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Dana Pyritz genießt olympische Momente mit Steffi Graf und Michael Jordan





Die Ersatzfrau muss ins Boot und holt Bronze
Dana Pyritz genießt olympische Momente mit Steffi Graf und Michael Jordan

14. März 2016, 02:00 Uhr
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Die frühere Weltklasse-Ruderin Dana Pyritz zeigt ihre Bronzemedaille, die sie 1992 in Barcelona mit dem Frauen-Achter gewann. Foto: Ruppenthal Foto: Ruppenthal
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Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist wer? Anja Pyritz steht links, trägt eine Halskette, Dana steht rechts. Foto: Hartung Foto: Hartung
Saarländische Olympia-Helden In einer Serie trifft sich die SZ-Sportredaktion mit deutschen Medaillengewinnern bei Olympischen Spielen, die zugleich eine besondere Beziehung zum Saarland haben. Teil 6 der Serie: Dana Pyritz (46).
Manchmal schreibt das Leben schon komische Zufälle. Von solch einem kann die ehemalige Weltklasse-Ruderin Dana Pyritz berichten. Im offiziellen Athleten-Handbuch zu den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona waren neben allen möglichen Tipps auch Porträts zu jedem deutschen Athleten abgedruckt. Bei der Ruderin Ina Justh war den Machern des Büchleins ein Lapsus unterlaufen. Statt eines Fotos von Justh prangte ein Bild von Dana Pyritz, Teamkollegin im Deutschland-Achter, auf der Seite. Wer immer den Fehler gemacht hatte, scheint eine Art Prophet gewesen zu sein. Denn just vor dem Finalrennen musste Justh am Blinddarm operiert werden. Ersatzfrau Pyritz sprang ein – und fuhr mit dem Achter zu Olympia-Bronze.

Noch heute muss Pyritz verstohlen grinsen, wenn die Rede auf diesen kuriosen Vorfall kommt. „Wir haben Ina damals noch im Krankenhaus besucht. Im Vorlauf hatte sie noch im Boot gesessen. Im Krankenhaus habe ich ihr dann versprochen, mich anzustrengen“, erzählt die heute 45-jährige Pyritz. Und das tat sie. Mit Erfolg. Nach der Bronzemedaille war die Ersatzfrau „furchtbar glücklich“. Wahrscheinlich am glücklichsten von allen acht Ruderinnen. Die anderen waren auch enttäuscht, denn beim deutschen Frauen-Achter hatte man durchaus mit Gold geliebäugelt.

Pyritz war das egal. Endlich hatte sie sich ihren Traum erfüllt. Einen Traum, der im Alter von zwölf Jahren entsteht. Damals saß die kleine Dana vor dem Fernseher, es lief die Eröffnungsfeier einer großen Sportveranstaltung. „Da habe ich gedacht, ich mache jetzt auch Sport“, erinnert sie sich. In Kühlungsborn an der Ostsee geboren, entschied sich Pyritz zunächst für die Leichtathletik, unter anderem Kugelstoßen. Gemeinsam mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Anja wurde sie 1984 im Sport-Internat Sterndamm in Berlin aufgenommen. „Die Tage waren durchorganisiert“, erzählt Pyritz und ergänzt mit einem verschmitzten Lächeln: „Zeit für Schabernack war natürlich auch.“ An vielen Wochenenden konnten sie in die Heimat fahren, das dämpfte das Heimweh. „Und ich war natürlich stolz, auf der Sportschule zu sein.“

Wer in der DDR an einer Sportschule aufgenommen wurde, gehörte quasi zur Elite. Und wurde gefragt, was er denn für Ziele hat. „Da habe ich gesagt: Ich will Weltmeisterin werden“, das war den Verantwortlichen aber nicht genug, erinnert sie sich und erzählt: „Da haben sie gesagt: Dana, das ist zu wenig. Gut, beim zweiten Mal habe ich dann gesagt: Ich will Olympiasiegerin werden.“ Das hörte man in der DDR sehr viel lieber.

