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Annegret Hämsch hat im Rudern zwei Olympia-Medaillen gewonnen



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Auf den bestellten Trabi wartet sie heute noch
Annegret Hämsch hat im Rudern zwei Olympia-Medaillen gewonnen

20. Februar 2016, 02:00 Uhr
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Annegret Hämsch am Ruder-Ergometer mit ihren beiden Olympia-Medaillen: Gold 1988 in Seoul und Bronze 1992 in Barcelona. Heute arbeitet sie im Internat der Sportschule in Saarbrücken. Foto: Oliver Dietze Foto: Oliver Dietze
Saarländische Olympia-HeldenIn einer neuen Serie trifft sich die SZ-Sportredaktion mit deutschen Medaillengewinnern bei Olympischen Spielen, die zugleich eine besondere Beziehung zum Saarland haben. Teil 3 der Serie: Annegret Hämsch (47).
 
Wenn am 5. August die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro beginnen, wird im Hause Hämsch der Fernseher heiß laufen. Die ehemalige Weltklasse-Ruderin Annegret Hämsch ist Olympia-Fan – nicht nur, weil sie selbst schon Bronze und Gold gewonnen hat. „Ich schau mir bei Olympia alles an. Da kann die Familie ruhig im Dreieck springen“, sagt die 47-Jährige und muss lachen. Und wenn ein deutscher Sportler nach seinem Sieg auf dem Treppchen die Nationalhymne hört – „dann könnte ich grad mitheulen“, meint Hämsch.

Die Frau, die mit Mädchennamen Strauch hieß, wuchs in Dresden auf. Sie kam mit 13 Jahren zum Rudern. Und anders als viele Sportler, anders als Handballer Christian Schwarzer in der SZ-Olympia-Serie erzählte, hatte sie nie einen Zettel mit Zielen: „Als ich das gelesen habe, dachte ich: Oh Gott, so was hab ich ja nie gehabt. Ich wollte eigentlich immer nur Sport machen.“ Beim Erzählen lacht sie viel und gerne, Hämsch macht den Eindruck eines Menschen, der mit seinem Leben zufrieden und sich selbst im Reinen ist.

Als Kind fuhr sie gerne Rollschuhe und machte Leichtathletik, diese Liebe gibt es noch bis heute. Ihre Sportlehrerin erkannte einst das Talent, schickte die damals 13-jährige Annegret zur Sichtung für Kanu und Rudern. Ihre Größe, heute ist Hämsch 1,82 Meter groß, gab an der Messlatte den Ausschlag, dass Rudern ihr künftiges Leben bestimmen sollte. Ein paar Zentimeter weniger, und es wäre wahrscheinlich Kanu geworden. „Dabei hat mich Rudern bis dahin eigentlich nie interessiert.“

Nun änderte sich das Leben enorm, sie musste jeden Tag trainieren. Das Mädchen wechselte an die Sportschule Dresden, auf ein Internat musste sie nicht, weil die Eltern in der Stadt wohnten. „Die ersten zwei Jahre war eine schwere Zeit. Die Umstellung auf das andere Umfeld – mir war gar nicht bewusst, wie streng es da zugeht. Das war die größte Veränderung: aus dem normalen Leben in den Leistungssport.“ Einmal ging sie nach der Schule samstags mit der Oma in den Zoo statt ins Training. „Was da los war. . .“, erinnert sich die 47-Jährige mit einem Grinsen. Kümmern musste sie sich um wenig, „als Sportler waren wir ja privilegiert und hatten alles. Wir hatten unsere Steaks, wir hatten unsere Bananen. Das Aushängeschild Deutschlands ist die Wirtschaft. Das Aushängeschild der DDR war der Sport.“ Nach der Wende hat Hämsch auch ihre Stasi-Akte angefordert. Schockierendes stand da nicht drin. „Kontrolle und Bevormundung? Wir sind da ja reingewachsen“, sagt sie.

Die Mädchen wurden von der Schule abgeholt, mit dem Bus zu den Trainingsstätten gebracht. Gerudert wurde zum Beispiel auf der Elbe. Und an der Sportschule lernte sie dann ihren späteren Mann Reinhard kennen, mit dem sie heute drei Kinder (21, 17 und 11) hat. Er war auch Ruderer und arbeitet heute bei einem Auto-Zulieferer im Saarland.

