Berlin. Die Frage nach einer Wachablösung im deutschen Fußball ist nach den Ereignissen am Samstagabend im Berliner Olympiastadion mehr denn je berechtigt: Borussia Dortmund hat die Saison zum zweiten Mal in Folge als deutscher Meister abgeschlossen, hat nun mit einem berauschenden 5:2-Sieg über den bisherigen Branchenführer FC Bayern München den DFB-Pokal obendrauf gepackt, hat damit fünf Mal in Folge den FCB geschlagen, spielt den schöneren Fußball, ist leidenschaftlicher, hat zumindest gefühlt Sympathiewerte wie Freibier. Keine Frage: National dominiert der BVB den FCB derzeit.
Doch bei solch einem Vereinsvergleich zählen nicht nur die aktuellen Werte auf dem Rasen der Tatsachen. Auch die Vergangenheit zählt: Bayern hat 15 Mal den DFB-Pokal gewonnen, Dortmund drei Mal. Bayern ist 22 Mal deutscher Meister, der BVB acht Mal; München hat vier Mal die Champions League gewonnen, Dortmund ein Mal. Dazu kommt: Bayern steht in wenigen Tagen gegen Chelsea im Champions-League-Finale, der BVB schied in der Gruppenphase aus. In diesem Teilvergleich von einer Wachablösung zu sprechen, scheint damit mehr als gewagt, "denn dazu gehört auch eine gewisse Nachhaltigkeit", wie BVB-Trainer Jürgen Klopp bereits erklärt hat.
Um nachhaltig Erfolg zu haben, braucht jeder Verein eine starke Mannschaft. Gute Transfers sind teuer, gute Spieler zu halten auch. Stars wie Arjen Robben oder Franck Ribéry bleiben, weil der FC Bayern einer der besten Vereine dieser Erde sei, betonen sie. Dortmunds Shinji Kagawa liebäugelt hingegen mit einem Wechsel zu Manchester United, weil er bei einem der besten Vereine der Welt spielen will. Der FCB ist ein Einkaufsverein, der BVB noch ein Verkaufsverein. Auch da hat Bayern einen Vorteil.
Zu solch einem Vergleich gehört zwingend auch die finanzielle Situation der Klubs: 2005 stand der BVB vor dem Kollaps, hatte 144 Millionen Euro Schulden. Ausgerechnet Bayern-Manager Uli Hoeneß rettete damals die Borussia mit einem Kredit vor dem Lizenzentzug. Derzeit soll der Borussen-Schuldenstand 44 Millionen Euro betragen, Tendenz rapide fallend. 2012 peilt der BVB einen Umsatz von 200 Millionen Euro an. Der FC Bayern setzt dieses Jahr 350 Millionen Euro um. Hinzu kommt, dass die Allianz-Arena bis spätestens 2020 abbezahlt ist. Das Stadion ist fast eine halbe Milliarde Euro wert, die Mannschaft etwa 360 Millionen, zudem ist das Festgeldkonto gefüllt. Auch hier gewinnt der FCB den Vergleich.
Dennoch hat Bayern seit zwei Jahren keinen nationalen Titel gewonnen. Wohl auch deshalb, weil sich der FCB zuletzt zu sehr auf europäische Erfolge konzentrierte. Nun ist die Konkurrenz im eigenen Land plötzlich da. Aber genau die könnte München in Zukunft noch stärker machen. Das meint auch Bayerns Torwartlegende Oliver Kahn. Denn Konkurrenz bringe den Verein dazu, dass er sich kontinuierlich hinterfrage. Bayern wird in seinen Kader investieren, wird ihn noch breiter aufstellen, Dortmund wird versuchen zu folgen. Die Qualität wird insgesamt steigen, die Bundesliga wird davon auch im internationalen Vergleich profitieren. Die Nationalmannschaft zwangsweise ebenfalls, was sie bei der EM bereits beweisen kann.
Und so lässt sich festhalten. Dortmund hat derzeit die bessere Mannschaft. Der bessere Verein bleibt aber der FC Bayern. Wenn beide durch die Konkurrenzsituation nun noch stärker werden sollten, freut sich am Ende vor allem einer: der deutsche Fußball.

































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