"Früher hieß das taubstumm", sagt Hiltrud Freitag. Sie benutzt die Gebärdensprache; setzt Hände und Mimik ein, formt dazu einzelne Laute und Worte. "Wir sind taub, aber nicht stumm." So genannt zu werden, macht sie wütend; ihre Gebärden machen das ganz deutlich. Tochter Carolin, die gegenübersitzt, müsste hier gar nicht in Lautsprache übersetzen, was ihre Mutter meint. "Ich kriege immer so einen dicken Hals, wenn jemand auf uns zeigt und sagt, 'guck mal, die sind taubstumm'. Das ist ein Schimpfwort". Hiltruds Mann Gunter nickt zustimmend. Besser sei es einfach, "gehörlos" zu sagen, erklärt er mit Gebärden und blickt seiner Frau beruhigend in die Augen.
Denn eigentlich sind Hiltrud und Gunter Freitag keine Persönlichkeiten, die mit ihrer Behinderung hadern. Im Gegenteil. Sie leben "jenseits der Stille" - der Titel eines Films, der sich einfühlsam mit dem Thema Gehörlosigkeit in der Familie auseinandersetzt, passt gut zu ihnen, finden sie. Denn die Hilbringer haben jenseits der akustischen Welt alles, was sie brauchen. Zwei gesunde Kinder - Carolin (23) und Florian (27), seine Tochter Lina und seine Freundin Esther (die geklingelt hatte). Als alle im Wohnzimmer versammelt sind, wird es gemütlich. Die Großen unterhalten sich lebhaft in Gebärden- und Lautsprache, mittendrin spielt Lina. Sie wächst zweisprachig auf, wie schon ihr Vater und ihre Tante.
"Schließlich ist die Gebärdensprache der einzige Weg, mit unseren Eltern zu reden", sagt Carolin. Ihr Bruder ergänzt: "Mit ihnen haben wir uns immer mit den Händen unterhalten. Und im Kindergarten und in der Schule haben wir die Lautsprache gelernt. Auch bei meiner Oma, die uns mit großgezogen hat, weil unsere Eltern gearbeitet haben." Zweisprachig zu sein, empfindet Carolin als "Riesen-Vorteil". Die angehende Erzieherin setzt die Gebärdensprache auch beruflich ein, als Dolmetscherin in einer sozialen Einrichtung. Auch für ihre Eltern übersetzt sie - bei Behördengängen, beim Arzt, beim Einkaufen. "Dabei können sie sich in der Welt der Hörenden eigentlich gut verständigen, sie haben bloß immer ein bisschen Angst davor. Aber wenn ich nicht da bin, dann klappt es ja - zur Not mit Händen und Füßen." Zumal Hiltrud und Gunter gut von den Lippen ablesen können.
"Das hat man uns in der Schule beigebracht", erinnert sich Gunter, der wie seine Frau das Gehörlosen-Internat in Lebach besuchte. "Da haben wir uns kennengelernt", erzählt seine Frau und beide lächeln, während sie zurückdenken. Ihre Kindheit war nicht frei von Schatten. Gehörlose Kinder litten in den 50-er und 60-er Jahren unter Ausgrenzung, Ignoranz, Verboten oder der Aufforderung, "sich in der Öffentlichkeit normal zu verhalten, von den Lippen abzulesen und zu sprechen, statt zu gebärden," erinnern sich Gunter und Hiltrud auch. Dennoch gingen sie ihren Weg, heirateten 1980, gründeten eine Familie, sind integriert in einen großen Freundeskreis.
In ihrem "Treff der Freunde" kommen sie seit Jahrzehnten regelmäßig mit Schulfreunden zusammen, darunter der bekannte Pantomime Jomi, der Gunters bester Freund ist. In Gemeinschaft haben Freitags auch schon die halbe Welt bereist. "Wir waren in Amerika, in Russland, in Schweden. Wir können kein Englisch, aber wir kommen mit Gebärden überall zurecht - das ist gut", findet Hiltrud. Überhaupt ist sie ein optimistischer Mensch - eine Eigenschaft, die ihre ganze Familie prägt. Neben Optimismus gehören auch Beständigkeit und Kreativität zum Leben des gehörlosen Ehepaars.
Gunter arbeitet seit 31 Jahren im Archiv der Agentur für Arbeit in Saarlouis, seine Frau ist seit 35 Jahren als Keramikmalerin bei Villeroy & Boch in Merzig, Abteilung Tischkultur, beschäftigt. Wenn sie an ihrem Arbeitsplatz in der riesigen, lauten Werkshalle sitzt und Muster auf Geschirr malt, ist die Stille auch ein Vorteil, findet sie. "Ich kann mich auf die Arbeit konzentrieren. Ich höre den Lärm der Maschinen nicht oder die Gespräche von anderen". Mit Hingabe verziert sie das Porzellan, 700 Stück pro Tag. Ihr liebstes Motiv ist die "Wildrose", seit 1969 ein V&B-Klassiker, den sie noch aus der freien Hand malen kann, obwohl die Kollektion heute maschinell dekoriert wird. Gleichwohl sei es bei der Arbeit manchmal auch schwer, die Kollegen beim Gespräch zu beobachten und nicht zu wissen, worum es geht. "Mehr Dolmetscher wären schon besser", findet Hiltrud, auch im Alltag "da draußen". Aber: "Es geht alles auch so."
