Nicht nur für das Staatsballett Berlin, das Dortmunder und Bielefelder Ballett schießt Stöß zu jeder neuen Premiere die offiziellen Bilder, auch für das Ballett des Saarländischen Staatstheaters. Nach Saarbrücken zu kommen, ist für die Fotografin wie ein Heimspiel. Denn hier hat vor rund 20 Jahren alles begonnen. Damals ging Stöß noch einem bürgerlichen Beruf nach. Sie arbeitete als Pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Saarbrücker Apotheke. "Fotografiert hab ich schon immer, schon als Kind", erzählt sie, "aber dann hab ich eines Tages Birgit Scherzers ,Requiem!!' gesehen. Das hat mich so umgehauen, da hab' ich mir gesagt: Du wirst jetzt Tanzfotografin."
Aber wie stellt man das an? Erst bat Stöß die damalige Theaterfotografin, Hanne Garte, ob sie mal mitkommen könne ins Theater. "Dann habe ich Birgit Scherzer in der Kantine getroffen, meinen ganzen Mut zusammengenommen und gefragt, ob ich mal zugucken kann", erinnert sich Stöß. Von da ab saß sie jeden Abend im Ballettsaal bei den Proben, die Spiegelreflexkamera im Anschlag.
"Das Schwierigste am Anfang war, den richtigen Moment zu finden", sagt Stöß. Beim Tanz sollte ein Bild den höchsten Punkt einer Bewegung treffen, dann entfaltet sich die höchste Spannung, und die Schwerkraft scheint aufgehoben. "Diesen Punkt zu erkennen, das war wie ein Alphabet zu lernen für mich".
Dass Stöß sehr musikalisch ist und durch ihren Judo-Leistungssport über ein grundlegendes Bewegungsverständnis verfügte, kam ihr in dieser Lernphase sehr zugute.
"Nach drei, vier Monaten ,Requiem!!' machte es klick in meinem Kopf, und meine Fotos wurden schlagartig besser," weiß Stöß noch. Erst engagierte Scherzer sie als Fotografin, dann kamen Oper und Schauspiel hinzu.
1992 nahm sie wieder ihren Mut zusammen, fuhr nach Wuppertal und bot Pina Bausch ihre Dienste an. Auch deren Tanztheater durfte sie fortan fotografieren, gehörte zum Stamm der vier bis fünf Bausch-Fotografen. "Persönlich kam man aber nicht an sie heran," sagt Stöß. Anders als bei Scherzer, mit der sie bis heute eng befreundet ist.
1993 hängte Stöß den Apotheken-Job endgültig an den Nagel, 1998 gründete sie stage picture, eine Agentur für Theaterfotografie. 2001 zog Bettina Stöß, weil dort nun mal das größte Kulturangebot ist, nach Berlin.
Eine Produktion wie bei "Requiem!!" wochenlang zu verfolgen, das kann sich Stöß heute nicht mehr leisten. "Meist komme ich in einer Stadt an, hab' eine Probe zum Zuschauen, und dann geht es los", erzählt sie.
Drei Endproben hat sie, um mit der Kamera das Beste herauszuholen. Manche ihrer Kollegen halten einfach drauf und schießen endlos Serienbilder. Nicht so Stöß, sie wartet auf den richtigen Moment. "Du musst genau wissen, wann ihre Bewegung an diesen einen Punkt kommt, das kriegt man mit einem Serienbild gar nicht hin." Einige Choreografen wollen von Stöß alle Aufnahmen der Proben zur Auswahl, andere "nur" 100. "Viele", hat sie festgestellt, "verwenden die Fotos, um ihren Tänzern Korrekturen zu geben." Denn ein Bild zeigt unbestechlich, ob die Arm- oder Beinhaltung perfekt ist. Nicht nur Choreografen, auch Opern- und Schauspielregisseure schätzen Stöß' genauen Blick. Den Regisseur und Autor Armin Petras begleitet sie kontinuierlich. Doch der Tanz ist die Königsdisziplin. "Wenn du Ballett-Augen hast," formuliert es Stöß, "ist das andere viel leichter, denn im Schauspiel sind die Bewegungen ja langsamer, du hast viel mehr Zeit, um auszulösen."Foto: goscha nowak
"Das Schwierigste am Anfang war, den richtigen Moment zu finden".
Bettina Stöß
































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