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Mobile Rampe zum Ausleihen hat nicht den erhofften Erfolg gebracht





St Ingbert
Wie sich St. Ingbert im Rollstuhl anfühlt
Mobile Rampe zum Ausleihen hat nicht den erhofften Erfolg gebracht

Von  Patricia Müller, 
22. Februar 2016, 02:00 Uhr
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Für Boris Nicolai ist selbst eine einzige Stufe, wie die vor der Polizeiinspektion, ein unüberwindbares Hindernis. Foto: Patricia Müller Foto: Patricia Müller
Boris Nicolai kommt aus St. Ingbert, ist 30 Jahre alt und seit fast zehn Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. SZ-Redakteurin Patricia Müller erzählte er, wo die Stadt für ihn Probleme macht und wie sie sich in puncto Barrierefreiheit im letzten Jahrzehnt verändert hat.


 
Wenn Boris Nicolai die Innenstadt besucht, dann geht das nicht ohne viel Gerumpel. Mit seinem Rollstuhl muss der 30-Jährige über das historische Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone. „Das ist ja ganz schön und schnuckelig“, sagt er. Doch es ist für ihn auch ganz schön holprig. Dabei empfindet er die flachere Pflasterung am Rand nicht wirklich als sanft: „Man merkt kaum einen Unterschied.“ Was für Menschen ohne Gehbehinderung einen Eindruck von Barrierefreiheit hinterlässt, ist für Rollstuhlfahrer wohl oft gar nicht so angenehm, wie es aussieht. Während manche Hindernisse für den Mann überwindbar sind, hat er in anderen Situationen keine Wahl: Viele Läden in der St. Ingberter Innenstadt kann er – gerade im Winter, wenn es zu kalt ist, um draußen zu sitzen – schlicht und ergreifend nicht besuchen, da die Eingänge Treppenstufen haben. Schon eine einzige ist für einen Rollstuhlfahrer wie Nicolai zu viel. Er leidet an einer neuromuskulären Erkrankung. Auch in den Armen hat er nur wenig Kraft, was selbst kleine Stufen zu unüberwindlichen Hindernissen macht.

Nun verfügen mehrere Geschäfte in der St. Ingberter Fußgängerzone über ebenerdige Zugänge. Besonders problematisch wird es jedoch, wenn der Rollstuhlfahrer eine Gaststätte, ein Café oder ein Restaurant besuchen möchte. Die allermeisten haben eine Stufe vor der Tür. Nicolai empfindet dies als einen von mehreren Gründen, warum er daran gehindert wird, am öffentlichen Leben teilzunehmen. In diesem Fall sollte im vergangenen Jahr eine mobile Rampe das Problem kurzfristig lösen. Im Januar 2015 brachte man sie in der Gaststätte Times unter; jedermann sollte sie Ausleihen können. Doch die optimale Lösung sei das auf Dauer nicht, sagt Nicolai. Er habe auf Nachahmer gehofft und auf Läden, die feste, befahrbare Zugänge installieren. Denn eine solche mobile Rampe könne er natürlich auch nicht selbst befördern. Jemand müsse das Teil tragen.

Gäste des Times nutzten die mobile Rampe seit der Anschaffung „sehr oft“, teilt Geschäftsführer Torsten Ullrich mit. Konkret bedeute das im Schnitt ein bis zwei Mal im Monat, sagt er, besonders Besucher aus dem Altenheim, die beispielsweise auf Rollatoren angewiesen seien. „Von den anderen Kollegen“ sei die Rampe „nicht einmal“ ausgeliehen worden, berichtet Ullrich. Auch Nico Ganster hat sich für seinen Friseursalon eine ähnliche Rampe gekauft, die bislang „vielleicht vier, fünf, sechs Mal“ genutzt wurde. Es sei also auch nicht der durchschlagende Erfolg gewesen. Doch man müsse das Thema pragmatisch sehen. Für die Kunden, die die Rampe genutzt haben, sei es in Ordnung gewesen. Ganster glaubt aber auch, dass es an dieser Schwachstelle noch etwas zu tun gibt. Als erster Vorsitzender des Vereins für Handel und Gewerbe in St. Ingbert will er die barrierefreie Möglichkeit auf einem Geschäftsrundgang mit dem Vorstand im März ansprechen. Denn er vermutet: Die mobile Rampe zum Ausleihen sei möglicherweise bei anderen Geschäften noch nicht so bekannt.
 

