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Suche nach Lösung für belästigte Nachbarn des Lerchesflur-Gefängnisses





Saarbrücken
Wenn Geschrei durch Gitterstäbe dringt
Suche nach Lösung für belästigte Nachbarn des Lerchesflur-Gefängnisses

29. November 2016, 02:00 Uhr
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Blick vom Balkon eines Anwohners auf das Hafthaus IV im September. Foto: Klostermann/Archiv

Foto: Klostermann/Archiv
Übelste Beschimpfungen bekommen Nachbarn des Saarbrücker Gefängnisses von Häftlingen zu hören, wenn sie ihren Balkon betreten. Eine Lösung soll her – doch nach einem Besuch im Gefängnis sind sie ernüchtert.

Das Angebot, einen Ostfriesentee auf dem Balkon des Ehepaars Inka, 71, und Karl Bünting, 72, in der Stieringer Straße zu trinken, hat Saar-Justizminister Reinhold Jost (SPD) bisher nicht angenommen. Von dort hätte Jost einen unverbauten Blick auf das Haftgebäude IV des Gefängnisses Lerchesflur. Und könnte vielleicht auch Zeuge werden, wenn der eine oder andere Zelleninsasse, alles Schwerverbrecher, aus den Fenstern heraus seine Nachbarn mit lauten Rufen belästigt. Im September hatte die SZ berichtet, dass das Ehepaar Bünting und mehr als 100 weitere Anwohner der Haftanstalt sich teilweise nicht mehr auf ihre Balkone trauten – weil die Zurufe auch mit sexuellen Beschimpfungen der übelsten Sorte gespickt sind. Die Büntings wollten sogar ihren wahren Namen nicht in der SZ lesen, aus Angst vor Repressalien der Gefangenen, wenn diese wieder in Freiheit sind. Denn sowohl die Büntings als auch weitere Anwohner, die bei Jost intervenierten, fordern vehement einen Sicht- oder Schallschutz, um vor weiteren Belästigungen und auch ruhestörender Musikbeschallung sicher zu sein.

Auch wenn Jost bisher auf den Ostfriesentee verzichtet, gab es jetzt eine erste Annäherung zwischen Justizvollzug und den Nachbarn. Anstaltsleiter Pascal Jenal und seine Stellvertreterin Jennifer Klingelhöfer hatten Karl Bünting und den Prokuristen Martin Himbert von der Hornung Hausverwaltung, die 54 Wohnungseigentümer in der Nachbarschaft des Gefängnisses betreut, zu einem Ortstermin hinter Gittern eingeladen. Jenal schenkte freundlich Kaffee aus und bekundete in dem Gespräch sein Verständnis für die missliche Lage der Nachbarn. Doch auch Jenal erklärte, dass es baulich keine Möglichkeit gebe, die Zellenfenster, die frontal zur Stieringer Straße hinausgehen, weiter abzuschotten. Der Einbau von Milchglasfenstern, durch die zwar genügend Licht einströmen könnte, würde sich dennoch verbieten: Die Anti-Folter-Kommission des Europarates, die regelmäßig die Haftanstalten besuche, würde dagegen ihr Veto einlegen, sagte Klingelhöfer. Häftlinge hätten ein Recht auf soziale Kontakte auch aus den Fenstern hinaus. Bei einem Rundgang übers Gefängnisgelände wurde zudem deutlich, dass auch die Gefängnismauer aus statischen Gründen nicht erhöht werden kann. Im Haftgebäude IV konnten sich Bünting, Himbert und der SZ-Redakteur in einer leerstehenden Zelle davon überzeugen, dass das Lochblech vor dem Fenster keine Rufe absorbieren kann. Und die Sicht auf Büntings Balkon optimal ist.

Es waren Justizvollzugsbeamte, die den möglichen Grund für die Zunahme der Belästigungen und der daraus resultierenden Beschwerden nannten. Durch den Abbau von Personal seien regelmäßige Kontrollgänge nicht mehr möglich. „Jetzt wird alles videoüberwacht“, sagte ein Beamter. Dadurch sei es nicht mehr möglich, die Zellenfenster zu identifizieren, aus denen die bösartigen Rufe kommen.

Anstaltsleiter Jenal kündigte jedoch an, dass man mögliche „Schreihälse“ wohl kenne und versuchen werde, durch eine innerhäusige Umorganisation dem Problem zu begegnen.

Karl Bünting zeigte sich nach dem Gespräch ernüchtert. „Denen sind Hände und Füße gebunden“, sagte Bünting. Er bezeichnete es als Fehlplanung des damaligen Justizministers Josef Hecken (CDU), vor neun Jahren das Haftgebäude mit den „schweren Fällen“ so nah an die Wohnbebauung heranrücken zu lassen. „Wenn hier in der Stieringer Straße ein Prominenter wohnen würde, der so belästigt wird wie wir, würde die Landesregierung ganz anders vorgehen“, erklärte Bünting leicht resigniert.

Josts Sprecher, der Staatsanwalt Dennis Zahedi, zeigte sich dagegen nach dem Treffen, bei dem er erstmals das Gefängnis von innen sah, „optimistisch, dass man eine Lösung findet“. Im Frühjahr 2017 will Jenal die Anwohner erneut einladen. Dann sind die Balkone auch wieder stärker bevölkert – sofern es keine erneuten Schmährufe gibt.



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