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Diese Nachtschicht ist besonders gefährlich





Saarbrücken
Diese Nachtschicht ist besonders gefährlich
22. April 2017, 02:00 Uhr
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Straßenstrich heißt, nachts bei Wildfremden einzusteigen. Dann sind die Frauen Freiern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Symbolfoto: karl Mittenzwei/DPA

Dutzende von Frauen gehen nachts auf den Straßenstrich. Es ist ein Ort, der auch Verbrecher anlockt. Und wo Opfer aus Angst schweigen.

„Frühjahrsputz am Straßenstrich“: Prostituierte machten, unterstützt von der Polizei, im Deutschmühlental sauber. Doch nach dem SZ-Artikel über den Reinigungseinsatz rissen die Beschwerden über Missstände nicht ab. Anlässe für zwei Leserinnen, sich bei der SZ zu melden, sind zum einen der verräterische Müll auf Waldwegen und zum anderen Frauen, die in für sie gesperrten Straßen die Freier bedienen. Aber die Polizei hat in Saarbrücken mit Prostituierten nicht nur zu tun, sobald sie gegen Regeln verstoßen. Polizisten erleben diese Menschen auch als Opfer von Freiern und Zuhältern.

Udo Schneider, Chef der Inspektion St. Johann, und Peter Merscher gaben der SZ einen Überblick. Merscher leitet im Landespolizeipräsidium das Team gegen Menschenhandel, Schleusung und Rotlichtkriminalität. Schneider schickt vorweg: „Prostitution ist ja nicht per se verboten. Wir stigmatisieren die Frauen nicht.“ Sie dürfen ihrer Arbeit nachgehen. Mit allen Risiken, die von Freiern ausgehen. Vor allem nachts und an abgeschiedenen Plätzen. Aber selbst als Opfer haben viele Prostituierte noch Angst, sich Ermittlern zu offenbaren. Merscher weiß: „Das Dunkelfeld ist groß. Die Frauen reden fast gar nicht darüber, was ihnen passiert. Dass sie als Opfer auch Anspruch auf Schutz haben, ist ihnen fremd.“ Den Dezernatsleiter verwundert das nach jahrzehntelangen Ermittlungen in diesem Milieu nicht. „Die meisten Fälle von Menschenhandel und Schleusung aus Rumänien und Bulgarien basieren auf Armut. Die Frauen haben aus ihren Einnahmen die ganze Familie zu ernähren.“

Und wer als Drogenkranke das Prostituierten-Hilfsprojekt „Le Trottoir“ nutzt, brauche das Geld für Rauschgift, ergänzt Udo Schneider. Seine Meinung über die Frauen auf dem Straßenstrich? „Sie sind alle Opfer des Systems und der Strukturen, in denen sie sich bewegen.“ Opfer, die auch in den Polizeiakten auftauchen. „Wir haben für 2016 die Kriminalität in Saarbrücken mit Bezügen zum Straßenstrich analysiert.“

Demnach gab es 16 Ermittlungsverfahren. Die Taten krimineller Freier reichten von Nötigung über Körperverletzung bis hin zum Raub. Auch versuchten Kunden, die Frauen um ihr Geld zu prellen. Wie gefährlich dieses Leben nicht nur in den Autos der Freier ist, wie skrupellos die Hintermänner sind, erlebt Merschers Team ständig: „Wir haben gerade ein großes Verfahren wegen Zuhälterei und Gewalt gegen Prostituierte abgeschlossen. Jetzt liegen die Ergebnisse bei der Staatsanwaltschaft.“

Die Arbeit geht der Polizei schon deshalb nicht aus, weil mindestens die Hälfte der Freier aus Frankreich kommt. „Dort ist Prostitution verboten. Da liegt es doch für Lothringer nahe, gleich hierherzukommen, statt sich drüben irgendeinem Entdeckungsrisiko auszusetzen“, sagt Merscher.

Für Schneider steht fest, dass Polizeiarbeit gegen Auswüchse der Prostitution fruchtet: „Wenn Freier eine Frau um den Lohn prellen, erfährt sie vom Verein Aldona oder von uns, dass sie gegen den Kunden einen zivilrechtlichen Anspruch hat.“ Einen Anspruch, den viele Sex-Arbeiterinnen durchsetzen wollen. „Die Freier können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Frauen aus Angst auf den Lohn verzichten“, sagt Merscher. Außerdem wollen auch an der Saar Prostituierte aus diesem Dasein aussteigen. Das heißt: besonderer Status im Strafverfahren, neues Leben, neue Identität. Merscher: „Wir haben hier nicht viele Zeugenschutzverfahren. Aber wir sind doch ständig mit einem dieser Komplettprogramme beschäftigt.“




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