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Tennis-Ikone Martina Navratilova wird heute 60 – 1975 Flucht aus der Tschechoslowakei in die USA – „Größte Spielerin, die jemals gelebt hat“





Berlin
„Ein Champion des Lebens“
Tennis-Ikone Martina Navratilova wird heute 60 – 1975 Flucht aus der Tschechoslowakei in die USA – „Größte Spielerin, die jemals gelebt hat“

Von   Agentur, 
18. Oktober 2016, 02:00 Uhr
Die großen Duelle von Martina Navratilova mit Chris Evert und Steffi Graf bleiben unvergessen, ebenso ihre Flucht aus der damaligen Tschechoslowakei in die USA. Für gleichgeschlechtliche Paare setzt sie sich bis heute ein.

Die Augen von Martina Navratilova werden feucht, wenn sie an den Sommer 1975 denkt. Sie solle ihrer Mutter nicht erzählen, dass sie in den USA bleiben und nicht mehr durch den Eisernen Vorhang in die Tschechoslowakei zurückkehren wolle, riet ihr Vater der aufstrebenden Tennisspielerin aus dem Örtchen Revnice bei Prag.

Der Kalte Krieg und die Gängelungen in der Heimat nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1968 sind längst Vergangenheit. „Ich bin stolze Tschechin mit amerikanischem Pass“, sagte Navratilova, die heute ihren 60. Geburtstag feiert und fit wie immer wirkt. 167 Turniersiege im Einzel, 177 im Doppel, 59 Grand-Slam-Titel, den letzten davon einen Monat vor ihrem 50. Geburtstag. Dazu 332 Wochen als Nummer eins, 86:1 Siege im Jahr 1983, neun Mal Wimbledonsiegerin – die Reihe der Erfolge von Steffi Grafs einstiger Rivalin ließe sich noch eine Weile fortsetzen.

„Ich habe größten Respekt vor Martina und dem, was sie auf dem Platz geleistet hat. Sie war eine großartige Sportlerin, die mich immer wieder angetrieben hat, noch besser zu werden“, sagt Graf. „Ich habe Martina mit ihrer Ehrlichkeit immer geschätzt, und vor allem hat sie mich mit ihrer Liebe zum Tennis beeindruckt.“

Ihre einmalige Karriere machte die auf dem Tennisplatz von Aufschlag und Volley lebende Linkshänderin zu einem Weltstar des Sports. Populär wurde sie auch durch ihr Engagement für gleichgeschlechtliche Paare, für Tier- und Umweltschutz. In sechs Jahrzehnten hat sie so viel erlebt und erlitten, inklusive einer Krebserkrankung – die Tränen kamen Navratilova während einer einstündigen BBC-Dokumentation aus diesem Sommer, als sie von der Flucht von Ost nach West erzählte.

Nach dem US-Open-Aus gegen Chris Evert, der großen Rivalin vor den Duellen mit Steffi Graf, ging sie als Teenager in New York zu den amerikanischen Behörden. Nicht wissend, ob und wann sie ihre Familie jemals wiedersehen würde. Das freiere Leben in den USA faszinierte das Riesentalent. Dort bekannte sich Navratilova auch öffentlich zu ihrer Beziehung zu einer Frau. Inzwischen ist Navratilova mit der ehemaligen russischen Schönheitskönigin Julia Lemigowa verheiratet. „Wer hätte gedacht, dass eine Tschechin und eine Russin so gut miteinander auskommen“, witzelte Navratilova.

Die Wimbledon-Organisatoren schafften es, dass 1979 Navratilovas Mutter beim Finale dabei war. Sieben Jahre später – inzwischen US-Staatsbürgerin – erlebte sie im Fed Cup eine triumphale Rückkehr nach Prag, obwohl Medien und Politik schwiegen. Evert war damals dabei und fasste die Missachtung im Rückblick so zusammen: „Sie war eine Nicht-Person.“ Die Fans feierten Navratilova dagegen als eine der ihren. Im Endspiel siegte das US-Team 3:0 – ausgerechnet gegen Gastgeber CSSR. Navratilova holte Punkte im Einzel sowie mit ihrer langjährigen Erfolgspartnerin Pam Shriver im Doppel.

Viele ihrer 31 Doppel-Titel bei Grand Slams sammelte sie mit Shriver, beide blieben einmal 109 Matches in Serie ungeschlagen. Zu den 18 Einzel-Triumphen kamen noch zehn im Mixed. Damen-Tennis-Ikone Billie Jean King würdigte sie als „die größte Spielerin im Einzel, Doppel und Mixed, die jemals gelebt hat“.

Das lag auch daran, dass Navratilova die Fitness im Tennis auf ein neues Niveau hob, das Graf dann noch mal steigerte. „Sie war so schnell. Du hast sie niemals hinfallen sehen“, erklärte Navratilova jüngst und bezeichnete Grafs Vorhand lächelnd als die beste aller Zeiten: „Davon habe ich zu viele abbekommen.“ 18 Mal standen sich beide gegenüber, Grafs erster Sieg 1986 im Finale in Berlin leitete den Generationenwechsel ein.

„Sie ist eine große Kämpferin für homosexuelle Menschen, sie hat beim Kreuzzug für Menschenrechte geholfen“, sagte ihr Freund Elton John. Und ihrem Mixed-Partner Leander Paes stand sie zur Seite, als der Inder an einem Tumor erkrankt war. „Als ich im Krankenhaus war, kam abends immer der Anruf von ihr“, erzählte Paes. „Sie ist ein Champion des Lebens.“

Zum Thema:

Am Rande Angelique Kerber wird die Saison definitiv als Nummer eins der Tennis-Weltrangliste beenden. Die Australian-Open- und US-Open-Gewinnerin ist nach der Absage von Verfolgerin Serena Williams (USA) für das WTA-Finale in Singapur ab 23. Oktober in diesem Jahr nicht mehr von der Spitze zu verdrängen. „Das ist etwas ganz Besonderes. Es war bisher schon eine unglaubliche Saison mit vielen Emotionen. Ich freue mich jetzt darauf, in Singapur nochmal alles zu geben", sagte Kerber, die gestern bereits in Singapur trainierte. Kerber hat 1260 Punkte Vorsprung auf Williams (7050 Zähler). Erst nach den Australian Open (16. bis 29. Januar 2017) könnte die Führung wieder wechseln. Mit insgesamt 59 gewonnenen Matches (17 Niederlagen) ist die Linkshänderin vor dem am Sonntag beginnenden Saisonfinale in Singapur die erfolgreichste Spielerin 2016. Ikone Steffi Graf hatte das Tennisjahr insgesamt acht Mal als Nummer eins abgeschlossen. sid



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