steht in krassem Widerspruch zur in den ersten Artikeln unseres Grundgesetzes garantierten Unantastbarkeit der Würde, zur körperlichen Unversehrtheit und zur Religionsfreiheit – eine solche Zuwiderhandlung gehört unter Strafe gestellt, wenn Vernunft und Respekt es nicht ohnehin gebieten.“

Matthias Franz fordert: „Erwachsene haben an den Genitalien von Kindern nichts zu suchen – unabhängig davon, ob die Kinder männlich oder weiblich sind. Es gibt keinen medizinischen Grund, einem gesunden Jungen seine gesunde Vorhaut abzuschneiden.“ Deshalb sollten Ärzte den Eingriff auch nicht durchführen, keine Gefälligkeits- oder Scheindiagnosen stellen und Krankenkassen sollten auch nicht dafür aufkommen.“ Das richtige Alter für eine Zirkumzision ohne medizinische Indikation liegt für Franz bei 18 Jahren. Zu Eckert kommen Eltern auf Überweisung von Kinderarzt oder Kinderärztin. Findet der Kinderchirurg bei seiner Untersuchung keinen Hinweis auf eine pathologische Phimose, klärt er die Eltern umfassend auf. Der Kinderchirurg weist darauf hin, dass die Vorhaut drei Viertel der Nervenendungen des Penis enthält und somit hauptverantwortlich für die sexuelle Empfindsamkeit ist. „Damit ist die männliche Vorhaut kein Organ, das man unbedacht entfernen sollte“, mahnt er.

Victor Schiering war sechs Jahre alt, als er beschnitten wurde. Seinen Eltern, berichtet er, tut das längst leid. Auch Önder Özgeday hat sich mit den Eltern, die ihrem Zehnjährigen aus der Tradition heraus etwas Gutes tun wollten, versöhnt. Doch wird heute ein Junge geboren, sagen beide, sollten seine Eltern Bescheid wissen. Über alles, was diese Operation ihrem Sohn nimmt – und wieso sie nie ohne Not erfolgen sollte.

Matthias Franz: Die Beschneidung von Jungs. Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978-3525404553, 29,99 Euro

Clemens Bergner: Ent-hüllt. Die Beschneidung von Jungen – nur ein kleiner Schnitt? Tredition Verlag 2015, ISBN 978-3-7323-4012-5, 17,90 Euro

In vielen Ländern ist die Beschneidung der Jungen ein traditioneller Standardeingriff. Doch für diese Operation besteht aus medizinischer Sicht in der überwiegenden Zahl der Fälle kein Anlass, kritisieren viele Ärzte. Foto: Ullstein

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