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Als die Franzosen die Gruben betrieben

Von SZ-Redakteur Johannes Werres

Saarbrücken. Bis zum Jahr 2019 hätte ein Vertrag halten sollen, der Frankreich erlaubte, von Lothringen aus Kohle im saarländischen Warndt abzubauen. Die "Warndtfrage" offenbart im Kleinen, was im Großen europäische Geschichte mitbestimmte (Veröffentlicht am 17.04.2012)

Inspektion_Geislautern

Immer wieder dominierten auch die Franzosen auf den Saar-Gruben: Eingang zur Inspektion Geislautern in den 20er Jahren. Foto aus: Das Saarbuch von Friedrich HeissFoto:

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. Saarbrücken. Bis zum Jahr 2019 hätte ein Vertrag halten sollen, der Frankreich erlaubte, von Lothringen aus Kohle im saarländischen Warndt abzubauen. Die "Warndtfrage" offenbart im Kleinen, was im Großen europäische Geschichte mitbestimmte.

Abgeschlossen hatte den Vertrag 1920 die "Administration des Mines Domaniales Françaises de la Sarre" mit französischen Abbaugesellschaften. Damals, nach dem Ersten Weltkrieg, hatte Frankreich das Sagen. Nach der Abstimmung 1935 wurden die Gruben wieder deutsch betrieben. 150 Millionen Goldmark zahlte Deutschland als Ausgleich und beendete damit den Warndt-Vertrag bis 1940. Die Deutschen bauten jetzt, mitten im Krieg, dort wieder selbst ab.

Nach Ende des Nazi-Krieges übernahmen abermals die Franzosen die Kohleförderung an der Saar. Zuerst betrieb eine "Mission Française des Mines de la Sarre", ab 1948 dann die "Régie de Mines de la Sarre" (Sitz Saarbrücken) die Gruben. Im Warndt wurde wieder unter der Grenze weg von Westen her abgebaut. Vertraglich geregelt wurde das erst 1953 im "Grubenvertrag". Die lothringische HBL ("Societé Huillierès de Bassin de Lorraine") pachtete vom Saarland Felder in Karlsbrunn, St. Nikolaus, Emmersweiler und Großrosseln. Eine der Pachten lief sogar bis 2006. Diese Warndt-Verträge blieben gültig, als 1956/57 aus den französisch-saarländischen Saarbergwerken eine deutsche Akiengesellschaft wurde (74 Prozent gehörten dem Bund, 26 Prozent dem Saarland).

Unter Tage sind sie eins, das Saarkohlebecken und das Lothringische Kohlebecken um St. Avold, Faulquemont, Merlebach, Saargemünd und Forbach. Doch über Tage wies die Grenze einen Teil Frankreich und einen Teil Deutschland zu. Für beide Nationalstaaten war es seit Mitte des 19. Jahrhunderts höchst attraktiv, dass mit der Kohle Erz aus Lothringen und der nahen luxemburgischen Minette verhüttet werden konnte. Beide Länder versuchten deshalb ständig, das ganze Kohlefördergebiet in die Hand zu bekommen.

Was viele nicht wissen: An solchen Erkenntnissen setzte 1951/52 der erste Schritt zur Europäischen Union an. Nie mehr sollte die Schwerindustrie ein kriegstreibender Faktor in Europa sein. 1952 übertrugen dazu in einem beispiellosen Vertrag Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien, die Niederlande und Italien gewisse nationale Rechte auf die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl" (EGKS, "Montanunion"). Deren "Hohe Behörde" in Luxemburg koordinierte nationale Belange bei Kohle und Stahl. Die Initiative ging auf den französischen Außenminister Robert Schuman zurück. Die Saar-Regierung stimmte zu, obwohl sie nicht als Unterzeichnerstaat akzeptiert wurde. Um ein Haar wäre Saarbrücken sogar Sitz der neuen europäischen Institutionen geworden.

Die EGKS, für 50 Jahre vereinbart, wurde 2002 nicht verlängert. Die Wandlung von der kriegsgefährlichen Rolle der Montanindustrie zum Motor der europäischen Einigung und die wirtschaftliche Entwicklung hatten sie überflüssig gemacht: Die letzte lothringische Grube in Creutzwald schloss 2004. Das letzte Saar-Bergwerk in Ensdorf schließt in wenigen Wochen.

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