„Ich war immer ein Typ, der gesagt hat: Es ist, wie es ist. Ich habe bei der Wende nie rumgejammert, nehme es so an, wie es ist“, erzählt Annegret Hämsch. Pragmatismus, das schnelle Umschalten in andere Situationen, das hat ihr auch in der turbulenten Wendezeit geholfen. Als die Mauer fiel, waren die Ruderinnen gerade im Trainingslager im brandenburgischen Kienbaum. „Wir haben alles im Fernsehen gesehen – und dann gedacht: Okay, morgen um 7 Uhr ist Training. Für uns ging der Alltag einfach weiter“, erzählt die Sportlerin. Ihr Begrüßungsgeld holte sie aber doch noch im November 1989 bei einem Ausflug nach Bayern ab. Auf den Trabi, der bestellt war, wartet sie dagegen noch heute, sagt Hämsch vergnügt.

Mit Autos ging es nicht so schnell wie mit Wohnungen. Als Sportlerin hatte sie schon früh eine eigene Wohnung. Und dann kam die Wende. „Wahnsinn, wie diese Zeit abgelaufen ist. Wir hatten bis dahin ziemliche Scheuklappen, hatten keine Zeit, uns davon beeinflussen zu lassen.“ Ab sofort musste man sich um alles selbst kümmern, auch die Anfahrt zu Wettkämpfen. „In der DDR wurde sich ja um alles gekümmert. Das Selbstmachen war anfangs eine Belastung – aber auch spannend.“

Der Grund, dass sie 1990 ins Saarland kam, hieß Eberhard Kamchen. Der Ruder-Trainer bekam ein Angebot aus dem Saarland – und viele seiner Schützlinge gingen mit. „Es war ja so ein Durcheinander. Die Trainer wurden nicht bezahlt. Lothar Altmeyer hat sich dann ganz toll um alles gekümmert. Das hat super geklappt.“ Altmeyer, heute Leiter des Sportzweiges im Saarbrücker Rotenbühl-Gymnasium, war damals Laufbahnberater. Er kümmerte sich um Arbeitsplätze für die Partner, Ausbildungsplätze und vieles mehr. Altmeyer setzte die Sportler in einen Bus, sie schauten sich Wohnungen an. Annegret Hämsch landete mit ihrem Mann in Köllerbach. Vom Hochhaus mit 40 Parteien in Dresden in eine kleine Straße. In Köllerbach wohnte sie bis 2000, ehe die Familie ein Haus in Schwalbach bezog. „Damals stand auch die Entscheidung an, wieder zurückzugehen. Die Eltern meines Mannes wohnen in Bautzen, meine in Dresden.“ Das Berufliche gab den Ausschlag, Familie Hämsch blieb im Saarland. Und fühlt sich wohl, die Entscheidung war richtig. Nur die Nähe zu den Eltern vermisst sie. Und Bautzner Senf gibt es nun auch im Saarland zu kaufen. „Den müssen Sie mal probieren.“

In der DDR war Hämsch Lehrerin für die Unterstufe. Jetzt im Saarland arbeitete sie in Kindergärten, der Nachmittagsbetreuung der Kirchbergschule in Saarbrücken. Und hat seit 2008 quasi ihren Traumjob. Dreimal die Woche kümmert sie sich an der Saarbrücker Hermann-Neuberger-Sportschule um die Jugendlichen, die im Internat wohnen. Um die Hochleistungssportler, vielleicht Olympia-Teilnehmer von morgen. „Ich fühle mich da wirklich richtig wohl“, sagt sie. Hämsch übernimmt Nachtdienste oder Hausaufgaben-Betreuung. Achtet darauf, dass die Jugendlichen sich selbst organisieren, hat stets ein offenes Ohr. Als jemand, der selbst die „Knochenmühle“ Leistungssport durchlaufen und die Karriere glücklicherweise ohne körperliche Probleme überstanden hat, ist sie der ideale Ansprechpartner.