Zuhause hat sich das Ehepaar Freitag der Hobbykunst verschrieben. In der Werkstatt im Keller widmet sich Gunter der Tiffany-Glaskunst, während Hiltrud aus Stoffresten bunte Patchwork-Kreationen näht. Die Werke der beiden zieren das ganze Haus. Wenn sie am Wochenende oder nach Feierabend nicht werkeln oder im Garten arbeiten, sind sie unterwegs. In Ausstellungen, beim Gebärdensprach-Stammtisch oder bei Freunden. Beide haben den Führerschein, "man muss beim Fahren eben aufmerksamer schauen, wenn man nicht hört", meint Gunter.
"Unser Alltag ist also ganz normal", sagt Carolin. "Meine Eltern brauchen halt kein Telefon und die Klingel funktioniert anders." Handys und Internet haben ihren Alltag indes bereichert: Endlich können sie sich schnell mal eben eine Nachricht schicken oder mit Florian, Esther und der kleinen Lina, die in Coburg wohnen und nur zu Besuch nach Hilbringen kommen, skypen. "Das ist schön", finden Hiltrud und Gunter Freitag. Noch schöner: Wenn ihre Kinder alle daheim sind, ganz nah. Ihre Stimmen können sie auch dann nicht hören. "Aber wir sehen sie, das ist wichtiger. Und wir sprechen miteinander." Klar und deutlich, jenseits der Stille, auch ohne Ton.Herr Wirth, Sie haben den Gebärdensprach-Stammtisch mitbegründet - mit welchem Ziel?
Reinhold Wirth: Die Idee entstand in einem Gebärdensprach-Kurs bei der KEB in Bous. Dort lernte ich Elisabeth Schrecklinger kennen, mit der ich den Stammtisch ins Leben rief. Wir wollten ihn nicht nur für Gehörlose anbieten, sondern auch für Hörende und Schwerhörige - ich bin selbst Träger zweier Hörgeräte.
Wir wollten die Gelegenheit bieten, die Gebärdensprache regelmäßig zu sprechen, abends in gemütlicher Runde. Daraus hat sich ein offener Treff entwickelt.
Es geht uns darum, die Kommunikation und die Zusammengehörigkeit zu stärken. Es geht zum einen um sprachliche Weiterbildung, aber auch darum, miteinander Zeit zu verbringen, sich auszutauschen, auch mal "dummzuschwätzen" - mit Zeichen oder Worten.
Wird das Angebot denn gut angenommen?
Wirth: Ja, sehr. Der harte Kern besteht aus fünf bis sechs Leuten. Zuletzt hatten wir bis zu 25 Teilnehmer. Sie kommen aus den KEB-Kursen oder dem Internationalen Verein für Umwelterkrankte in Dillingen, dessen Vorsitzender ich bin. Aber auch aus Trier oder Luxemburg. Ein Gebärdensprach-Lehrer ist auch dabei, sodass immer übersetzt werden kann, wenn es Schwierigkeiten mit der Verständigung gibt. Aber das kommt selten vor, wir sind ein eingespieltes Team.
Muss jeder Teilnehmer die Gebärdensprache beherrschen?
Wirth: Nein. Wir kommunizieren in Lautsprache, lautsprachbegleitender Gebärdensprache, reiner Gebärdensprache oder auch mit dem Fingeralphabet. Auch wer die Gebärdensprache nicht beherrscht, wird merken, wie einfach er bei uns kommunizieren kann. Viele Gesten kennt man aus dem Alltag der Hörenden, zum Beispiel Daumen hoch für Zustimmung oder ein Fingerzeig für eine Wortmeldung. Wir erzählen uns auch Witze. Es geht bei uns ungezwungen zu. Darum kommen auch Rollstuhlfahrer oder andere Behinderte zu uns, auch weil wir nicht nur Gebärdensprache pauken, sondern uns über alles mögliche austauschen - auch ohne Ton. Wir können dabei alle viel voneinander lernen, indem wir aufeinander zugehen.
Ein Ziel ist also auch, Berührungsängste zu überwinden?
Wirth: Auf jeden Fall. Bei uns geht es ja auch um kulturellen Austausch, denn die Gehörlosen haben ihren eigenen Kulturkreis. Die Gebärdensprache hat viel weniger Ausdrücke als die Lautsprache, die Kommunikation ist direkter. Die Hörenden, denen das erstmal fremd ist, können lernen, schneller auf den Punkt zu kommen. Und die Nicht-Hörenden, die sonst eher unter sich bleiben würden, kommen in Kontakt mit Hörenden - es ist ein Geben und Nehmen. Wir machen auch Ausflüge zusammen, sind füreinander da. Wer zu uns kommen möchte, braucht nur gute Laune und den Willen, mal etwas Neues kennenzulernen.Foto: Reinhold Wirth































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