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Sendehalle von Europe 1 wartet auf ihre angemessene Nutzung





Überherrn
Schwingen aus Glas und Beton über dem Saargau
Sendehalle von Europe 1 wartet auf ihre angemessene Nutzung

30. November 2016, 02:00 Uhr
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An eine aufgeklappte Jakobsmuschel erinnert die frühere Sendehalle von Europe 1 in Berus. Sie wurde 1954/1955 für einen französischen Privatsender errichtet.
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In der Senderhalle gibt es einen Leitstand mit vielen Anzeigen und Schaltern. Hier wurde der unterbrechungsfreie Betrieb organisiert.
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Im Büro des letzten Direktors Binger liegen noch heute eine halb volle Zigarrenkisten auf dem Schreibtisch. Fotos: Robby Lorenz
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Fast wie im Museum: Es steht noch vieles so, wie es die Mitarbeiter vor gut einem Jahr verlassen haben. Teile des Mobiliars, hier vom Fotografen in Szene gesetzt, sind so alt wie das Gebäude selbst.
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François Melcion (79) schließt noch heute der Kälte wegen die Umluftklappen in der großen Halle, wenn er in den Sender kommt. Hier hat der Felsberger 35 Jahre, bis 1997, als Dienstleiter gearbeitet.
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Licht durchflutet die enorm großen Glaswände der Halle auf dem etwa 360 Meter hohen Sauberg.
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Der Boden der riesigen Senderhalle war komplett mit Fliesenscherben von Villeroy & Boch ausgelegt.
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Selbst das kleine und niedrige Sekretariat besteht bis zur Schrankuhr noch aus vielen Einrichtungsgegenständen der 50er Jahren.
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Nur kurz genutzt wurde der inzwischen sanierungsbedürftige Fernsehturm nahe der Halle.

Die frühere Sendehalle des französischen Senders Europe 1 ist ein Juwel der 50er Jahre. Die Gemeinde Überherrn hat sie gekauft. Was dort künftig geschehen soll, ist noch offen. Jetzt rückt erst einmal die architektonische Kühnheit in den Blick der Öffentlichkeit.

Vom Saartal aus, von Deutschland her, ist sie unsichtbar, und selbst von der französischen Seite her erscheint sie erst ganz kurz vorher auf den Gauhöhen. Bis vor Kurzem durfte kaum jemand auf das Gelände von Europe 1, der französischen Senderhalle in Überherrn Berus. Nur so ist zu begreifen, dass die 1954/55 gebaute Halle erst jetzt in der Öffentlichkeit als das erscheint, was sie wirklich ist: Sie gehört zur ingenieurtechnisch und ästhetisch aufregendsten Architektur der Region diesseits und jenseits der Grenze.

Die Grenzgemeinde Überherrn hat das Gebäude vom französischen Eigentümer für 120 000 Euro gekauft, nachdem im Oktober 2015 der Sendebetrieb eingestellt wurde. Bürgermeister Bernd Gillo betont, die Halle sei zuvor statisch rauf und runter geprüft worden. Mit der Halle erwarb Überherrn 24 der zur Anlage gehörigen 117 Hektar Land. Zwei Sendemasten stehen noch, zwei nicht mehr.

Niemand, der die Halle zum ersten Mal sah, kam anders als überwältigt aus ihr heraus. Einmal wegen der Größe, 82 Meter lang und 43 Meter breit ist sie. Die Höhe schwankt zwischen fünf und 16 Metern. Vor allem aber wegen der atemberaubenden Konstruktion. Die Wände aus Glas und Beton überspannt eine Dachkonstruktion, deren Beton allein von Seilen und einem Ringanker gehalten wird. Die Widerlager draußen so groß wie eigene Gebäude. Das Dach erinnert an eine aufgeklappte Jakobsmuschel. Es gibt nur eine Symmetrieachse. Die Spannbeton-Konstruktion beeindruckt kein bisschen weniger als die etwas später nach ähnlichem System gebaute Kongresshalle „Schwangere Auster“ in Berlin.

Die Architekten Jean François Guédy und Eugène Freyssinet, ein Pionier des Spannbetonbaus, hatten eigentlich eine repräsentative Fernsehhalle gebaut. Doch das Saar-Fernsehen „Europa 1 Television“ wurde nach der Saar-Abstimmung 1955 gestoppt. So stand nur die Technik einer der stärksten Radio-Sendeanlagen Europas in der Halle. Gesendet hat das private Radio Europe 1 stets ein Programm aus Paris.

Drinnen fallen nicht zuerst die beiden Reihen aus Transformatoren auf, immer zwei baugleiche Geräte, falls eines ausfällt. Sondern der lange Konferenztisch, der mitten in der Halle steht, als seien die Herren gerade in der Mittagspause. Stühle ordentlich an den Tisch gerückt, andere zurückgesetzt, als sei soeben jemand aufgestanden. In den Büros alles noch so, als ginge der Betrieb weiter. Auf einem Schreibtisch eine halb volle Zigarrenkiste („Engelhardt Capitano“), im Regal Fachbücher (Radio-Antenne I und II), eine französische Grammatik. Visitenkarten, Terminkalender.

Bis zu 45 Mitarbeiter hatte die Sendehalle, Deutsche und Franzosen. Gesendet wurden auf Langwelle Radioprogramme nach Frankreich und Nordafrika. Europe 1 (Teil des Konzerns Lagardère) wird inzwischen vom luxemburgischen Senderbetreiber BCE gesendet, und zwar von einem kleinen Gebäude mit zwei viel kleineren Antennen ein paar hundert Meter von der Halle entfernt.

Was aus der Halle selbst wird, ist noch offen. Sie steht unter Denkmalschutz. Nicht bloß Überherrn selbst, auch eine interministerielle Arbeitsgruppe diskutiert Ideen. Bürgermeister Gillo schätzt, dass später bis zu 1000 Menschen drinnen und 5000 bei Veranstaltungen draußen Platz hätten.



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