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Deutscher Olympischer Sportbund vor richtungweisender Versammlung – Leistungssportreform steht zur Abstimmung





Die Mitglieder murren – auch über Hörmann
Deutscher Olympischer Sportbund vor richtungweisender Versammlung – Leistungssportreform steht zur Abstimmung

sid-Mitarbeiter Jörg Mebus,  02. Dezember 2016, 02:00 Uhr
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Wieviel Raum für Kritik lässt Alfons Hörmann zu? Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes ist in diesen Tagen nicht unumstrittenen. Foto: Stache/dpa

Foto: Stache/dpa

Ein Reformwerk voller Fragezeichen, ein Präsident unter Druck: Die 13. Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an diesem Samstag in Magdeburg steht im Zeichen der richtungweisenden Abstimmung über die umstrittene Spitzensportreform. Ein Nein der Delegierten zum Medaillenbeschaffungsprogramm scheint ausgeschlossen. Doch in den Verbänden und Landessportbünden brodelt es auch wegen einer ausgewachsenen Führungskrise im Dachverband – Alfons Hörmann geht angeschlagen in seine dritte Vollversammlung als Präsident.

DOSB-Chef am Pranger

„Ich glaube, er hat seinem Ansehen schweren Schaden zugefügt. Ich mag keine Prognosen abgeben, wie sich das auf die Zukunft auswirkt“, sagt Clemens Prokop. Und nicht nur der gewohnt kritische Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes hat so seine Probleme mit dem DOSB-Chef. „Alfons Hörmann hat gerade einen schweren Stand, auch weil er unnötige Stockfehler begangen hat“, sagt Judo-Chef Peter Frese: „Aber auch ein Präsident darf mal Fehler machen – er sollte sie nur zugeben.“ Doch mit Selbstkritik tut sich Hörmann derzeit offensichtlich schwer.

Der Streit mit Thomas Weikert, dem Präsidenten des Tischtennis-Weltverbandes, über Hörmanns angeblich stillose Vorgehensweise bei der geplanten Umstrukturierung der von Weikert geführten DOSB-Trainerakademie sorgt für viel Unruhe hinter den Kulissen – ebenso der wenig transparente Umgang mit der DOSB-Bewertung durch die Unternehmensberatung Ernst & Young. Heftige Kritik rief auch Hörmanns Auftritt bei der Vorstellung des Reformentwurfes in Berlin hervor, als er aus einem angeblichen „Manifest“ zitierte, das aus einer Umfrage unter 500 Sportlern resultierte, die der Reform laut des DOSB-Bosses „zu 95 Prozent“ zustimmten. Eine Befragung mit konkretem Reformbezug hat es nie gegeben.

Eine Marketing-Erhebung habe er als „Kompass für die Umsetzung der Leistungssportreform“ dargestellt, sagte Hörmann im Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Auf die Frage, ob eine Kampagne gegen ihn liefe, sagte er: „Diesen Eindruck kann man gewinnen. Es zeigt sich schon zu Beginn der Reform, wie stark der Gegenwind zu notwendigen Veränderungen werden kann.“

Die Reform soll langfristig den Medaillenrückgang deutscher Sportler bei Großereignissen stoppen. Sie ist aber unter anderem wegen ihrer konsequenten Leistungsfokussierung, die viele Verbände auch wirtschaftlich enorm unter Druck setzt, und der langen Entscheidungswege umstritten. Und weil sie weit davon entfernt ist, überhaupt fertig zu sein. Zahlreiche Details sind unklar – auch, ob das viel diskutierte Potenzialanalysesystem „PotAs“ alltagstauglich ist. Die Neuaufstellung der Olympia- und Bundesstützpunkte, bei der es um Existenzen geht, birgt riesiges Konfliktpotenzial.

Und noch immer wissen die DOSB-Mitglieder nicht, worüber sie an diesem Samstag überhaupt abstimmen sollen. „Die Reform wird den Sport in Deutschland auf Jahre, Jahrzehnte beeinflussen, und wir kennen kurz vor der Abstimmung noch nicht mal den Antrag. Das geht doch nicht“, sagte Snowboard-Germany-Präsident Michael Hölz. Hörmann will die Formulierung des Antrages in den Vorgesprächen mit den Mitgliedern bis Freitag erarbeiten.

Selbst die Finanzierung des Millionenprojekts ist nicht gesichert. „Sport-Deutschland“ muss sich auf vage Zusagen von Innenminister Thomas de Maizière verlassen, der die Reform gemeinsam mit Hörmann zu verantworten hat. Die Anschubfinanzierung des Projekts fiel mit 5,2 Millionen Euro bereits viel kleiner aus als vom Sport erhofft. Irgendwann im Frühjahr soll die Reform im Bundestag thematisiert werden – wenn denn die DOSB-Mitglieder an diesem Samstag zustimmen.

Snowboard-Präsident Hölz ist einer der wenigen Funktionäre, die öffentlich mit einem „Nein“ kokettieren; selbst der präsidiumskritische Prokop betont, dass „wir uns ja alle einig sind, dass Veränderungen unumgänglich sind“. Hölz betont jedoch, dass „mein Abstimmungsverhalten entscheidend von den letzten Gesprächen am Freitag“ abhänge.

Benziner, Diesel oder Hybrid?

Hölz glaubt, dass die Abstimmung den Verbänden die letzte Chance gibt, überhaupt noch Einfluss auf das Werk zu nehmen. „Wir geben einen Teil unserer souveränen Entscheidungsgewalt ab, ohne das Ergebnis zu kennen“, sagt Hölz. Frese formuliert es so: „Ich bestelle ein Auto, ohne zu wissen, ob ich Benziner, Diesel oder Hybrid bekomme.“

Selbst Hörmann bestreitet dies im Grundsatz nicht, er spricht von „Zwischenergebnissen“. Er betont jedoch, das Konzept in seiner Gesamtheit sei „so klar, dass wir alle durchaus ganz gut antizipieren können, wie die endgültige Umsetzung aussieht“. Immer wieder sagt er, 2017 und 2018 seien „Übergangsjahre“.

Hörmann und auch de Maizière werden sich auch am Samstag darauf verlassen können, dass wie eigentlich immer im deutschen Sport klare Abhängigkeitsverhältnisse und Angst vor Konsequenzen die Entscheidung in die gewünschte Richtung lenken.



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