Hätten die Pyritz-Schwestern auf ihren Bruder gehört, wären sie übrigens niemals zu ihrer Sportart gekommen. Tom Pyritz, heute Reiser, wusste, wovon er spricht, er war nämlich Junioren-Weltmeister im Doppel-Zweier. „Unser Bruder hat gesagt: Mädels, macht jeden Sport, nur nicht rudern. Da haben wir gut auf ihn gehört“, schildert Dana Pyritz, lacht kurz und liefert die Erklärung für die Warnung des Bruders gleich mit: „Rudern ist ein harter Sport.“ Zwei Stunden auf dem Ergometer bei 160, Trainieren im Kraftausdauer-Bereich, bis der Muskel glüht.

Doch die Pyritz-Schwestern ließen sich nicht abschrecken. Sie wechselten zum Rudern, mit 19 Jahren. Dana war 1,87 Meter groß, hatte ideale Voraussetzungen – und schaffte den Sprung in die Weltspitze, was ihr in der Leichtathletik nicht gelungen wäre. Der Sprung zu den Olympischen Spielen gelang ihr innerhalb von nur drei Jahren.

Mit 22 Jahren erlebte sie dann auf dem See von Banyoles den größten sportlichen Erfolg ihrer Karriere. Die Ruderinnen waren vier bis fünf Wochen in Spanien, akklimatisierten sich – und hatten auch vor und nach ihrem dritten Platz eine aufregende Zeit. „Wir waren bei der Eröffnungs- und der Abschlussfeier, das war toll. Da waren auch Boris Becker oder das Dream Team dabei.“ Im ersten Dream Team standen die besten Basketballer aus den USA, NBA-Legenden wie Michael Jordan oder Magic Johnson. Es gilt als größte Ansammlung individueller Talente in der Basketball-Geschichte. Und Dana Pyritz war statt vor dem Fernseher auf einmal mittendrin, beim größten Sportereignis der Welt.

Abends ging es auch mal in die Kneipen, ehe in den Zimmern improvisiert werden musste. „Wir hatten viel zu wenig Betten, haben einfach Matratzen in die Zimmer reingeworfen und in Schichten geschlafen. Man war dann froh, wenn gerade eine frei war“, erzählt die Blondine mit einem Lachen. Und zuhause an der Ostsee fieberten Pyritz' Eltern mit. „Die Wettkämpfe waren für sie so aufregend. Meine Mutter hat immer Kuchen gebacken. Streuselkuchen. Den hat sie eingefroren, und wenn wir heimgekommen sind, haben wir den gegessen.“ Die Eltern schnitten die Rennen aus dem Fernsehen auf Videokassette mit. Gerade sucht Pyritz nach Hilfe, die alten VHS-Bänder auf DVD zu digitalisieren.

1994, zwei Jahren nach den Spielen in Barcelona und zwei Jahre vor den nächsten Spielen in Atlanta, ging es für die Pyritz-Schwestern ins Saarland. Grund war, dass damals Job und Spitzensport in Berlin schwer zu vereinbaren waren. Dana fand keine adäquate Stelle, Bundestrainer Wolfgang Schell bekam das mit und vermittelte den Kontakt ins Saarland. Dorthin zog es rund zehn Spitzen-Ruderinnen wie auch Annegret Hämsch (wir berichteten in Teil 3 unserer Olympia-Serie). Zuerst wohnten die Pyritz-Zwillinge in Saarbrücken, in der Schlossstraße. Mittlerweile leben sie in Wadgassen, wo Anja als Trainerin in einem Fitness- und Gesundheitscenter arbeitet.

Einer der Gründe, warum Dana Pyritz im Saarland „hängen geblieben“ ist, war neben dem Freundeskreis die Arbeit. Seit 1994 ist sie bei der Firma Fleischwaren Schröder angestellt. Und bringt mittlerweile bei den zwei oder drei Heimatbesuchen pro Jahr Lyoner mit. „Meine Mutter hat gesagt, das schmeckt wie Heimat.“ Auch Pyritz schmeckt die Fleischwurst, die sie gar nicht kannte, bevor sie das erste Mal ins Saarland kam.

