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Wie eine ehemalige Muslima das Freitagsgebet in der Burbacher Islamgemeinde erlebt





Fast wie zu Hause
Wie eine ehemalige Muslima das Freitagsgebet in der Burbacher Islamgemeinde erlebt

Von  Fatima Abbas, 
20. Oktober 2016, 02:00 Uhr
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Kopftuch nur zum Gebet: Im Gebetsraum der Moschee in Burbach konfrontiert sich Fatima Abbas mit ihrer alten Welt. Vor zehn Jahren entschied sie sich für ein Leben ohne den Islam. Fotos: Rich Serra Foto: Rich Serra
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Mehdi Harichane (rechts), der zweite Vorsitzende der Gemeinde, im Büro vor dem Gebetssaal.
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Der syrische Gast-Imam Mamoun Al Wadi erwähnt in seiner Predigt auch den vereitelten Terror-Anschlag von Chemnitz.

Unsere Autorin Fatima Abbas ist in einer streng muslimischen Familie aufgewachsen und hat sich als Jugendliche gegen den Glauben entschieden. Jetzt hat sie nach Jahren wieder in einer Moschee mitgebetet. Eine Konfrontation mit einer schwierigen Vergangenheit.

Kochende Männer. Dass es das sein würde, was ich in einer Moschee als erstes zu Gesicht bekäme, hätte ich nie gedacht. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich je wieder hierherkommen würde. Am Eingang der Burbacher Islamgemeinde grüßt der zweite Vorsitzende Mehdi Harichane. Ein freundlicher Mann mit Vollbart. 40 Jahre alt. Ich bin ein paar Minuten verspätet und scherze: „Nach arabischer Zeit bin ich pünktlich.“ Harichane lacht.

In der Küche reißen Mohamed Baghdali und Abdul Wahab Ben Issa Tüten auf, hantieren mit Gewürzen, schmecken die Soße ab. Couscous-Soße mit Gemüse. Es duftet wie zu Hause. Die riesigen Töpfe erinnern mich an Ramadan. Ich staune über 5000-Mililiter-Messbecher und 4500-Gramm-Reistüten. „Da will doch einer behaupten, es seien bei den Moslems immer die Frauen, die am Herd stehen!“ Den Kommentar kann ich mir nicht verkneifen. Die Männer lachen. Ein paar Meter weiter geht es zu wie am Fließband: Der Syrer Yamen Alaas drapiert Falafel-Taler auf Fladenbroten. Wie an jedem Freitag erwartet die Gemeinde etwa 700 Besucher.

Harichane führt mich in den ersten Stock. Zu zehn Räumen, in denen sonntags von 10 bis 14 Uhr Arabisch unterrichtet wird. Er fragt mich, ob ich nicht auch die arabische Schule besucht habe. „Ja, aber am Uni-Campus in Dudweiler.“ Damals war ich zwölf Jahre alt. Zwei bis drei Jahre fuhr ich jeden Sonntag zum Unterricht. Erst hochmotiviert, dann immer skeptischer. Zu viel Islam, zu wenig Arabisch. Und am Ende der Eklat: Einer der Lehrer unterstellte mir, den Jungs den Kopf zu verdrehen. Dabei fühlte ich mich von pubertierenden Machos belästigt. Doch keiner glaubte mir. Ich war schließlich ein Mädchen. Ein arabisches und muslimisches Mädchen. Und die haben sich zurückzuhalten. Mein Problem: Ich war nie zurückhaltend.

„Heute ist die Moschee mehr als ein Gebetsraum“, sagt Harichane. Es sei ihm wichtig, dass die Flüchtlinge hierherkommen. „Gibt es hier auch reinen Arabischunterricht?“, frage ich. Harichane versichert: Religiöses werde nur „in kleiner Form“ in den Unterricht integriert. „Die Jugendlichen müssen den Islam richtig lernen.“ Wer sich Terrororganisationen anschließe, komme in der Regel nicht in die Moschee.

Zurück im Erdgeschoss. Harichane zeigt den Gebetssaal der Männer. Fast so groß wie ein halbes Fußballfeld. Mit rot-goldenem Rasen. Als Kind habe ich gelernt, keine Räume zu betreten, in denen sich nur Männer aufhalten. Dass Frauen und Männer getrennt sitzen. Getrennt essen. Ich denke zurück an eine Hochzeit, auf der getrennt gefeiert wurde. Es war das tristeste Fest, das ich je erlebt habe.

Der riesige Saal füllt sich. Männeraugen durchdringen mich. Verhüllen sich Frauen nur deshalb? Um keine entblößenden Blicke auf sich zu ziehen?

Harichane führt mich in ein kleines Büro. Ich bin alleine unter acht Männern. Lange Bärte, Gebetsmützen und Turbane. Ich weiß nicht, wo ich mich hinsetzen soll. Meine Hand bleibt bei mir. Ich warte darauf, dass die Männer sie mir ausstrecken. Es ärgert mich, ihnen diese Entscheidung zu überlassen. Aber irgendwie kann ich nicht anders.

Ich sitze mit Mamoun Al Wadi an einem Tisch. Gast-Imam aus Syrien, erst anderthalb Jahre in Deutschland. Als er erfährt, dass ich Arabisch spreche, ist er beruhigt. Er erzählt von syrischen Flüchtlingen. „Sie sind wie eine Frau, wenn sie heiratet. Sie entdecken eine neue Welt.“ Ich frage ihn nach den Sorgen der jungen Männer. „Ehe und Scheidung.“ Die Jüngeren wüssten oft nicht, wie sie Schule, Moschee und Arbeit miteinander vereinbaren sollen. „Und woher kommt die Angst vor dem Islam?“ Er holt aus. Die Terrormiliz IS und Al Quaida seien nicht mit dem Islam vereinbar. Außerdem sei es syrischen Muslimen zu verdanken, dass die Polizei den Terrorverdächtigen von Chemnitz gefasst habe. Dann erwähnt er die getrennten Gebetsräume. Es gehe nicht darum, Frauen in den Hintergrund zu drängen. Ich nicke.

