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kul-seeger Eric Kandel (79) mit seinem liebsten Forschungsgegenstand: dem menschlichen Gehirn. Fotos: W-film

Ins Hirn geblickt

Saarbrücken. Die Regisseurin Petra Seeger hat einen berührenden Film über den US-Hirnforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel gedreht - ab morgen in Saarbrücken zu sehen. Die Dokumentation "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" erklärt die Arbeit des Mediziners und begleitet ihn bei einer Reise nach Wien in Kandels Vergangenheit. SZ-Redakteur Tobias Kessler hat mit der Regisseurin gesprochen.

Wie schnell hat Nobelpreisträger Eric Kandel zugestimmt, dass Sie einen Film über ihn und mit ihm drehen?

Seeger: Sehr schnell. Wir haben uns in Berlin eher zufällig kennengelernt, als Wim Wenders in den Orden "Pour le merite" aufgenommen wurde, in dem Erik Kandel ebenfalls Mitglied ist. In der Nacht zuvor hatte mir jemand von Kandel und seiner Bedeutung für die Psychoanalyse erzählt. Als ich ihn ansprach, erzählte er mir begeistert von seiner Forschung, und ich sagte, darüber müsste man mal einen Film drehen. Er stellte mich dann seiner Frau vor: "Das ist Petra, sie ist Regisseurin, und wir werden einen Film zusammen machen." So begannen drei der intensivsten Jahre meines Lebens.

Sie haben auch Filme über Wim Wenders und Christoph Schlingensief gedreht.War Kandel am pflegeleichtesten?

Seeger: Nein. Wim Wenders zum Beispiel hat sich absolut rausgehalten, weil er selber Filmemacher ist. Kandel ist das nicht, außerdem hat er einen unglaublich hohen Anspruch an sich und andere. Er hadert heute noch mit manchen Stellen im Film, weil er meint, er hätte diesen oder jenen Satz über die Wissenschaft noch besser sagen können.

Sie haben Kandel filmisch lange begleitet. Gab es Momente, in denen seine Familie davon wenig begeistert war?

Seeger: Die gab es. Als seine Tochter hörte, dass ich beim jüdischen Pessachfest abends im Wohnzimmer mitfilmen wollte, hat sie erstmal gestreikt. Aus ihrer Sicht war das so: Endlich hat der Vater Zeit für ein Familienfest und hat dann ausgerechnet ein ganzes Filmteam dabei.

Einfach war das nicht.

Sicher auch nicht, als Sie Kandels Reise mit seiner Familie nach Wien begleitet haben - eine Stadt, die er als Kind verlassen musste, weil er Jude ist.

Seeger: Ja, man will diesen Prozess, den die Familie erlebt, keinesfalls stören. Das Erleben Kandels musste in einem geschützten Raum stattfinden.

Die wissenschaftliche Seite des Films ist nicht ganz einfach.

Seeger: Ich hatte zehn Stunden Material nur über die Wissenschaft, und das auch noch auf Englisch - das mussten mein Cutter und ich erstmal strukturieren. Vier Monate haben wir den Film geschnitten.

Hat Kandel den Film zwischendurch gesehen und kommentiert?

Seeger: Nein, erst als er fertig war. Es gab aber eine Vereinbarung mit ihm, was das Wissenschaftliche betrifft - da hätte er ein Veto einlegen können, hätte ich die Fakten falsch dargestellt. Es war ja ein großes Risiko, 50 Jahre Forschung in einem Film zu verdichten.

Wie teuer war Ihr Film?

Seeger: Bei einer Pressekonferenz in Hollywood haben dortige Filmjournalisten das Budget auf drei Millionen Dollar geschätzt. Ich hatte aber nur 160 000 Euro und musste dazu noch einen Kredit über 50 000 Euro aufnehmen.

War das Projekt so schwer zu finanzieren?

Seeger: Darüber könnte ich ein sehr dickes Buch schreiben. Jemand wie Eric Kandel wartet ja nicht darauf, dass eine Filmförder-Kommission sich zu einer Entscheidung durchringt. Man muss einfach anfangen - auch ohne Finanzierung oder Förderung, was allerdings eine große Belastung ist.

Der Film ist halb Wissenschaftserklärung, halb Porträt. War das immer so geplant?

Seeger: Ja, denn beides bedingt einander: Wir unternehmen eine Reise mit einem Gedächtnisforscher in seine eigene Erinnerung - wir zeigen das, was er wissenschaftlich untersucht hat, an ihm selbst. Er zeigt die Biochemie, ich zeige den Prozess von außen - wie sich Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart schieben. Es geht um den Prozess des Zurückgehens, des Überwindens einer traumatischen Erfahrung. Man spürt, dass Kandel da eine große Kraft herauszieht. Wir sehen hier die heilsame Kraft der Erinnerung.

War es schwer, für den Film einen Kinoverleih zu finden?

Seeger: Fast unmöglich. Bei der Premiere in Österreich waren die Menschen begeistert, in Deutschland wollte den Film niemand haben. Viele Verleiher haben uns nicht einmal geantwortet. Das ging über ein Dreiviertel Jahr lang. Bis sich dann W-film gemeldet hat, ein junger und enorm engagierter Verleih. Er bringt den Film jetzt in knapp 100 Kinos. Für eine Dokumentation ist das sensationell viel.

Kritik zu "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" morgen im treff.region. Der Film startet im Saarbrücker Filmhaus.

Auf einen Blick

Andere neue Filme der Woche: Julie Delpy (Regie, Buch, Musik) spielt in "Die Gräfin" (Camera Zwo, Sb) die ungarische Herrscherin Erzsébet Báthory, die sich in einer Männerwelt mit Brutalität durchsetzt - ein sehenswertes und bisweilen blutiges Historienstück. Das episodische US-Immigrationsdrama "Crossing Over" (Camera Zwo, Sb) mit Harrison Ford meint es gut, ist aber etwas klischeelastig geraten. red

Beitrag vom: 24.06.2009, 00:17

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