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Saarknappenchor Dirigent Joachim Oehm stimmt mit dem Saarknappenchor bei der zentralen Barbarafeier der Saar-Bergleute in der Congresshalle die Hymne auf die Schutzpartonin der Bergleute an. Foto: Oliver Dietze

Barbarafeier setzt auf würdevollen Abschied vom Bergbau

Versöhnliche Töne in Richtung Landespolitik und Wehmut bestimmten die letzte zentrale Barbarafeier der Bergleute an der Saar in der Zeit aktiver Kohleförderung. RAG-Chef Bernd Tönjes sieht eine „Zeitenwende von historischem Ausmaß“ gekommen.

Von SZ-Redakteur Thomas Sponticcia

Saarbrücken. Von der einen auf die andere Sekunde wird es mucksmäuschenstill. Der Saarknappenchor stimmt die Hymne auf die heilige Barbara an, die Schutzpatronin der Bergleute. Franz-Josef Woll (75) und Karl-Heinz Jost (76), beide aus Ensdorf, stehen schon auf der Bühne. Mit Stolz halten sie die Fahne des Bergmannsvereins Ensdorf nach oben. Woll ist bereits mit 19 in die Bergkapelle eingetreten. Er kann, wie viele im Saal, das politisch beschlossene Ende des Saar-Bergbaus noch nicht so recht nachvollziehen. Wo die Kohle doch derzeit die einzig verlässliche Energiequelle sei, die in Deutschland und an der Saar noch zur Verfügung steht, betont Woll. Man mache sich doch immer stärker vom Ausland abhängig. Bergmann Jost bemängelt, dass man erst den Bergbau beendet, bevor klar sei, ob es an der Saar genug Ersatzarbeitsplätze für die wegfallende Branche gibt.

Marianne Lauer (55) will sich lieber nicht zur Politik äußern. Sie ist eine von 202 Arbeitsjubilaren, die während der Feier für 40 sowie 25-jährige Tätigkeit beim Unternehmen geehrt werden. Sie selbst ist 40 Jahre dabei. Lauers Schweigen mag daran liegen, dass sie das Büro von Friedrich Breinig leitet, dem Direktor des Bergwerks Saar. Doch auch sie bekennt, bedrückt zu sein. Die Würfel sind jedoch nun mal gefallen. Und so herrscht bei der letzten zentralen Barbarafeier in der Zeit aktiver Kohleförderung eine zwar gedämpfte, aber gefasste Stimmung. Man ist ganz offensichtlich längst in die Phase der Bewältigung übergegangen, hat die Zeit nach dem Bergbau am 30. Juli 2012 fest ins Auge gefasst.

An vielen Stellen in den offiziellen Reden sind überraschend versöhnliche Töne in Richtung Landespolitik zu hören, speziell an die neue Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Anders als ihr Vorgänger Peter Müller, der den Beschluss zur Stilllegung des Saarbergbaus herbeigeführt und auch verantwortet hat, genießt Kramp-Karrenbauer erkennbar höhere Wertschätzung bei den Betroffenen. Ludwig Ladzinski, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der RAG, formuliert es so: „Ihr Vorgänger hatte allen Grund dazu, bei Barbarafeiern nervös zu sein. Sie nicht.“ Zum einen habe sie schon beim „Steinkohlentag in Essen eindrucksvoll geschildert, was das Ende des Bergbaus emotional für die Bergleute und ihre Familien an der Saar bedeutet. Das verdient Anerkennung“. Zum anderen sei sie ja auch mit einem Bergmann verheiratet. Ladzinski wie RAG-Chef Bernd Tönjes bescheinigen der Landesregierung, nach all den Unruhen der letzten Jahre zu einem Umgangston zurückgefunden zu haben, der von Wertschätzung geprägt ist.

Die Ministerpräsidentin selbst lässt gegenüber unser Zeitung durchblicken, sie habe den Entschluss damals im Kabinett ausdrücklich mitgetragen. Aber auch in ihrer Familie sei heftig über das Für und Wider eines endenden Bergbaus diskutiert worden. Ihr Bruder sei ein heftiger Verfechter für die Fortsetzung der Kohleförderung gewesen. Aber alle in der Familie hätten die Entscheidung schließlich mitgetragen und die Versorgungssicherheit der Bergleute als wichtigstes Ziel angesehen, auch ihr Mann. Er habe ebenfalls die Entscheidung irgendwann mitgetragen. „Das war nie ein Streitpunkt zwischen uns.“ In ihrer Rede betont sie, der Bergbau habe das ganze Land geprägt. „Noch stärker, als wir das alle glauben.“ Seine Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Kameradschaft und der Mut, auch in schwierigen Situationen in die Zukunft zu schauen, „das ist es, was wir vom Bergbau auch in Zukunft mitnehmen. Wir werden nicht zulassen, dass dies vergessen wird.“

Bernd Tönjes versichert, das Unternehmen werde ein verlässlicher, aktiver Partner im Strukturwandel bleiben. Es gehe jetzt darum, „mit Respekt und Würde“ den Abschied vom Bergbau anzugehen. Dies sei eine Aufgabe, die sich an alle Saarländer richtet. Der 30. Juni 2012 stelle „eine Zeitenwende von historischem Ausmaß dar und den Beginn einer neuen Ära, in der das Erbe des Bergbaus als wertvolle Ressource hineinwirken wird und neue Horizonte und Potenziale erschließen hilft“.

Einzig der Bezirksleiter der Gewerkschaft IG BCE, Dietmar Geuskens, hat angesichts so vieler „friedvoller“ Worte nach Jahren des erbitternden Kampfes den Eindruck, in der Kirche zu sitzen. „Halleluja“ ruft er schon auf dem Weg zur Bühne. Er wundere sich darüber, „wie viele Freunde die Bergleute plötzlich wieder haben.“ Man könne nicht mehr zählen, wie oft in all den Jahrzehnten die Bergleute für ihre Zukunft demonstriert hätten. Auch das sozialverträgliche Ende des Bergbaus hätten die Bergleute selbst erkämpft. Trotz vieler dunkler Stunden sei es immer weitergegangen. Geuskens Rede wirkt sehr engagiert. Doch der Saal bleibt auffallend ruhig. Es klingt schon so, als spräche Geuskens aus einem Film, der in zehn Jahren an den Bergbau erinnert.

Mehr zum Thema:

› Kramp-Karrenbauer setzt sich für Bergbau-Ausstellung ein   (05.12.2011 17:08)


› Bergbau-Geschädigter erhält Entschädigung von RAG   (04.11.2011 11:34)
› Neuer Fotoband dokumentiert den staatlichen Bergbau an der Saar   (30.10.2011 11:06)


Beitrag vom: 05.12.2011, 01:24

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