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Ottweiler Student schickt zwei Lkw in den Irak und nach Syrien





Ottweiler
Saar-Hilfstransport für vergessene Flüchtlinge
Ottweiler Student schickt zwei Lkw in den Irak und nach Syrien

Von  Fatima Abbas, 
16. März 2016, 14:11 Uhr
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Jetzt aber rein damit: Sabri Sisamci (zweiter v. r.) lädt mit Helfern, die die jesidische Flagge hochhalten, die Hilfsgüter in den Lkw ein. Ralf Britz (dritter v. l.) von der Heusweiler Baumaschinenfirma BBL hat die Fahrzeugkosten für den Transport in den Nordirak übernommen. Foto: Andreas Engel Foto: Andreas Engel
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Seitdem die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak gewütet hat, harren tausende Menschen in Flüchtlingscamps im Norden des Landes und in Syrien aus. Die hygienischen Zustände sind katastrophal, Kindern droht der Hungertod. Am Dienstag ist seit langem wieder ein Lkw mit Hilfsgütern aus dem Saarland gestartet.
Sabri Sisamci spricht ohne Punkt und Komma über sein Projekt. Schlaf? Viel zu wenig in letzter Zeit. Viele Monate hat der Ottweiler Maschinenbau-Student auf den Moment gewartet. Gestern war es endlich so weit. Ein Lkw mit Hilfsgütern verließ gestern das Saarland Richtung Südosten auf seinem Weg zu den Geflüchteten im Nordirak. An Bord: 300 Geschenkekartons für Kinder, zehn Paletten Verbands- und Krankenhausmaterial, acht Paletten Medikamente und jeweils zwei Paletten Babynahrung und Hygieneartikel. Waren im Wert von 60 000 Euro. Eifrig beladen haben ihn gestern Helfer in Neunkirchen und Göttelborn. In Neunkirchen habe sogar die Feuerwehr mit angepackt, sagt Sisamci stolz.

Seit Jahren setzt sich der 30-Jährige für Flüchtlinge im Irak und in Syrien ein. Besonders engagiert er sich für die religiöse Minderheit der Jesiden, die im Nordirak von der Terrormiliz Islamischer Staat als „Ungläubige“ gebrandmarkt und verfolgt werden. Im August 2014 hatte der IS im Nordirak hunderte jesidische Männer hingerichtet, tausende Frauen sollen verschleppt und vergewaltigt worden sein. Durch den Vormarsch der Dschihadisten sei dort derzeit das Leben von 450 000 Jesiden, Assyrern und Aramäern bedroht. Jesidische Kurden treffe es besonders hart, so Sisamci, da die türkische Regierung sie seiner Ansicht nach im Stich lässt.

Auch wenn er in Deutschland geboren und groß geworden ist, kann er als Sohn jesidischer Eltern das Leid im Nahen Osten nicht tatenlos mitansehen. „In erster Linie sind es Menschen“, sagt er.

Seit November 2014 hat er mit Freunden und Verwandten sechs Lkw-Transporte organisiert. Der fünfte und letzte Lkw vor dem gestrigen war im April 2015 gestartet.

Die Hilfskonvois gehen zurück auf eine Initiative, die von der Jesidischen Jugend Saar und der Gruppe „Gegen Gegeneinander“ im Jahr 2014 gestartet worden war. Die gestrige Aktion hat Sisamci nach seinem Austritt aus der Jesidischen Jugend („aus persönlichen Gründen“) auf eigene Faust geplant. Das Engagement aus Ottweiler, in dem geschätzt 200 Jesiden leben, sei im Saarland einzigartig, betont der junge Mann.

Das Ziel des Lkws ist das Gebiet um das Sindschar-Gebirge nahe der syrischen Grenze im Nordirak. Sisamci geht davon aus, dass dort bis zu 15 000 Menschen, vor allem Jesiden, auf der Flucht vor dem IS in Zelten und im Freien ausharren. An Wasser, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung mangelt es chronisch. Etwa zwei Drittel der Hilfsgüter sollen im Irak auf Transporter umgeladen werden und so in den Distrikt Al Malakiyah (auf Kurdisch „Derik“ ) in Nordsyrien nahe der türkischen Grenze gelangen. Dort sollen Menschen im Flüchtlingscamp Newroz und in einem Krankenhaus mit den Hilfsgütern versorgt werden. Begleitet und beschützt würden die Transporter von Kämpfern der PKK, von der Kurden-Miliz YPG und der jesidischen Widerstandseinheit YBS. Die Zahl der Hilfsbedürftigen genau zu beziffern, sei schwierig, sagt Sisamci. Doch die Not sei grenzenlos: „Die Hälfte der Flüchtlinge in Newroz sind Kinder.“

Zu den Zielen vorzudringen ist eine Herausforderung. 300 bis 400 Dollar Bestechungsgeld an der türkischen Grenze: keine Seltenheit, so Sisamci. Er selbst reistin ein paar Tagen in den Nordirak, um die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Seit August vergangenen Jahres hat die Türkei die Grenze zu Syrien dichtgemacht. Auch für Hilfsgüter. Deshalb müssen die Fahrer einen Umweg über den Irak nehmen. Etwa 5000 Kilometer sind es insgesamt, sechs bis sieben Tage sind sie unterwegs.

Für den Studenten wäre die Hilfsaktion zu teuer, wenn nicht viele Saarländer fleißig gespendet hätten. Privatleute hätten fast 5000 Euro an Geldspenden beigesteuert. Sachspenden leisteten unter anderem die Schlossapotheke in Ottweiler, die SAG-Klinik in Saarbrücken und der Rotary Club St. Wendel. Die 5000 Euro für das Anmieten des Lkws übernahm die Firma BBL aus Heusweiler. Sisamci selbst, der neben dem Studium im Clearinghaus Tholey minderjährige Flüchtlinge betreut, übernimmt die Übernachtungskosten für den aus der Türkei eingereisten Lkw-Fahrer. Für ihn lohnt sich das Engagement: „Man könnte denken, es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber viele Tropfen werden irgendwann zum Fluss.“


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