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Die spektakuläre Lebensgeschichte des früheren Wasserballers Santiago Chalmovsky





Ein beinahe vergessener Star
Die spektakuläre Lebensgeschichte des früheren Wasserballers Santiago Chalmovsky

05. Februar 2016, 02:00 Uhr
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Kaum zu überwinden: Santiago Chalmovsky war einer der besten deutschen Wasserball-Torhüter. Foto: SZ/Chalmovsky Foto: SZ/Chalmovsky
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Santiago Chalmovsky und seine Olympiamedaille von 1984. Der 56-Jährige lebt heute in Duisburg. Foto: Klankert Foto: Klankert
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Santiago Chalmovsky Foto: Kai Klankert
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Foto: Kai Klankert
In einer neuen Serie trifft sich die SZ-Sportredaktion mit deutschen Medaillengewinnern bei Olympischen Spielen, die zugleich eine besondere Beziehung zum Saarland haben. Den Auftakt macht Santiago Chalmovsky (56).


 
In den Erinnerungen zu kramen, bereitet ihm sichtlich Freude. Immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Santiago Chalmovsky ist niemand, der mit seiner Vergangenheit, seinen Erfolgen prahlt. „Ich habe mich, meinen Status als Mensch, nie über die Medaille definiert“, sagt er, „ich empfinde einfach Dankbarkeit, dass ich all das erleben durfte.“

Chalmovsky ist ein saarländischer Olympia-Held. Einer der wenigen, die nicht nur bei Olympischen Spielen dabei waren, sondern auch dieses begehrte Stück Metall mit nach Hause brachten. Bronze, 1984 in Los Angeles. Mit der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft.

Die Lebensgeschichte von Chalmovsky, einem im Saarland fast vergessenen Star früherer Tage, ist eine spektakuläre. Auch wenn er selbst das so nie sagen würde. Der 56-Jährige ist zurückhaltend, höflich, aber gleichermaßen zielstrebig und ehrgeizig, was ihn im Sport, aber auch im beruflichen Werdegang ausgezeichnet hat. Alles beginnt 1948, als sich seine Eltern auf einem Schiff nach Argentinien kennenlernen. Der Vater ist Slowake, hat ein Konzentrationslager der kommunistischen Machthaber überlebt, die 1945 die Macht in der Tschechoslowakei übernommen haben. Er sucht eine neue Heimat. Die Mutter stammt aus Neunkirchen, doch das Saarland liegt in Trümmern. Beide hören von der boomenden Wirtschaft in Argentinien – und wandern aus.

Chalmovsky kommt am 25. Juni 1959 in Buenos Aires zur Welt, alle rufen ihn nur Diego. 1964 kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Nach Neunkirchen. Mit Diego im Gepäck und seinen älteren Brüdern Luis und Jorge. Sie kommen erst bei Verwandten in der Ellenfeldstraße unter. Später bezieht die Familie (zu der wenig später zwei weitere Söhne, Matthias und Michael, hinzukommen) das Bergarbeiterhäuschen der Oma auf der Scheib, in der Steinwaldstraße.

„Ich hatte wirklich eine schöne Kindheit“, sagt Chalmovsky, „zum Rumstromern und Spielen war es auf der Scheib perfekt. Hinter der Friedenskirche war ein toller Berg zum Schlittenfahren. Da ging es bestimmt 200 Meter bergab. Nur der Rückweg war immer anstrengend.“ Wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

Chalmovsky besucht die Volksschule in der Zweibrücker Straße, danach das Krebsberg-Gymnasium, damals das Knabenrealgymnasium. Mit der Mengenlehre wird ihm Mathematik mehr und mehr zum Verhängnis. Das Gymnasium verlässt er nach der 10. Klasse. Aber über die Fachoberschule und die Höhere Handelsschule kämpft er sich zur Fachhochschulreife: „Ich wollte mich halt nicht geschlagen geben.“

Die Entscheidung, das Saarland zu verlassen, fällt 1979. Er sucht eine für sich optimale Konstellation aus Beruf und Sport – und findet sie im Ruhrgebiet, mit einem Studium auf einer Dolmetscher-Schule in Köln und im Bundesliga-Team des Duisburger SV. Diesen Schritt hatte ihm der Bundestrainer empfohlen, denn Chalmovsky war in Neunkirchen längst zu einer Stütze in der Jugend- und Junioren-Nationalmannschaft geworden.

