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Ministerium stellt Referate der Klassenarbeit gleich – Philologen üben Kritik





Saarbrücken
Konkurrenz für die Kursarbeit
Ministerium stellt Referate der Klassenarbeit gleich – Philologen üben Kritik

30. November 2016, 02:00 Uhr
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Die klassische Kursarbeit, die Schüler gleichzeitig schreiben, wird es künftig seltener geben. Foto: dpa

Foto: dpa
Schüler haben individuelle Stärken und Kompetenzen – diese will das Bildungsministerium mit dem „Leistungsnachweiserlass“ fördern. Statt schriftlicher Klassenarbeiten sollen Schüler etwa Referate halten dürfen.

Die Klassenarbeit ist auf dem Rückzug – Schüler stellen heutzutage auch mit Referaten, Lerntagebüchern und Portfolios ihre Leistung unter Beweis. Sie können mitunter gleich viel für die Zeugnisnote zählen wie die schriftliche Arbeit. Um diesen alternativen Formen eine Rechtssicherheit zu verschaffen, hat das Bildungsministerium am 4. Juli den „Erlass zur Leistungsbewertung“ verabschiedet. Er ersetzt die bisherigen Klassen- und Kursarbeitenerlasse. Nun wird zwischen „Großen Leistungsnachweisen“ (schriftliche Arbeiten, Referate, Teilnahme an Wettbewerben) sowie „Kleinen Leistungsnachweisen“ (Mitarbeit, Präsentation, Hausaufgabentests) unterschieden. Notwendig sei die Änderung auch wegen der Inklusion: Wo Schüler unterschiedlichen Leistungsniveaus gemeinsam lernen, müsse ihre Lernentwicklung auch individueller betrachtet werden, so das Ministerium. Für die Grundschulen gilt der Erlass seit diesem Schuljahr, ein Jahr später sollen die weiterführenden Schulen folgen.

Grundsätzlich sei es zu begrüßen, dass die Schulen dadurch mehr Flexibilität bei der Beurteilung einzelner Schüler erhielten, sagt die Vorsitzende des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (SLLV), Lisa Brausch. „Wir haben an Grundschulen durch die Inklusion zunehmend Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf, die nicht in der Lage sind, reguläre Klassenarbeiten zu schreiben“, sagt sie. Daher sei es sinnvoll, dass die Verordnung auch alternative Leistungsnachweise ermögliche.

Als problematisch habe sich jedoch der enge Zeitplan von der Vorstellung des Erlasses bis zur Einführung bereits zum Schuljahresbeginn herausgestellt. So sei kaum Zeit gewesen, die Änderungen zu verinnerlichen und umzusetzen. „Wir merken eine Verunsicherung bei den Lehrerinnen und Lehrern“, sagt Brausch. So sei nicht die Zeit gewesen, vorher ein einheitliches Konzept für die neuen Formen der Leistungsbewertung zu entwickeln. Auch bestehe nach ihrer Auffassung noch Klärungsbedarf bezüglich der Dokumentations- und Informationspflicht den Eltern gegenüber. So schreibe der Erlass keine konkrete Form hierfür vor, dies sei jedenfalls so angekommen. Auch schafft der Erlass den Notenspiegel ab. Grund: Er stelle nicht die individuelle Förderung ins Zentrum, sondern führe zu Fehlschlüssen oder gar zur Diskriminierung einzelner Schüler, so das Ministerium. Lehrer sollen künftig unter die Note einen „zusammenfassenden Kommentar“ schreiben, der Eltern und Schülern die Leistung erläutert. Die Abschaffung des Notenspiegels sei eine logische Konsequenz, findet Lisa Brausch: „Wie soll man einen Notenspiegel verkünden, wenn es in der Klasse vier oder fünf Schüler mit abgesenkten Leistungsniveau gibt?“

Der Saarländische Philologenverband (SPhV), der die Gymnasiallehrer vertritt, sieht die Umsetzung des Erlasses kritisch. Insbesondere stört ihn, dass von den fünf großen Leistungsnachweisen pro Fach bis zu drei alternative Arbeiten, also keine schriftlichen Klassenarbeiten, sein dürfen. Dabei soll die Form und der Zeitpunkt mit dem Schüler individuell festgelegt werden. „Das widerspricht dem Aspekt der Chancengleichheit und der Gleichbehandlung“, findet der SPhV-Vorsitzende Marcus Hahn.

Ein Schüler, der etwa sein Referat erst nach den Ferien halten brauche, habe mehr Zeit, als einer, der vorher an der Reihe sei. Dies gelte auch für die Prüfungsformen: „Wenn ich für den einen Schüler ein Referat ansetze, und für den anderen eine schriftliche Klassenarbeit und für den dritten ein Portfolio, prüfe ich zwar formal auf dem gleichen Niveau, aber das sind natürlich inhaltlich vollkommen unterschiedliche Anforderungen.“ Schüler aus einem Akademikerhaushalt könnten mit Unterstützung von zu Hause Leistungsnachweise vorbereiten, und hätten so noch mehr Vorteile. Der SPhV fordert, dass von den fünf großen Leistungsnachweisen pro Jahr vier eine klassische Klassenarbeit sein sollen. Der alternative Lernnachweis soll für alle Schüler einer Klasse gleich sein – also entweder machen alle ein Referat oder alle ein Portfolio.

Leistungsnachweise seien während des Unterrichts und nicht zu Hause oder in den Ferien mit Unterstützung der Eltern zu gestalten, entgegnet das Ministerium. Es sieht durch die individuelle Förderung der einzelnen Schüler die Bildungsgerechtigkeit gestärkt.

Die Philologen fürchten auch die Bürokratie. Für die Gymnasien soll die Zahl der „Leistungsfeststellungen“ festgeschrieben werden. „Es liefe darauf hinaus, dass Schüler in bestimmten Klassenstufen zum Teil 66 Leistungsmessungen im Schuljahr hätten“, argumentiert Hahn. Da es pro Woche aber nur eine bestimmte Anzahl von Tests geben dürfe, müsse ab Klasse 5 ein Prüfungsplan für die Klassen angelegt werden, um alles organisatorisch gestemmt zu bekommen. „Wehe, es wird dann einer krank.“ Auch der SLLV hält die Anzahl der Leistungsnachweise für die weiterführenden Schulen für nicht praktikabel. Durch die „Kontrolldichte“ bliebe zu wenig Zeit für das Kerngeschäft Unterrichten und die Förderung von sozialen Kompetenzen.

Änderungen am Erlass seien noch möglich, sagt Hahn.. Derzeit fänden Gespräche statt, am 12. Dezember sollen Ergebnisse vorliegen. „Es wird darauf hinaus laufen, dass es einen eigenen Erlass für das Gymnasium geben muss“, vermutet er.

Meinung:

Nicht nur Noten zählen

Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Ohne Frage, der neue Erlass aus dem Hause Commerçon bedeutet viel Arbeit und Umgewöhnung. Lehrer müssen das Können ihrer Schüler künftig deutlich aufwändiger prüfen und einschätzen. Doch auch Schüler und Eltern müssen lernen: nicht bloß Klassenarbeiten zählen. Das kostet Mühe. Und manches, was das Bildungsministerium vorgibt, mag noch unausgegoren sein. Aber der Erlass, und das zählt, stößt die Tür zu einem neuen Bildungsverständnis auf, bei dem junge Menschen auch abweichender Leistungsniveaus gemeinsam lernen können. Es ist zudem ein Weg, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schüler treffender zu bewerten. Und Noten sind endlich nicht mehr das Maß aller Dinge.



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