+9°
Anmelden   |   Sie befinden sich hier: Startseite - Zeitung - Kultur

Lokalausgabe Kultur

Die Erschütterung des Gewohnten

Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Saarbrücken. "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Aus dem Satz Adornos spricht die tiefe moralische Erschütterung, die eine ganze Generation Intellektueller und Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg prägte (Veröffentlicht am 26.10.2012)

kul-frischmuth4

Das Gedicht "Honiguferkante" - von Leo Kornbrust in Granit graviert. Foto: Literaturarchiv

Foto:

kul-frischmut_9747

Felicitas Frischmuth

Foto 1 / 1
. Saarbrücken. "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Aus dem Satz Adornos spricht die tiefe moralische Erschütterung, die eine ganze Generation Intellektueller und Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg prägte. Felicitas Frischmuth (1930-2009) war Adorno-Schülerin, hatte den Krieg als Mädchen in Berlin erlebt, ihren Vater verloren, bevor sie ihr Leben dem Schreiben widmete. Frischmuth verstand Adornos Satz offenbar nicht als Diktum. Und doch ist ihr Werk von jenem grundlegenden Gefühl der Erschütterung geprägt. "Die Kunst hat die Aufgabe, Chaos in die bestehende Ordnung zu bringen", ist ein weiterer Aphorismus Adornos. Genau das tat Frischmuth mit ihrer Lyrik, die inhaltlich wie formal Kausalitäten und vermeintliche Gewissheiten in Frage stellt: "erleben ist nicht erleben ist das Erlebte / das nicht Erlebte ist erlebt." (aus dem ersten Gedichtband "Papiertraum" von 1977).

Frischmuth, die seit 1959 an der Seite ihres Ehemanns, des Bildhauers Leo Kornbrust, in St. Wendel lebte, war nie eine Marktschreierin in der Kunstszene. Vielleicht liegt es an dieser Zurückhaltung, ihrem meist zurückgezogenen Arbeiten in der Natur des Nordsaarlandes, dass sie im öffentlichen Bewusstsein weniger präsent ist, als es ihr gerecht werden würde. Verblüfft muss man feststellen, dass Prosa und Lyrik Frischmuths, die immerhin 1982 den Kunstpreis des Saarlandes erhielt, längst nicht mehr verlegt werden, dass ihre öffentlichkeitswirksamsten Zeilen - jene von Kornbrust auf einer großen Stele eingravierten - seit Monaten hinter dem Bauzaun des Vierten Pavillons verschwunden sind.

Alleine aus diesem Grund ist es ein großes Verdienst des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux, nun mit der Ausstellung "Schreibweise der Unordnung" an Frischmuth zu erinnern. Die von der Literaturwissenschaftlerin Sarah Wegmann kuratierte Schau fokussiert sich auf einen wesentlichen Aspekt im Schaffen Frischmuths - ihr enges Verhältnis zur Bildenden Kunst. Geprägt wurde es maßgeblich durch Kornbrust, weist jedoch weit über diese Verbindung hinaus. Wegmann hat Exponate, die Frischmuths Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern dokumentieren, aus Privatbeständen zusammengetragen. So begegnet man den bunten Collagen Jutta Amsels oder einer Serie überlagerter Farbkreise von James Reineking. Ihnen steht jeweils eines von Frischmuths Gedichten gegenüber. Bilder und Texte sind meist völlig unabhängig voneinander entstanden, oft sogar mit jahrelanger Zeitverzögerung. Die konkrete Zuordnung von Gedichten und Gemälden erschließt sich nicht immer. Und Frischmuth, die sich zeitlebens einer Deutung ihrer Kunst entzog, macht es einem auch nicht gerade leicht. In einer handschriftlichen Notiz schreibt sie: "Ein Gedicht beschreiben hieße: ein neues Gedicht schreiben."

So ist es vielleicht gar nicht so wichtig, sich auf eine Suche nach dem Konzept zu begeben. Viel bedeutender scheint die Erkenntnis, dass sich Frischmuths Topos von der Auflösung scheinbarer Ordnung auch in den zugeordneten Malereien und Zeichnungen widerspiegelt, was zu einer unwillkürlichen gegenseitigen Verstärkung führt.

