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Was das Saarland zur Vorbeugung von Übergewicht bei Kindern leisten sollte





„Es fehlt eine Präventions- Strategie“
Was das Saarland zur Vorbeugung von Übergewicht bei Kindern leisten sollte

29. April 2016, 02:00 Uhr
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Wissen über gesunde Ernährung ist sinnvoll für alle Kinder, nicht nur für die übergewichtigen. Foto: dpa
Etwa jedes zehnte Kind im Saarland hat Übergewicht. Schuld sind fehlende Bewegung und eine ungesunde Ernährung. Doch sollte Prävention nach Ansicht der Vorsitzenden des Adipositas-Netzwerks Saar Prävention, Dr. Angelika Thönnes, alle Kinder ansprechen, nicht nur die dicken. Im Interview mit SZ-Redakteurin Ute Klockner erklärt sie, was Schule, Elternhaus und die Politik ändern sollten.
Was sind die Ursachen für Übergewicht bei Kindern?

 

Thönnes: Zum einen ist das die genetische Veranlagung. Es gibt biologische Voraussetzungen, in Zeiten des Überflusses schnell Fett zu speichern. Früher, als Lebensmittel knapp waren, war das ein Vorteil. Heute, in einer Gesellschaft mit Lebensmittelüberfluss, ist das ein Nachteil. Wir sind rund um die Uhr mit Versuchungen konfrontiert. Kinder haben dazu noch kein kritisches Verhalten, sie sind stark beeinflussbar durch die Werbung, in der vor allem energiereiche Lebensmittel beworben werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse zur frühkindlichen Prägung zeigen, dass bereits in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr das Risiko für späteres Übergewicht durch den Lebensstil und das Lebensumfeld der Mutter ganz entscheidend geprägt wird. Hinzu kommt der Mangel an Bewegung, das Freizeitverhalten ist häufig durch Medienkonsum und zu wenig durch spontane körperliche Aktivitäten gekennzeichnet.

 

Übergewicht wird häufig mit einem niedrigen Bildungsniveau in Verbindung gebracht. Was ist da dran?

 

Thönnes: Der sozio-ökonomische Status, der sich in Bildungsgrad, Einkommen und Lebensstil ausdrückt, ist der zweite bedeutende Faktor. Wir sehen eine Häufung von Übergewicht vor allem bei sozial Benachteiligten sowie Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung. Psychosozialer Stress spielt hier eine große Rolle. Es muss daher mehr Prävention in Richtung Bildung und Teilhabe geben.

 

Ist gesunde Ernährung auch eine Frage des Geldes?

 

Thönnes: Man kann ausgewogen und gesundheitsförderlich auch mit geringem Budget kochen, wenn man weiß, wie. Doch das Ernährungswissen der Großeltern-Generation ist verloren gegangen. Das Adipositas Netzwerk Saar hat mit der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung ein Kochbuch für junge Familien herausgegeben, das jedes Gericht auf drei Niveaus präsentiert. Da kann gutes Kochen auch schnell gehen. Etwa bei der Pizza: Statt der Tiefkühlvariante kann ein fertiger Teig gekauft und mit frischen Zutaten belegt werden. Im nächsten Schritt wird dann der Teig selbst hergestellt. Wir wünschen uns, dass im schulischen Rahmen Kindern Ernährungskompetenz vermittelt wird, theoretisch und praktisch – etwa in einem Kochkurs.

 

Wie ist es um die Gesundheit der saarländischen Kinder bestellt?

 

Thönnes: Betrachtet man die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas, also der krankhaften Fettleibigkeit, bei den saarländischen Schulanfängern, so war bis zum Jahr 2009 ein Anstieg zu verzeichnen. Seitdem bleibt der Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder auf diesem Niveau in etwa konstant beziehungsweise ist sogar minimal rückläufig. Aktuelle Zahlen zeigen, dass 12,1 Prozent der Jungen und 13,1 Prozent der Mädchen mit Migrationshintergrund übergewichtig sind. Ohne Migrationshintergrund sind es 9,2 Prozent der Jungen sowie 9,6 Prozent der Mädchen. Jedoch entwickelt sich die Adipositas erst im Schulverlauf. In der Schule sitzen die Kinder vielmehr als vorher in der Kita. Dass Kinder zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen, ist selten geworden. Eltern haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis, das wir nicht schlecht reden dürfen. Vielmehr muss dafür gesorgt werden, dass die Schulwege sicher sind und Kinder unter Umständen von Lotsen begleitet werden.

 

Was können Schulen tun, um die Zunahme des Übergewichts aufzuhalten?

 

Thönnes: An Schulen muss es attraktive Präventions-Angebote geben. Die Prävention darf dabei nicht den Fokus auf das Gewicht legen, denn nicht jeder „Dicke“ ist krank und Stigmatisierungen müssen vermieden werden. Es geht vielmehr um ein gesundes Aufwachsen: Sport und ausgewogene Ernährung sind für jeden gut. Hier bietet die Vernetzungsstelle Kita-Schulverpflegung verschiedene Fortbildungen an. Um den Softdrink-Konsum an Schulen zu reduzieren, würden Trinkwasserspender viel bringen. Einige Schulen im Saarland machen das bereits. Schulen sollten neben einem attraktiven Sportunterricht für weitere Sport- und Bewegungsangebote sorgen, die Zusammenarbeit mit den Sportvereinen intensivieren und deren Angebot in die Nachmittagsbetreuung integrieren. Vor Jahrzehnten gab es im Saarland einen speziellen Sportförderunterricht für Kinder, über die Wiederbelebung dieser guten Idee sollte man nochmals nachdenken.

 

Was sollte das Saarland tun?

 

Thönnes: Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es fehlt eine durchgängige Präventions-Strategie, die nicht nur an einzelnen Personen wie einer engagierten Kita-Leiterin hängt. Ohne politische Rahmenbedingungen ist der Adipositas als gesamtgesellschaftlichem Problem nicht zu begegnen. Zudem gibt es zu wenige ambulante Zentren, die Kinder und ihre Eltern unterstützen.



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