Fast auf Zehenspitzen betrete ich den kleinen Gebetsraum. Er ist nur noch ein Viertel so groß wie der Gebetssaal der Männer. Aber es sind auch nur etwa 30 Frauen anwesend. 30 Frauen und 700 Männer. Ich fühle mich beobachtet. Beäugt. Als Einzige, die das Kindesalter überschritten hat und kein Kopftuch trägt. Ich greife nach meinem Schal. Er soll heute mein Kopftuch sein.

Viele der älteren Frauen können kein Deutsch. Ich frage, ob unser Fotograf ein Foto schießen darf. Sie blicken mich an. Eine Frau gibt mir zu verstehen: „Wir möchten nicht aufs Foto. Außerdem muss es jetzt ruhig sein. Wer beim Gebet spricht, dessen Gebet wird nicht erhört.“ Ich nicke und versichere, dass ich nicht respektlos sein möchte. Der Fotograf muss warten. Ich besorge mir ein Handy mit einer speziellen App, um die Simultanverdolmetschung der Predigt ins Deutsche zu verfolgen. Der Dolmetscher sitzt nebenan. Ich werfe mir den Schal über. Musste ich unbedingt den mit dem Schlangenmuster nehmen? Etwas Depressives liegt in der Luft. Ich denke an all die Frauen mit Kopftuch, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe. Nur selten wirken sie lebensfroh. Besonders die Älteren scheinen einen Schleier der Schwermut mit sich herumzuschleppen.

Ich weiß nicht, wie ich sitzen soll. Innere Stimmen foltern mich: Schau, dass du deine Haare verdeckst! Sieh zu, dass man keine Haut sieht! Lass bloß die Beine zusammen! Ich glaube, letzteres hatte meine Großmutter mal zu mir gesagt.

Ich lausche mal dem Original, mal dem Dolmetscher. Lobpreisungen Allahs, Lobpreisungen des Propheten. Plötzlich spricht der Imam über den jüngst vereitelten Terror-Anschlag. Er warnt die jungen Männer vor solchen Handlungen und stellt klar: Terror ist unislamisch. Ich bin irgendwie erleichtert.

„Versteht ihr überhaupt alles, was der Imam sagt?“, frage ich zwei Mädchen, die sich nach dem Gebet neugierig zu mir gesellen. Mariam und Ässia, 14 und 16 Jahre alt. Beide mit Kopftuch. Mariam schüttelt den Kopf. Sie verstehe nicht alles, aber wenn sie Fragen habe, wende sie sich an ihren Vater. „Wie fühlt ihr euch hier?“ Die Mädchen zögern nicht: „Das ist unser zweites Zuhause.“ Ich möchte wissen, wie lange Mariam schon ein Kopftuch trägt. „Seit ich zehn bin.“ „Kannst du dir vorstellen, es wieder auszuziehen?“ „Nein, niemals. Ohne Kopftuch fühle ich mich nackt.“ Ich denke daran, wie schwer es mir fällt, mein Haar zu bedecken. Ich fühle mich eingeengt. Wie in einer Hülle, deren Inhalt nicht mehr ich bin. Wahrscheinlich fühlt sich Mariam genauso, wenn sie kein Kopftuch trägt.

Eine Mutter, die lieber anonym bleiben möchte, gesellt sich dazu. Sie ist deutsche Konvertitin. „Es gibt nichts Schlechtes an dieser Religion.“ Die Moschee sei für die Frauen ein Ort der Begegnung. Man treffe sich danach auch zum Völkerball, Picknick oder Spazieren. Ich stehe auf. Der Saal ist leerer geworden.

Ich rufe den Fotografen. Jetzt knie ich mich noch einmal zum Gebet nieder. Ich denke an das Wort „Islam“. Und an die deutsche Übersetzung: „Unterwerfung.“ Eine junge Frau tippt mich an: „Du betest falsch. Der Ellbogen darf niemals den Boden berühren.“ Sie macht es mir vor. Ich entschuldige mich: „Ich habe das schon lange nicht mehr gemacht.“ Ich denke an Damaskus. An die aggressive Frau, die mich dort in der Moschee zurechtwies. Ich war damals 16. Und hatte ebenfalls „falsch gebetet“.

Die Frau, die mir an diesem Nachmittag die Regeln des Betens erklärt, heißt Tamara. Sie zeigt auf einen Gebetsrock, der an einem Haken hängt. „Den kannst du gerne anziehen. Ist besser so.“ Eine Frau hinter mir flüstert ihr etwas zu. Tamara zeigt auf meine Füße: „Man sieht deine Knöchel. Du musst den Rock tiefer ziehen.“ Tamara ist Palästinenserin. Ich bin ihre libanesische „Nachbarin“. Sie mustert mich: „Früher, da habe ich mich genauso angezogen wie du. Aber es ist ja nicht so, dass man hier nicht auch ohne Kopftuch willkommen ist.“ Ihr erster Satz sitzt. Ich denke kurz darüber nach, was ich anhabe. Eine schwarze Hose und eine lange Strickjacke. Muss ich mich dafür schämen?

Es ist befreiend, am Ende wieder bei den kochenden Männern zu sitzen. Mehdi Harichane serviert Couscous. Es schmeckt köstlich. Fast so gut wie zu Hause.



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