Viel Unveröffentlichtes findet sich in der Ausstellung: Tagebucheinträge, handschriftliche Reflexionen. Den größten Raum nehmen jedoch die Granit-Platten und -Würfel ein, auf denen Kornbrust Texte seiner Frau eingravierte. Sie im raschen Vorbeigehen zu studieren, ist kaum möglich. Und ihre Poesie auf sich wirken zu lassen, erfordert Muße. Bisweilen vielleicht auch Anstrengung. Aber sie lohnt sich.

Bis 22. November im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass (Beethovenstr., Saarbrücken-Dudweiler). Geöffnet: Mo bis Do, 9 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr; Fr, 9 bis 12 Uhr.

Foto: SZ

finerio.de - das Restaurant-Portal für Saar-Lor-Lux
Anzeige

Neueste Kommentare:


Suchen im SZ-Angebot  



Saarbrücker Zeitung Die Saarbrücker Zeitung ist die führende Tageszeitung im Saarland mit elf Lokalausgaben. Die SZ ist heute ein modernes Multimediahaus mit Tageszeitung, iPad-Ausgabe und erfolgreichen Web-Auftritten.
Pfälzische Merkur Der Pfälzische Merkur, gegründet 1713, erscheint in der Westpfalz und im Saar- pfalz-Kreis. Er ist eine der ältesten Tageszeitungen Deutschlands. Herausgeber: Zweibrücker Druckerei und Verlagsgesellschaft mbH.
Trierischer Volksfreund Die Tageszeitung Trierischer Volks- freund erscheint in Trier, Eifel, Hunsrück und an der Mosel. Ergänzt wird das Printangebot durch Apps, das Online-Angebot, Dienstleistungen in Logistik, Kommunikation und Werbung.
Lausitzer Rundschau Die Lausitzer Rundschau ist das führende Medienhaus der Lausitz, dessen Medien der Marktplatz sind für Meinungen und Informationen in der Region. Herausgeber: LR Medienverlag und Druckerei GmbH.
bigFM Saarland bigFM Saarland ist der innovative Sender in der Region für eine junge Hörerschaft. Verrückte Aktionen, regionales Programm und Interaktivität mit den Hörern lassen bigFM im Saarland von Jahr zu Jahr erfolgreicher werden.
euroscript International S.A. euroscript, führender Lösungsanbieter im Bereich Content-Lifecycle-Management, bietet Kunden weltweit umfassende Lösungen zur Konzeption, Entwicklung und Unterstützung von Content-Management-Prozessen.
TeleMedia - Telefonbuchverlag / RTV GmbH TeleMedia, der Telefonbuchverlag der Saarbrücker Zeitung, gibt seit mitt- lerweile 15 Jahren in den Verbreitungs- gebieten Saarland, Westpfalz, Mosel-Eifel-Hunsrück und Brandenburg über 50 Telefonbücher heraus.
Saarriva Als größter regionaler Briefdienstleister beliefert saarriva mehr als 700.000 Haushalte in der Region Saar-Mosel. Die Kooperation mit Partnern ermöglicht den nationalen und internationalen Brief- und Paketversand.
RPV Logistik Neben der Logistik der SZ erstreckt sich die Tätigkeit der RPV Logistik auf die Dienstleistungen eines modernen Druckzentrums, Versand- und Objekt- steuerung für SZ-eigene und fremde Verlagsobjekte.
CircIT GmbH Die circ IT ist ein auf IT-Dienstleistungen für Medien spezialisiertes Unternehmen mit Hauptsitz in Düsseldorf und bedient die Bereiche Media, Online, ERP, Infrastruktur, Desktop Services sowie Professional Services.
Die Berliner Medien Service GmbH (BMS) ist eine Tochterfirma der Saarbrücker Zeitung und besteht aus dem Berliner Büro und dem News-Pool. Das Berliner Büro versorgt zahlreiche Regionalzeitungen in Deutschland und Luxemburg mit hochwertiger Parlamentsberichterstattung aus Berlin. Der News-Pool bietet den angeschlossenen Zeitungen Texte, Fotos und Info-Grafiken zu den Themen Auto, Reisen, Computer, Hochschule, Jugend, Haus und Garten, Medizin oder Fitness.
Die Saarländische Wochenblatt Verlagsgesellschaft mbH, kurz SWV genannt, ist mit 15 Wochenspiegel-Titeln im Saarland vertreten.Der SVW gehört mehrheitlich zur SZ-Gruppe. Woche für Woche erhalten alle saarländischen Haushalte fei Haus wichtige Informationen aus ihrem regionalen Wochenspiegel.