In der Schule wurden an jenem Tag Abiturprüfungen geschrieben. Das normale Pausenklingeln war abgestellt. Robert Steinhäuser erreichte am späten Vormittag die Schule. In der Herrentoilette rüstete er sich für das Massaker, wie es in einem späteren Untersuchungsbericht heißen wird. Er war komplett in Schwarz gekleidet, trug eine schwarze Maske und Ohrenstöpsel. Er bewaffnete sich mit einer Pistole und einer Pumpgun. Wahrscheinlich gegen 11 Uhr fiel der erste Schuss. Zehn Minuten später waren 16 Menschen tot. Dann richtete sich Steinhäuser selbst. Die Polizei sicherte mehr als vier Tage die Spuren.
Wenige Tage später gedachten rund 100 000 Menschen auf dem Domplatz der thüringischen Landeshauptstadt der Opfer, unter ihnen Bundespräsident Johannes Rau und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Trotz heftiger Debatten gab es eine 17. Kerze für den Täter.
Im Untersuchungsbericht des Justizministers Karl Heinz Gasser (CDU) heißt es, dass Steinhäuser "ein für Amokläufer typisches Persönlichkeitsprofil" habe: ein Einzelgänger, der nach außen freundlich, aber in sich gekehrt sei, der sich zurückgewiesen fühle und eine paramilitärische Neigung habe. Aber wegen der ausführlichen Befassung mit Amokläufen und der "punktgenauen Planung und Ausführung" müsse eher von "einem verbrecherischen Attentat" gesprochen werden. Schulleiterin Christiane Alt nennt es schlicht ein Massaker.
Steinhäuser konsumierte Gewaltfilme und -computerspiele. Mit 17 war er einem Schützenverein beigetreten. Seine Waffenbesitzkarte war nicht zu beanstanden. Er verfügte über eine umfangreiche Sammlung von Berichten über das Schulmassaker von Littleton in den USA, bei dem 1999 15 Menschen umkamen. Rund ein halbes Jahr vor seiner Tat war Steinhäuser wegen Urkundenfälschung und Schuleschwänzens von der Schule verwiesen worden. Seinen Eltern hatte er dies verschwiegen. Er hatte keinen Schulabschluss.
Der Gasser-Bericht beklagt die "Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit" in Steinhäusers Leben, aber auch in der Gesellschaft, sieht in dem Fall aber "keine Besonderheit des ostdeutschen Lebensumfeldes". In den Jahren nach der Tat reagierte die Politik: Das Jugendschutzgesetz wurde reformiert, das Waffenrecht verschärft und die Einsatzregeln der Polizei wurden angepasst. Jede Schule in Thüringen erhielt einen Amok-Notfallplan. Zudem ist seit 2004 an Gymnasien eine "Besondere Leistungsfeststellung" Pflicht - kein Schüler kann die Schule ohne Abschluss verlassen.
Drei Jahre nach der Tat wurde die Gutenberg-Schule nach Bauarbeiten wieder eröffnet. Es sei bekundeter Wille gewesen, die Schule zusammenzuhalten, sagt Direktorin Alt. Fünf Lehrer kehrten nicht zurück in das Gebäude. 2010 haben die letzten Schüler, die jenen Tag im April erlebten, das Haus verlassen. Es sei für die Schule ein langer Weg zurück zu einer Art Normalität gewesen, sagt Alt.
"Das Massaker ist Bestandteil meines Lebens", hatte die Schulleiterin vor einigen Tagen in Erfurt gesagt. Im Alltag spiele es zwar keine Rolle mehr. Doch noch immer könne sie sich an jedes Detail erinnern - auch wenn sie sich dazu konzentrieren müsse.
Heute wollen Schüler und Lehrer bei einer Gedenkveranstaltung an den Jahrestag erinnern. In der Stadt sollen die Glocken aller Kirchen läuten. Eine Gedenktafel am Gebäude erinnert an die 16 Opfer - nicht aber an Steinhäuser. Sie ist das Ergebnis einer dreijährigen Debatte. Es soll ein Gedenken an die Opfer sein, betont Alt.Foto: dapd
Foto: Koch/dapd
"Das Massaker ist Bestandteil meines Lebens."
Christiane Alt,
Schulleiterin
































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