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Flüchtlingshelfer aus Mettlach berichten von Erfahrungen – SZ-Serie, Teil 8 und Schluss





Mettlach
Aufräumen mit eigenen Vorurteilen
Flüchtlingshelfer aus Mettlach berichten von Erfahrungen – SZ-Serie, Teil 8 und Schluss

Von  Nina Drokur, 
30. November 2016, 02:00 Uhr
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Askar Heidari (rechts) gibt sein Wissen und seine Erfahrungen an die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in Mettlach weiter. Foto: N. Drokur

Foto: N. Drokur
Seit zwei Jahren bewegt der Zustrom von Kriegsflüchtlingen die Nation. Wie aber gestalten sich der Alltag und die Bemühungen zur Integration der Flüchtlinge in unserer Region? Die SZ greift diese Fragen in einer Serie auf.

Der Zustrom von Kriegsflüchtlingen hat seit dem vergangenen Jahr viele Menschen aus den unterschiedlichen Nationen zu uns nach Deutschland gebracht. Eritrea, Marokko, Afghanistan, Syrien: Das sind nicht nur unterschiedliche Länder, sondern auch unterschiedliche Religionen und unterschiedliche Kultur- und Traditionskreise. Sie unterscheiden sich oft sehr von unserer eigenen Kulturtradition. Welches Verhalten, welche Aussagen, welche Kleidung gehört nun aber zur Kultur und was zur Religion der Migranten? Mit dieser Frage ist man automatisch konfrontiert, wenn man sich mit diesen Menschen beschäftigt. Auch die engagierten Ehrenamtlichen in Mettlach stehen oft vor dieser Frage in ihrem Alltag mit den überwiegend syrischen Flüchtlingen, die sie begleiten.

Askar Heidari ist 1981 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er hat in Saarbrücken studiert, eine deutsche Frau geheiratet und vier Kinder. Er kennt beide Kulturen gut und hat sich bereit erklärt, sein Wissen und seien Erfahrungen an die ehrenamtlichen Helfer bei einem runden Tisch im Familienzentrum in Mettlach weiterzugeben. Zu Beginn erklärt Heidari seinen interessierten Zuhörern, dass es verschiedene Formen von Islam gebe. Dazu gehörten Sunniten, Schiiten und Wahhabiten. Der Wahhabismus sei die radikalste Auslegung. Er erklärt, wie es überhaupt zu den Kriegen kam, vor denen die Menschen fliehen. Er erzählt von willkürlicher Grenzziehung britischer Kolonialisten, vom Machtkampf um Öl. Heidari erläutert, wie die Taliban entstanden sind, wie es zur Gründung des ISIS kam und des Assad-Regimes. Es geht hauptsächlich um Amerika, die Europäische Union und Russland. Die Ehrenamtlichen lauschen ihm gebannt und viele sind erstaunt über Fakten, die sie zum ersten Mal hören. Anja Hexamer, Integrationslotsin in der Gemeinde Mettlach, bringt die Diskussion auf einige Kernfragen: Was ist kulturell bedingt, was ist religiös beding? „Man kann das nicht so verallgemeinern“, sagt Heidari. Er erläutert, dass das Verhalten der Menschen oft vom Bildungsstand geprägt sei.

Eine der Ehrenamtlichen im Kreis fügt hinzu, dass das größte Problem oft die eigene Vorstellung über die andere Kultur sei: „Man hat bestimmte Vorstellungen im Kopf und das kann oft auch zu Fehlinterpretationen führen.“ Sie erzählt von einem Zwischenfall: Einer ihrer Schützlinge habe bei einem Besuch in einer Firma gefragt, ob „dieser Mann da der Chef sei“. Die unschuldig gemeinte Frage habe sofort zu einer hitzigen Debatte darüber geführt, dass auch Frauen in der Chef-Etage sitzen. Sie versichert, dass der junge Mann lediglich wissen wollte, an wen er sich wenden sollte. Ein Vorurteil über muslimische Männer hat das Problem erst geschaffen und zur Überreaktion geführt. „Man ist offen und stößt trotzdem an seine Grenzen. Man muss ein gewisses Feingefühl entwickeln“, erklärt die Frau.

