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Vielen Saarbrücker Senioren reicht das Geld nicht – Jugend macht sich kaum Gedanken





Saarbrücken
Wenn Rentner jobben müssen
Vielen Saarbrücker Senioren reicht das Geld nicht – Jugend macht sich kaum Gedanken

Fatima Abbas,Marie Marx (beide SZ),  18. Oktober 2016, 02:00 Uhr
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Minijob mit 80: Auch in Saarbrücken gibt es Rentner, die sich im Alter etwas dazuverdienen müssen. Foto: Jan Woitas/dpa

Foto: Jan Woitas/dpa
Wie steht es in Saarbrücken um die Altersarmut? Und was kann man dagegen tun? Das wollte die SZ von jungen und älteren Passanten wissen. Ein trauriges Ergebnis: Etliche Ruheständler sind auf die Tafel angewiesen.

Zum Leben bleiben ihr 243 Euro. Die Miete ist zu hoch, ihr Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Die Saarbrücker Rentnerin schildert ihre Lage lieber anonym. Sie möchte die gemeinsame Wohnung nicht aus Geldnot verlassen müssen. Deshalb geht sie zweimal pro Woche arbeiten. Für zehn Euro pro Stunde. Als Altenpflegerin. Mit 75 Jahren.

Ist diese Frau ein Einzelfall? Nein. So beobachtet es jedenfalls Marta Borosch. Die 66-Jährige arbeitet ehrenamtlich bei der Tafel. „Ich sehe immer mehr Altersarmut. Der Gang zur Tafel ist vielen unangenehm.“ Sie findet: „In einer Solidargemeinschaft müssten auch Geringverdiener eine würdige Rente erhalten.“

Zwei ältere Damen, die ihre Namen nicht nennen möchten, sehen einen großen Fehler im System. „Viele Rentner schämen sich, wenn sie eine Aufstockung beantragen müssen“, sagt eine der beiden Frauen, eine ehemalige Sekretärin aus St. Ingbert. Denn dieses System der Grundsicherung ist so etwas wie Hartz VI für Rentner. Die beiden Frauen wünschen sich eine „automatische Aufstockung“, ohne dass die Betroffenen dafür unangenehme Behördengänge in Kauf nehmen müssen. Wäre es mit einer Mindestrente nicht einfacher? Die St. Ingberterin schüttelt den Kopf: „Das gibt es nur in kommunistischen Ländern.“

Der 62-jährige Stephan Hoch verfolgt einen radikaleren Ansatz. Zukunftsfähig ist seiner Meinung nur ein lebenslanges Grundeinkommen für alle. Ein Modell, in dem jeder selbst entscheidet, bis zu welchem Alter er oder sie arbeiten möchte. „Das würde den kompletten Wegfall von Rente und Sozialleistungen bedeuten.“ Möglich wären dann Basiseinkünfte von beispielsweise 1000 Euro netto, zu denen jeder beliebig viel aus einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit verdienen könnte.

Rainer Rhode sieht die Lösung ganz woanders. Für den 64-jährigen Rentner ist nicht der Staat in der Pflicht, sondern jeder Einzelne. „Spätestens mit 30 sollte man anfangen, privat vorzusorgen.“

Genau dies tun viele junge Menschen nicht. Die Befragung jüngerer Passanten, vor allem derjenigen unter 30, zeigt: In jungen Jahren macht man sich kaum Gedanken um die Rente. Die beiden 15-jährigen Schülerinnen Svea Ulrich und Charlotte Becker können nicht viel zum Thema sagen. In der Schule werde das schließlich nicht behandelt. So geht es auch der 22-jährigen Jasmin Keller. Sie ist Erzieherin in der Ausbildung und hat bisher wenig über ihre Altersbezüge nachgedacht.

Eine Ausnahme ist Marc Ziegler. Der Saarbrücker Schüler plädiert für eine Rentenreform: „Es gibt immer weniger junge Menschen, und das macht es schwieriger, die wachsende ältere Bevölkerung zu versorgen.“ Sein Lösungsansatz: mehr in private Rentenkassen einzahlen.

Der 38-jährige Timo verfolgt das Thema bisher eher am Rande. „Ich gehe davon aus, dass ich mir irgendwann Sorgen machen muss.“ Die Situation sei „grundsätzlich ungerecht“, findet er, da „wir in einem Sozialstaat leben, der für Rentner genauso sorgen muss wie für Hartz-IV-Empfänger“. Auf die Frage, was man ändern müsse, antwortet er wie die meisten jüngeren Passanten: „das komplette System“.

Maria Busenius ist Aushilfe in einer Saarbrücker Apotheke und rechnet gar nicht mehr damit, irgendwann eine Rente zu beziehen. Dennoch scheint die 23-Jährige entspannt zu sein. Würde sie sich mehr Gedanken machen, wenn sie arbeitslos wäre? „Vielleicht.“

Der 29-jährige Erdal Durak findet es traurig, „immer mehr ältere Menschen zu sehen, die Flaschen sammeln gehen“. Als junger Mensch mit Migrationshintergrund findet er es inakzeptabel, wenn Menschen versuchen, den Zuzug von Flüchtlingen für niedrige Renten verantwortlich zu machen. Er befürwortet wohl auch deshalb eine Mindestrente. „1500 Euro.“ Netto? Wer soll denn das bezahlen? „Ok, dann doch lieber 1000 Euro.“ Es würden schließlich „Millionen in so viele unnötige Projekte“ investiert, dass für eine solche Mindestrente genug Geld da wäre.

Es gibt aber auch diejenigen, die bereits im jungen Alter von Armut betroffen sind und trotzdem nichts von staatlicher Hilfe halten. Einer davon ist Matthias. Der junge Mann mit Punkfrisur läuft lieber mit einer Büchse durch die Fußgängerzone. Altersarmut? Matthias zuckt mit den Schultern. Er hat den Glauben an das System längst verloren.



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