„Es hat sich in den letzten Jahren nicht viel getan“

Boris Nicolai kommt aus St. Ing- bert, ist 30 Jahre alt und seit fast zehn Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. SZ-Redakteurin Patricia Müller erzählte er, wo die Stadt für ihn Probleme macht und wie sie sich in puncto Barrie- refreiheit im letzten Jahrzehnt verändert hat.

Herr Nicolai, das Einkaufen, gemütlich in Regalen umschauen und Essen gehen sind in der St. Ingberter Innenstadt zum Teil schwierig bis unmöglich. Wo sind für Rollstuhlfahrer wie Sie weitere Schwachstellen im öffentlichen Leben?

Boris Nicolai: Ein Manko sind nicht abgeflachte Bürgersteige und Überwege. Ich wohne etwa 1,5 Kilometer von der Innenstadt entfernt. Auf dem Weg zur Innenstadt kann ich viele Gehwege nicht benutzen, da die Bordsteinkanten zu hoch sind. Es bleibt dann nur die Möglichkeit, mit dem Rollstuhl auf der Straße zu fahren, welches aber ein großes Unfallrisiko darstellt. In der Innenstadt selbst wurden jedoch einige Gehwege in den letzten Monaten barrierefrei gestaltet. Weitere Einschränkungen findet man im Öffentlichen Personennahverkehr. Viele Bushaltestellen sind nicht barrierefrei ausgeführt, so dass man mit dem Rollstuhl oder Rollator nicht in den Bus gelangt. Auch die Stadthalle ist trotz des improvisierten Außenaufzugs nicht barrierefrei. Die Kasse, Ankleide, Bühne und auch die Bar sind für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich.

Fühlen Sie sich als Rollstuhlfahrer mit Ihren Belangen von der Stadtverwaltung und Unternehmen wahrgenommen?

Nicolai: Ich hatte schon einige Gespräche mit Personen der Stadtverwaltung und Unternehmen. Im ersten Moment erkennen die Leute zwar das Problem, aber ihr Engagement, langfristig daran zu arbeiten, um Verbesserungen zu erzielen, das bleibt aus. Auch interne Probleme zwischen den Parteien und einzelnen Personen verhindern und blockieren die Umsetzungen. Es gab schon kurzfristige, provisorische Lösungen, die zwar auf die Problematik hinweisen, aber nicht den gewünschten Effekt der Barrierefreiheit erzielt haben.

Seit fast zehn Jahren sind Sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Was hat sich seither in der Stadt in Sachen Barrierefreiheit getan – und was nicht?

Nicolai: Es hat sich nicht viel getan in der Innenstadt. Obwohl 2002 bereits das Behindertengleichstellungsgesetz verabschiedet wurde, ist es erstaunlich, dass man nicht versucht, die vorhandenen Barrieren zu reduzieren. Dass das nicht von heute auf Morgen passieren kann, ist mir bewusst. Jedoch sehe ich rückblickend keine wirklichen Verbesserungen seitdem ich Rollstuhlfahrer bin. Andere Städte wie Saarbrücken, Homburg oder Neunkirchen zeigen hier mehr Einsatz.

Diese Städte führen beispielsweise einen „Wegweiser“ für Behinderte. Das ist eine Broschüre, die aufweist, welche Lokale und Geschäfte barrierefrei sind und wo es barrierefreie Toiletten und Parkplätze gibt.



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