Auch dabei hilft der regelmäßig stattfindende runde Tisch im Familienzentrum. Er bietet Platz für Erfahrungsaustausch, Reflexion, Problembesprechungen und Weiterbildung. Vor über einem Jahr sind die Teilnehmer einem Aufruf im Amtsblatt gefolgt und haben sich sofort in die Arbeit gestürzt. „Learning by doing“ war das Motto. „Damals hatte man ja noch keine Erfahrung damit und solche Sachen wie Übersetzungs-Apps gab es damals noch nicht“, sagt Ewa Tröger. Die Gemeinderätin ist Helferin der ersten Stunde: „Ich habe das Leid im Fernsehen gesehen und konnte nicht einfach wegschauen“, so ihre Motivation. Da man noch überhaupt keine Erfahrung hatte, war man auf eine gute Vernetzung untereinander und gegenseitige Hilfe angewiesen. Das größte Problem sei die Sprachbarriere gewesen. „Ich bin schon viersprachig“, sagt Sharon Ecker: „Aber Arabisch oder Kurdisch kann ich nicht. Da muss man sich mit Händen und Füßen verständigen.“ Eine besondere Hürde stellen die Behörden dar, sagt Leo Küttgen: „Mir ist unverständlich, wer sich vorstellt, dass Flüchtlinge mit diesem Beamtendeutsch klarkommen sollen.“

Große Erleichterung gab es dann im April, als die Integrationslotsenstelle, angegliedert an das Familienzentrum, geschaffen wurde. Die Ehrenamtlichen sind sich einig, dass es gut sei, eine zentrale Ansprechpartnerin zu haben. Mittlerweile würden sich die Flüchtlinge aber schon gut alleine zurechtfinden. Deswegen könne man sich jetzt auf andere Sachen konzentrieren: „Die Mettlacher Jugendlichen versuchen gerade ein regelmäßiges Treffen zu etablieren“, sagt Hexamer. „Einmal haben die syrischen und deutschen Jugendlichen zum Beispiel füreinander für das jeweilige Land typische Gerichte gekocht“, erzählt die Integrationslotsin. Sie hofft, dass das Treffen weiterhin erfolgreich läuft und noch mehr Jugendliche dorthin kommen.Wie viele Flüchtlinge leben zurzeit in Mettlach?

Fixemer: Diese Frage kann nur beantwortet werden mit Bezug auf die von der Gemeinde untergebrachten Personen in von der Gemeinde angemietetem Wohnraum. Von der Gemeinde sind in von uns angemietetem Wohnraum zurzeit rund 150 untergebracht. Des Weiteren kommen hier noch zusätzlich etwa 30 Personen, die im Rahmen des Familiennachzuges untergebracht wurden. Wir bitten um Verständnis, dass über die Gesamtzahl der in der Gemeinde Mettlach wohnhaften Flüchtlinge keine genaue Angabe gemacht werden kann. Grund hierfür ist, dass mit der Anerkennung als Flüchtling keine Verpflichtung mehr besteht, in der Gemeinde Mettlach zu wohnen. Zwischenzeitlich sind auch anerkannte Flüchtlinge von außerhalb in die Gemeinde mit ihren Familien zugezogen oder von der Gemeinde aufgenommene Personen haben sich zwischenzeitlich eine eigene Wohnung besorgt und haben ihre Familie nachgeholt. Wir gehen davon aus, dass in der Gemeinde etwa 230 bis 240 Personen leben, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Wie viele kamen im letzten Jahr, wie viele sind es bis jetzt in diesem Jahr?

Fixemer: 2015 waren es 181 Personen; 2016 dann 45 Personen.

Wo sind sie untergebracht? Gibt es genügend Wohnraum in der Gemeinde oder stehen sogar einige eingeplante Unterkünfte leer?

Fixemer: Die von der Gemeinde aufgenommenen Personen sind fast ausschließlich in von der Gemeinde angemieteten Wohnungen beziehungsweise Unterkünften untergebracht. Da die Ende 2015 für 2016 prognostizierten Flüchtlingszahlen sich nicht erfüllt haben und mehr Flüchtlinge in 2016 verzogen sind, als neue aufgenommen wurden, bestehen Leerstände. Die Gemeinde sieht zurzeit keine Schwierigkeiten, ihren Verpflichtungen nach dem Landesaufnahmegesetz zur Aufnahme von Flüchtlingen in 2016 nachzukommen.

Welche Kosten fallen pro Jahr an?

Fixemer: Für die Unterbringung der Flüchtlinge in angemietetem Wohnraum fallen in 2016 rund 350 000 Euro an Mietzahlungen (Kaltmiete) an. Für Betriebskosten (Nebenkosten) fallen in diesem Jahr zwischen 200 000 und 250 000 Euro an. Genaue Zahlen können hier erst nach Erhalt der Jahresrechnungen 2016 genannt werden. Des Weiteren fallen Kosten für Maßnahmen der Integrationshilfe im Jahre 2016 von 17 500 Euro an. Personalkosten der Verwaltung und des Bauhofes sind in dieser Auflistung nicht gesondert erfasst.

Gibt es konkrete Maßnahmen zur Integration?

Fixemer: Zwischen dem Landkreis Merzig-Wadern, der Gemeinde Mettlach und der Jugendhilfe St. Maria Weiskirchen besteht ein Kooperationsvertrag zur Erbringung von Leistungen zur Integration von Flüchtlingen und deren Familien in der Gemeinde Mettlach. Das Aufgabenprofil umfasst die Betreuung von Flüchtlingen und die Koordination ehrenamtlicher Helfer und entsprechender Organisationen.



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