ALLESPROFIS.DE - Profis für alle Lebenslagen
Sie sind hier: HomeSaarlandSaarland

"Bis heute keine Entschuldigung"





"Bis heute keine Entschuldigung"
10. Oktober 2009, 00:08 Uhr
Klicken Sie auf das Bild, um eine größere Ansicht zu erhalten. sn-minow_6819

Hans-Rüdiger Minow
Der Zug der Erinnerung rollt am Montag zum zweiten Mal im Saarbrücker Hauptbahnhof ein. Was wird darin zu sehen sein?Minow: Wir zeigen wie beim ersten Aufenthalt in Saarbrücken eine große Anzahl von Biografien deportierter Kinder. Wir hoffen, auch Schicksale einzelner deportierter Kinder aus dem Saarland zeigen zu können
Der Zug der Erinnerung rollt am Montag zum zweiten Mal im Saarbrücker Hauptbahnhof ein. Was wird darin zu sehen sein?

Minow: Wir zeigen wie beim ersten Aufenthalt in Saarbrücken eine große Anzahl von Biografien deportierter Kinder. Wir hoffen, auch Schicksale einzelner deportierter Kinder aus dem Saarland zeigen zu können. Das organisieren lokale Initiatoren - vor allem der Verein "DenkmalMit!"

Haben Sie die Ausstellung denn in der Zwischenzeit erweitern können?

Minow: Ja, einerseits um den Bereich "Verdrängen und Vergessen". Darin werfen wir die Fragen auf: Was ist mit den Tätern in der Nachkriegszeit passiert? Wie ist die Deutsche Bundesbahn als historische Erbin der Täter mit der Deportationsgeschichte umgegangen? In den 80er Jahren etwa gab es Bürgerinitiativen, die in ihren Orten mit Gedenkplaketten an Bahnhöfen der Deportierten gedenken wollten. Wir dokumentieren, wie Vertreter der damaligen Deutschen Bundesbahn diesen Initiativen Steine in den Weg gelegt haben. Die Führung der Bundesbahn hat bis weit in die 80er Jahre versucht zu verhindern, dass es in der öffentlichen Darstellung der Geschichte des Unternehmens überhaupt zu einer bloßen Erwähnung der Deportation kommen könnte. Das ist angesichts des Umfangs dieses Verbrechens, bei dem drei Millionen Menschen mit der Eisenbahn deportiert worden sind, so unglaublich, dass wir meinen, das sollte unbedingt Bestandteil der historischen Darstellung sein.

Womit beschäftigt sich der zweite neue Teil der Ausstellung?

Minow: Mit Schuld und Schulden. Wir dokumentieren mehrere Fälle, in denen Kinder deportiert worden sind und Teile des NS-Lagersystems durchliefen, aber überlebten. Diese Überlebenden haben für ihre Deportation selbst zahlen müssen. Wie übrigens alle jene, die nicht zurückgekehrt sind. Wir zeigen auf, welche Einnahmen die damalige Deutsche Reichsbahn erzielte. Das waren Hunderttausende Reichsmark, wir rechnen das um in einen Eurobetrag. So bekommt der Besucher eine Vorstellung davon, welche riesigen Summen bei der Reichsbahn zusammen kamen. Und das Entscheidende ist, dass die Überlebenden sagen - und wir zitieren sie in der Ausstellung: Weder hat man sich bei uns je dafür entschuldigt noch haben wir für diese Deportationen je eine Kompensation erhalten.

Frankreich ist mit seiner Deportations-Geschichte anders umgegangen, da gab es eine Aufarbeitung…

Minow: Ja, bei der Ausstellung über die Deportationen auf dem Pariser Hauptbahnhof Gare du Nord hat der damalige französische SNCF-Direktor eine Rede gehalten, die sehr bemerkenswert war. Er hat gesagt, wir erinnern uns auf der einen Seite an die Deportierten. Aber wir erinnern uns auch an unsere eigene Beteiligung. Das ist deswegen so bemerkenswert, weil es in Deutschland bis heute kein vergleichbares Schuldbekenntnis seitens der Bahn gibt. Man spricht in Berlin allgemein von "Verantwortung". Es geht aber um mehr - um das Eingeständnis, dass die Reichsbahn millionenfache Mordbeihilfe begangen und die damalige Deutsche Bundesbahn die Täter bis weit in die Nachkriegszeit gedeckt hat.

Wie ist ihr Verhältnis zur Deutschen Bahn? Sie müssen ja nach wie vor Streckengeld für die Ausstellung zahlen.

Minow: Die Bahn hat einen Kurswechsel vollzogen. Mit dem Beginn der Tätigkeit des neuen Bahnchefs, Rüdiger Grube, hat die Sprachlosigkeit, die zwei Jahre herrschte, aufgehört, und wir sind froh darüber. Wir zahlen aber weiter, ja. Pro Schienenkilometer etwa vier Euro. Und pro Stunde der Ausstellung 45 Euro. Plus weitere Gebühren. Wir kommen auf einen Betrag von über 1000 Euro pro Tag.

Aber stimmt es, dass die Deutsche Bahn Ihnen Geld gespendet hat?

Minow: Das ist richtig. Sie hat es aber nicht uns gespendet. Sie hat es einem Fonds gespendet, und wir profitieren davon. Ich sage es so: Die Gelder, die uns die Bahn auch jetzt in Saarbrücken abverlangt, zahlen wir ihr aus dem Geld des Fonds zurück.

Wie ist Ihre Erfahrung mit den Beamten in den Bahnhöfen - vor allem in Saarbrücken?

Minow: Es gibt Bahnhöfe, in denen diese Kollegen umfangreich kooperieren. Es gibt andere, in denen man distanziert und unkooperativ ist. Das ist bedauerlich. Wir hoffen, dass der Zug, der beim ersten Mal, als er in Saarbrücken war, auf Gleis 1 stand, dort auch wieder stehen darf - und nicht auf einem Abstellgleis, das schwer erreichbar ist.

Hintergrund

Der Zug macht dank der Initiative des Saarbrücker Vereins DenkmalMit! und Sponsoren ab kommenden Montag bis Mittwoch am Hauptbahnhof Station (täglich 8 bis 19 Uhr).

Die Ausstellung ist ein Projekt deutscher Bürgerinitiativen und soll ein Zeichen gegen Geschichtsvergessenheit, Antisemitismus und die extreme Rechte setzen. Kontakt für Führungen, Tel. (0 68 94) 38 45 21 (9 bis 14 Uhr). ko


Landtagswahl 2017




> Alle Ergebnisse der Saar-Wahl     > Alle Berichte zum Wahl-Ergebnis






Teilen und diskutieren

Kommentieren Sie diesen Beitrag über Facebook, Twitter oder Google+:

FACEBOOK
GOOGLE+
TWITTER



Anzeige
Neu für Vereine:
SaarZeitung

Termin melden

Text schicken


ANZEIGE
Beilagen






Anzeige