Natürlich war der Fußball damals in Neunkirchen allgegenwärtig. „Auch wir haben auf der Straße gespielt“, sagt Chalmovsky. Mit seinen Brüdern und Freunden schlichen sie sich auch zu den Bundesliga-Spielen ins Ellenfeld. „Manchmal mussten wir bis zur Halbzeit warten, bis die Ordner nicht mehr hingeschaut haben. Und nach den Spielen haben wir die Bierflaschen eingesammelt, um das Pfand zu bekommen“, erinnert sich Chalmovsky.

Seine Liebe aber galt dem Wasser. Über einen Cousin und seine Brüder kam Diego zum Neunkircher Schwimmverein. Dort lernte er Schwimmen – und hatte auch Spaß am Wasserball. „Mit elf, zwölf Jahren war ich das erste Mal dabei. Aber wenn ich mal spielen durfte, dann im letzten Viertel, wenn alles entschieden war“, sagt er und lächelt.

Der entscheidende Karriereschritt folgt bei den süddeutschen Jugendmeisterschaften. Weil zeitgleich die deutschen Meisterschaften im Schwimmen stattfinden, fehlt den Neunkirchern der Stammtorhüter. Ein guter Feldspieler geht ins Tor, doch sie verlieren hoch. „Da dachte ich: Dann kann ich doch ins Tor, schlimmer kann es ja nicht werden“, sagt Chalmovsky. Von da an ist er Torhüter – und plötzlich geht es steil bergauf. Zum Talent kommt mit zwölf Jahren ein Wachstumsschub. Chalmovsky, heute knappe zwei Meter groß, ist kaum zu überwinden. Mit 13 ist er schon Stammtorhüter bei den Herren – und der Schrecken der Gegner, die ins Neunkircher Stadtbad kommen.

Den Durchbruch in die deutsche Spitze bringt ihm der Wechsel nach Duisburg, wo Chalmovsky auch heute noch wohnt. Er wird Bundesliga-Torhüter und steht 1981 erstmals im Kader der A-Nationalmannschaft. Sein erstes großes Turnier vergisst er nicht. China öffnet sich gerade für den Westen, lädt im Oktober 1981 zu einem Acht-Nationen-Turnier ein. „Sportpolitisch war das ein Desaster“, erinnert sich Chalmovsky. Viele Topspieler fahren wegen anderer Verpflichtungen nicht mit. „Die hatten die Europameister-Mannschaft erwartet, stattdessen kamen wir mit einer Trümmertruppe. Das war schon ein Affront“, sagt Chalmovsky. Aber er genießt die Reise trotzdem und erfährt erstmals die Vorzüge des sportlichen Erfolgs. „Ich habe Länder und Menschen kennen gelernt, was so nie möglich gewesen wäre“, sagt er, „in China, das war schon einmalig. Wir sind auf der Straße regelrecht angestarrt worden.“

1982 verliert Chalmovsky den Platz im Kader, die Konkurrenz ist besser. 1983 ist er zurück. Darf mit zur EM in Rom. Nach einer Etatkürzung fährt die Mannschaft 23 Stunden mit dem Zug in die italienische Hauptstadt, bestreitet vor Ort viele Testspiele – und kann bei dem Turnier die Topleistung nicht abrufen. Schnell aber liegt der Fokus auf 1984 und den Olympischen Spielen in Los Angeles. Nach dem Boykott des Westens 1980 in Moskau folgt der Gegenboykott des Ostblocks. Russland und Ungarn etwa sind im Wasserball-Turnier nicht dabei. „Uns war klar, dass es nie mehr so einfach sein würde, ganz nach vorne zu kommen“, sagt Chalmovsky.