Bei Schröder, wo man in Sachen Wettkampf-Termine immer sehr kooperativ war, arbeitet sie am Empfang und im Sekretariat, erledigt Korrespondenz – und ist mit ihrem Job sehr glücklich. Beruflich ist Dana Pyritz vielseitig, sie machte eine Ausbildung als Reiseverkehrskauffrau, bildete sich im Marketing weiter, studierte Gesundheitsmanagement und arbeitete als Management-Assistentin. Und von Schröder am Lyonerring in Saarbrücken konnte sie zu Fuß zur Bootshalle an der Undine gehen, wenn das Training nicht im Winter an der Hermann-Neuberger-Sportschule stattfand. Die von Spitzensportlern oft gerühmten „kurzen Wege“ im Saarland kamen auch den Ruderern zugute.

Nach dem Umzug ins Saarland nahm sie mit dem deutschen Achter noch einmal an Olympischen Spielen teil – 1996 in Atlanta. Die Wettbewerbe verliefen diesmal nicht so erfolgreich. Pyritz, die in den Jahren dazwischen auch im Vierer gefahren war, saß mit ihrer Schwester Anja im Achter. Der kam nur ins B-Finale und belegte in der Endabrechnung den achten Platz. „Wir hatten anders trainiert. Und im Spitzensport merkt man kleine Änderungen sofort. Die Spritzigkeit war nicht abrufbar, das letzte Quäntchen hat gefehlt“, sagt sie.

Atlanta erlebte Pyritz als irgendwie „cleaner“. Und wieder gab es, wie einst mit dem Dream Team, denkwürdige Momente. „Als Steffi Grad da stand, habe ich gedacht, das ist ganz surreal: Ich jetzt hier mittendrin.“ Natürlich ging es auch zu anderen Wettbewerben, so feuerten sie die deutschen Badminton-Spieler um den früheren Heiligenwalder und Bischmisheimer Michael Keck an. „Kecki seh' ich manchmal hier beim Joggen“, sagt die 46-Jährige. Viele andere ehemalige Weggefährten traf sie zuletzt bei der Gala zum Jubiläum des Rudervereins Saarbrücken.

2004 beendete Pyritz ihre Leistungssport-Karriere – ohne bei den Spielen 2000 und 2004 dabei gewesen zu sein. Der Sport lässt sie aber nicht los. „Sport ist für mich wie Zähneputzen“, sagt sie – und es ist ihr anzusehen. Heute macht sie Kraftsport, Gesundheitssport und sagt: „Ich trainiere clever.“ Der Körper hat den auf den Rücken gehenden Hochleistungssport ganz gut verkraftet. Statt in die Ruder zu greifen, geht Pyritz heute sehr gerne zum Spinning, tritt bei Musik in die Pedale und holt sich dort die Glückshormone. Das sind die, die früher strömten, wenn im Achter, ihrer Lieblingsdisziplin, alle harmonisch ruderten. Wenn ein Rädchen ins andere griff, wenn sich im Zusammenspiel einer auf den anderen verlassen konnte, wenn es „brummte“. Das erlebten sie meistens im Mittelschiff, wo die Pyritz-Schwestern saßen, „weil wir viel Power hatten“.

Viel verändert hat die Olympiamedaille in ihrem Leben nicht, sagt sie: „Klar, es öffnet schon Türen. Aber durchgehen muss man selbst.“ Die Medaille, lange bei den Eltern zuhause verstaut, liegt mittlerweile in der Wadgasser Wohnung in einer Schatulle. Und noch etwas bleibt für immer als ehemaliger Ruderer: „Wenn du an irgendeinem Gewässer bist, machst du immer einen langen Hals, ob da Ruderer sind.“

Wenn in diesem Sommer wieder das Olympische Feuer entzündet wird, wird Dana Pyritz einen Stammplatz vor dem Fernseher haben. Wie damals mit zwölf. „Ich schaue mir alles an. Danach fällt man echt wie ein Loch, auch als Zuschauerin“, sagt sie. Ereignisse wie der EM-Titel der deutschen Handballer im Januar waren schon eine gute Einstimmung ins Olympia-Jahr. Dana Pyritz hat die Spiele begeistert verfolgt. Und hat vor Freude auch mal ein Tränchen im Auge. Denn, und auch das zeigten die Handballer, nicht nur bei Olympia schreibt der Sport kuriose Geschichten.


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