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Online-Messenger verraten alles über das Privatleben ihrer Nutzer

Von  Eva Lippold, 
27. Oktober 2014, 00:00 Uhr
Der Kommunikationsdienst Whatsapp ermöglicht es, das Onlineverhalten seiner Nutzer lückenlos zu überwachen. Wer das kritisiert, sollte jedoch eines nicht vergessen: Die Alternativen sind auch nicht viel besser.
600 Millionen Menschen weltweit tauschen Nachrichten, Bilder und Videos über den mobilen Kommunikationsdienst Whatsapp aus. Allein in Deutschland nutzten in diesem Sommer nach Angaben des Unternehmens 31 Millionen Menschen die Nachrichten-App, die es erlaubt, mit einem internetfähigen Telefon Text, Ton, Bilder oder Videos über das Internet auszutauschen. Doch spätestens seit seinem Verkauf an Facebook sorgt Whatsapp immer wieder für Schlagzeilen – meist weil die Anwendung zuviele Daten ihrer Nutzer preisgibt.

Nun legten IT-Forscher der Universitäten Ulm und Pittsburgh sowie des Ulmer IT-Unternehmens Cortex Media GmbH eine Untersuchung vor, die zeigt, dass der Messenger den Alltag seiner Nutzer über ihren Online-Status überwachen kann. Das Team zeigt, dass sich darüber nicht nur der Tagesablauf, sondern auch die Kontakte und Kommunikationsmuster eines Nutzers ausspionieren lassen. „Wir wollten zeigen, dass diese Daten gar nicht so harmlos sind, wie es auf den ersten Blick erscheint“, so der Informatiker Andreas Buchenscheit. Allein am Onlinestatus ließe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ablesen, wann ein Nutzer ins Bett geht, aufsteht oder mit wem er spricht.

Die Anzeige, ob ein Nutzer gerade online ist, lässt sich bei Whatsapp nicht ausschalten. Lediglich die Funktion, wann er zuletzt online war, können Nutzer verbergen. Die Informatiker entwickelten eine Software, mit der es ihnen gelang, den Online-Status aller Nutzer einer Gruppe zeitgleich und lückenlos abzugreifen. „Jeder Durchschnittsinformatiker“, so Buchenscheit, könne eine ähnliche Überwachungssoftware mit einfachen Mitteln entwickeln. „Das Einzige, was wir von den Probanden benötigten, waren die Handynummern“, sagt Buchenscheit. Vier Wochen lang untersuchte das Team das Onlineverhalten zweier Gruppen von insgesamt 19 Whatsapp-Nutzern. Eine der Gruppen bestand aus Studenten eines Semesterjahrgangs an der Universität Ulm, eine weitere Gruppe aus Whatsapp-Kontakten eines der Autoren der Studie. Über 27 000 Einzelnutzungen des Messengers werteten die Forscher aus. Mit den Daten konnten sie vorhersagen, wann ihre Testpersonen sich schlafen legten und aufstanden oder ob sie regelmäßig ihre Vorlesungen besuchten. Zudem ermöglichte die Software, das Online-Verhalten der Nutzer in Form von Grafiken darzustellen. „Dadurch waren Kommunikationsmuster erkennbar“, erläutert Buchenscheit. Aus der nahezu zeitgleichen Aktivität zweier Nutzer konnten die Forscher mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent ableiten, dass sie miteinander kommunizierten. „Gerade dieser Punkt ist besonders kritisch“, sagt der Informatiker der Studie Bastian Königs von der Universität Ulm. „Daraus lässt sich dann schließen, wen meine Freundin kontaktiert oder ob sich der Kollege mit der Konkurrenz austauscht.“

Für andere Schlüsse benötigten die Informatiker zusätzliche Informationen. „Zum Beispiel haben wir erst einmal nur gesehen, dass plötzlich fast alle Probanden bis nachts um drei online waren.“ Da die Forscher wußten, dass an dem betreffenden Abend eine Party stattfand, konnten sie voraussagen, wer dort anwesend war und wann eine Testperson die Party verlassen hatte. „Fast alle staunten nicht schlecht, wie viele Details ihres Alltags wir kannten“, sagt Buchenscheit.

Die Anzeige des Online-Status von Nutzern sei ein grundsätzliches Problem der Messenger-Apps, betont Buchenscheit. Auch die meisten Alternativen, wie Lime oder der Google-Messenger zeigen den Online-Status ihrer Nutzer an.

In einem Test der Stiftung Warentest (Ausgabe April 2014) zeigten sich weitere Mängel bei Online-Kommunikationsdiensten. Als einziger von fünf Messengern wurde das Programm Threema als unkritisch eingestuft, da er mit einer sogenannten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung arbeitet. Das bedeutet, dass die versendeten Daten nur verschlüsselt auf dem Server des Anbieters ankommen, so dass dieser nicht mitlesen kann. Alle übrigen getesteten Messenger Lime, Whatsapp, Telegram und der Blackberry Messenger sendeten die Kommunikation der Nutzer unverschlüsselt an die App-Betreiber. „Besser investiert man ein bis zwei Euro im Jahr in eine App wie Threema. Immerhin wird man dort gefragt, welche Daten man wirklich preisgeben möchte“, rät Martin Gubin von der Stiftung Warentest.


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