Und als Motivation bringt Hämsch, die seit 1993 nicht mehr in einem Ruderboot gesessen hat, dann auch einmal im Jahr ihre Olympia-Medaillen mit. Die liegen sonst in einer Schatulle oben auf dem Schrank. Die Sport-Karriere, sie wirkt noch heute nach. Ab und an kommen noch Anfragen von Autogramm-Sammlern, Anfragen von Schulen für Besuche. Aber auch die Nachwuchs-Athleten von heute bewundert Hämsch: „Wie die sich teilweise quälen können!“ Auch ihr Sport hat sich verändert: „Die Ruderer prügeln heute viel mehr Schlagzahl, 42 statt wie früher bei uns 36 pro Minute. Von den Trainingsumfängen kommt es aber nicht an die DDR ran.“

Nach den jährlichen Ausscheidungen saß Hämsch 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul im DDR-Achter. Das Boot glitt in Südkorea zu Gold. Wegen der Zeitverschiebung fand das Finalrennen in Deutschland um 3 Uhr statt. Hämschs Eltern saßen am Fernseher, trauten sich aber wegen der nächtlichen Uhrzeit nicht, jemanden anzurufen. „Nachher haben sie dann erfahren, dass eh alle wach waren“, berichtet Hämsch lachend.

1992 mit dem nun gesamtdeutschen Achter war es bei Olympia in Barcelona Bronze. Danach stürzte viel auf die Sportlerinnen ein. „Wir waren sogar mal als Vips zu einem Formel-1-Rennen eingeladen, sind aber nicht hin. Es war mir einfach zu viel auf einmal.“ Die Zeit zwischen den beiden Medaillen war ebenfalls aufregend. 1989 klappte alles, „wir haben alles gewonnen“. Als eines der letzten DDR-Nationalteams waren die Ruderer Ende 1989 bei einer WM. 1991 war Hämsch bei der WM in Wien dann nur Ersatzfrau. „Ich habe gedacht, ich müsste nicht mehr so viel machen.“ Danach klotzte sie wieder richtig ran. Und saß 1992 im Olympia-Achter. Dass sie im Finale starten konnte, war aber eine knappe Sache. „Ich bin in Banyoles, wo die Ruder-Wettkämpfe stattfanden, die Treppe runterflogen.“ Die Kapsel im Knöchel war verletzt, die Ersatzfrau saß schon im Boot. Trainer Kamchen sagte dann: „Wenn Du in die Hocke kommst, fährst Du mit.“ Und Hämsch erzählt heute: „Na, das können Sie aber glauben, dass ich da in die Hocke kam.“

Die Discos im olympischen Dorf, das deutsche Haus und das gemeinsame Essen im Dorf waren Höhepunkte. „Da haben wir gesessen und ehrfürchtig zu den Großen geschaut. Man ist in so einer Euphorie. Und wir haben uns natürlich andere Wettkämpfe angeschaut.“ Kontakt zu alten Kolleginnen, die zum Teil auch im Saarland wohnen, hat sie noch.

Hämsch ist bis heute Olympia-Fan, war 2012 privat als Touristin zu den Spielen in London gereist. „Das war so geil. Gänsehaut pur bei der Leichtathletik, das Stadion hat so gebebt.“ Die Leichtathletik ist Hämschs alte Liebe. Zum Ende der Ruder-Karriere nach Olympia 1992 übte sie sie wieder aus, nimmt seit 1999 an Senioren-Wettkämpfen teil. Nur zum Spaß. Sie hat den C-Trainer-Schein, läuft für die DJK Köllerbach, die zum LA-Team Saar gehört. „Weil ich nichts so richtig kann, mach ich Mehrkampf“, sagt Hämsch, die auch zwei Jahre Referentin für Seniorensport beim Saarländischen Leichtathletik-Bund (SLB) war. Und 2007 in Ljubljana holte sie bei der Senioren-EM sogar Bronze. „Da waren aber auch nur vier Teilnehmer im Feld“, erzählt sie mit verschwörerischer Miene, wie wenn man ein Geheimnis erzählt. Ihre Lieblingsdisziplin ist der Hochsprung. „Ein Versuch und dann wieder Pause. Herrlich.“ Vom Sport kann sie nicht lassen, trainiert dreimal die Woche – und schaut fast verschämt auf den Boden, als sie davon erzählt. Und wenn im August die besten Leichtathleten der Welt in Rio starten oder die besten Ruderer, Kanuten, oder andere Sportler, wird der Fernseher im Hause Hämsch wieder glühen.
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