Er geht als Nummer zwei hinter Peter Röhle in das Turnier. Im Internet (unter anderem Wikipedia) ist verbreitet, er habe kein Spiel bestritten, doch das stimmt nicht. „Damals wurde nicht viel gewechselt. Aber gegen Japan durften alle Ersatzspieler ran. Auch ich. Aber wir hatten im Unterschied zu den anderen überhaupt keinen Rhythmus“, erinnert sich Chalmovsky. Deutschland gewann trotzdem 15:8.

Die anderen Spiele verfolgt er von draußen, in der Vorrunde und in der Finalrunde. Auch die knappen Niederlagen gegen Jugoslawien (9:10) und die USA (7:8), die damals vorne lagen. Deutschland wird Dritter, und Chalmovsky hat seine Olympiamedaille. „Die Eröffnungsfeier, der Moment auf dem Podest, als wir die Medaille bekommen haben, das war einfach fantastisch“, sagt Chalmovsky, der direkt nach den Spielen mit seinem Zimmerkollegen Armando Fernandez, einem eingedeutschten Mexikaner, vier Wochen Urlaub in dessen Heimat machte. Die Reisen hatten es ihm angetan.

„Ich bin froh, dass ich all das mitmachen durfte“, sagt Chalmovsky heute, fast 32 Jahre später. Er ist zum zweiten Mal verheiratet, mit Gundula, mit der er auch eine seiner insgesamt drei Töchter (Maya, Annika, Janna) hat. Seine Frau arbeitet unter der Woche in der Schweiz, Chalmovsky kümmert sich um Maya und seinen Job bei der Firma Carl Spaeter, einem Handelsunternehmen für Stahlprodukte. Er ist stellvertretender Abteilungsleiter Rohstoffe. Einer seiner Kunden: Saarstahl. Im November war Chalmovsky daher wieder im Saarland – „leider nur kurz, weil ich zu viele Termine habe“.

Ohnehin macht ihm der zeitliche Stress zu schaffen. Seit Jahren. Selbst als er noch aktiv gespielt hat. „Als die Nationalmannschaft dazu kam, war es sogar schwer, einen regelmäßigen Kontakt zur eigenen Familie zu halten“, sagt Chalmovsky, „da war ich froh, dass St. Ingbert zwischendrin in der Bundesliga gespielt hat. Da konnte ich meine alten Kollegen Horst Eisfeller und Georg Mohr treffen.“

Als er kürzlich im Saarland war, hat er auch einen Abstecher nach Neunkirchen gemacht. Das alte Haus in der Steinwaldstraße begutachtet. Die Zweibrücker Straße runtergefahren zum Mantes-La-Ville-Platz. Das Stadtbad war nicht mehr da – stattdessen ein Supermarkt. „Ich hatte mir das schon gedacht, weil ich von dem neuen Kombibad in Furpach gehört hatte. Aber es war trotzdem schön, in die Historie einzutauchen“, sagt Chalmovsky, „das Saarland ist ein Stück Heimat und hat meine Person mit beeinflusst.“ Mehr als die Olympiamedaille in Los Angeles.

 

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HintergrundWas machen die saarländischen Medaillengewinner bei Olympischen Spielen heute? Wie haben die Erfolge von damals ihr Leben verändert? Die Sportredaktion der SZ trifft sich in der Serie „Saarländische Olympia-Helden“ mit deutschen Medaillengewinnern, die eine Beziehung zum Saarland haben. Das können gebürtige Saarländer sein oder Sportler, die nur während ihrer Karriere für einen bestimmten Zeitraum im Saarland lebten oder gar erst nach ihrer Karriere ins Saarland gezogen sind. Bei zweien ist uns ein Treffen nicht mehr vergönnt. Friedrich Spengler, Olympiasieger im Feldhandball 1936 in Berlin, starb am 10. März 2003 in Saarbrücken. Und die gebürtige Saarbrückerin Helga Volz-Mees, die 1964 in Tokio Silber im Florett-Einzel sowie Bronze mit dem Team gewann, ist am 11. April 2014 von uns gegangen. Zuletzt lebte sie in Schifferstadt, wo sie auch beerdigt wurde. red


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