Jetzt, Monate später, ist es so weit: Die Compagnie probt den ersten Teil aus ihrem Stück. Im Kellertheater des Le Carreau liefern sich eine Frau und ein Mann auf einem Sofa einen wortreichen Streit. "Du nervst mich, Lili, und ich bin da nicht der einzige", schimpft der Mann. "Entweder Du engagierst Dich für die Dritte Welt, oder Du streunst herum, oder Du gehst heiraten". In dem Stück gehe es um eine Familie, erklärt Marchand. Um drei Brüder, eine Schwester und die Mutter, die sich so genau kennen, dass sie sich nicht verlassen können. Eine Art Symbiose, die irgendwann explodieren werde. "TGNM Théâtre" ist nach ihren Initialen Thomas Gourdy und Nicolas Marchand ihre neue Truppe benannt, ihr Stück heißt "Aujourd'hui ça fait un an" (Heute ist es ein Jahr her) und ist im Werden.
Das Besondere: Die Schauspieler durften die Biografien ihrer Figuren selbst entwickeln, danach haben Gourdy und Marchand sie konkreten Situationen ausgesetzt. Für alle Szenen und Dialoge, die daraus entstehen, sind die Akteure mitverantwortlich.
Marchand ist 32, Gourdy 29, ihre Akteure sind zwischen 23 und 35 Jahre alt und allesamt keine Anfänger - sie treten sonst mit renommierten Regisseuren wie Thomas Langhoff, Stéphane Braunschweig und Eric Vigner auf, im Pariser Odéon, La Colline, beim Avignon-Festival, auf Frankreich-Tourneen. Alle leben in Paris. Was zieht die Truppe also nach Forbach? Viele Gründe sprechen dafür, sagt Marchand und lächelt. Le-Carreau-Chef Frédéric Simon habe ihnen eine Künstler-Residenz angeboten: freie Probenräume, Unterbringung und Auftrittsmöglichkeit. So ein Angebot erhalte man nicht häufig. "In Paris wären wir eine Compagnie unter Tausenden, eine mehr, auf die niemand wartet", sagt Marchand. Hier dagegen gebe es wenig Kulturangebote und hohe Arbeitslosigkeit. Da werde man genötigt, sich noch mal grundsätzlich zu befragen: "Warum machen wir überhaupt Theater, was können wir den Leuten hier bieten?"
Morgen stellen sie ein 45-minütiges "Musterstück" ihrer Produktion vor, vornehmlich, um Koproduzenten zu gewinnen. Denn bisher haben Gourdy und Marchand alles aus eigener Tasche finanziert, können ihre Schauspieler noch nicht bezahlen. Aber das soll sich bald ändern. "Eine 'Scène Nationale' oder ein 'Centre Dramatique National' als Koproduzent bringen 50 000 bis 80 000 Euro", sagt Marchand. "Wir brauchen mindestens noch zwei solcher Partner. Und wenn wir gut sind, können wir in zwei, drei Jahren vielleicht schon Produktionsbudgets von 200 000 bis 300 000 Euro aufstellen", gibt er sich zuversichtlich. Im französischen Theatersystem sei das für eine freie Compagnie möglich, im deutschen nicht. Da dort die Hauptsubventionen in die Stadttheater flössen, falle für die Freien zu wenig ab. Marchand spricht aus eigener Erfahrung. Mehrere Jahre lang hatte er in Österreich eine eigene Truppe und löste sie trotz einiger Erfolge und Preise schließlich auf. Wird aber das TGNM Théâtre noch in Forbach bleiben, wenn die Finanzierung erst steht? Aber ja, versichert Marchand. Man wolle sich als Truppe hier wirklich niederlassen, regelmäßig kommen, um zu proben, auch Workshops für Schüler und Jugendliche seien in Planung. Reizvoll sei die Möglichkeit, hier zweisprachig zu arbeiten. "Unsere Idee ist, unsere Stücke erst hier aufzuführen, dann nach Paris zu gehen und auf Tournee."
Termin: Morgen, Dienstag, um 19 Uhr im Le Carreau, Forbach. Der Eintritt ist frei.
Informationen und Kontakt:
"In Paris wären wir eine Compagnie unter Tausenden."
Regisseur
Nicolas Marchand
































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