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Auch in unserer Region kam es immer wieder zu Aufständen und Unruhen, die das Militär auf den Plan riefen





Merzig
Freiheitshelden belagern von Boch'sches Schloss
Auch in unserer Region kam es immer wieder zu Aufständen und Unruhen, die das Militär auf den Plan riefen

Von  Volkmar Schommer, 
01. Dezember 2016, 02:00 Uhr

Dies veranlasste Bürgermeister René v. Zandt zur Meldung folgender Vorfälle: „Am 20. April abends um 8 Uhr zogen zirka 150 Einwohner von Weiskirchen, wozu sich auch einige von Confeld und Thailen gesellten, mit Trommel und Trompete vor das dortige Bürgermeisteramt und warfen mehrere Fensterscheiben in der Wohnung des Herrn Keller ein. Dann stieg der Anführer auf die Haustür und riss den über derselben befestigten Königlichen Adler ab. Nun zog die Menge unter fortwährendem Geschrei und dem Ausruf der Republik und unter Vorantragen des Adlers durch den Ort an die Behausung des Feldhüters Johann Schmitt und warfen diesem in seiner Wohnstube 5 bis 6 Fensterscheiben ein.“

Auch aus Rappweiler wurde Ähnliches berichtet. Dort wurde das Dienstschild des Ortsvorstehers samt dem Königlichen Adler abgerissen und zu Boden geworfen. Die Menge habe dabei gerufen: „Es hat uns keine Regierung mehr was zu befehlen! Wir sind die Herren und zahlen dem Einnehmer nichts mehr!“ In den übrigen Orten der Bürgermeisterei Weiskirchen scheint es dagegen zu keinen Ausschreitungen gekommen zu sein. Jedenfalls schloss Bürgermeister v. Zandt seinen Bericht an den Landrat mit der Bemerkung ab: „Weitere Exzesse und Ruhestörungen kamen bis heute noch nicht vor.“

Um möglichen weiteren Unruhen entgegenzuwirken, wurde das 1. Bataillon des Infanterie-Regiments 30 von Saarlouis in die Orte der Bürgermeistereien Wadern und Weiskirchen verlegt. Bürgermeister v. Zandt wurde gebeten, über die Stimmung der Einwohner in seinem Amtsbereich und seine eigene Meinung über die Dauer des Militär-Einsatzes Mitteilung zu machen. Seine Antwort lautete: „Gastfreundliche Aufnahme! Nach neuntägigem Einsatz ist die Truppe am 7. Mai 1848 wieder nach Saarlouis zurückmarschiert.“

Während das Militär in den Bürgermeistereien Wadern und Weiskirchen also nur neun Tage blieb, dauerte der militärische Einsatz in Merzig doch wesentlich länger. Allerdings konnte auch das in Merzig stationierte Militärkommando nicht verhindern, dass der königliche Landrat Fuchs buchstäblich Reißaus nehmen musste und seinen Posten fluchtartig verließ, nachdem vorher auch schon Bürgermeister Artois demissioniert hatte. Das in Merzig stationierte Militärkommando hatte auch nicht verhindern können, dass der Kreissekretär Petri im Juni Selbstmord verübte, weil er, wie Landrat Fuchs noch selbst berichtete, durch die Entwicklung im Revolutionsjahr in Angstzustände versetzt worden sei.

Es ist allerdings nicht klar, ob Landrat Fuchs seinen Platz tatsächlich aufgrund der revolutionären Unruhen oder wegen einer Krankheit verlassen musste. Fuchs hielt sich jedenfalls ab Ende Juni oder Anfang Juli 1848 wegen eines Drüsenleidens im Rahmen einer Kur in Bad Kreuznach auf. Seine Erkrankung war wohl auch nicht vorgetäuscht, denn bereits am 25. September 1848 verstarb er in seiner Heimatstadt Sobernheim.

Der daraufhin kommissarisch eingesetzte Landrat Coupette ging in seinem Diensteifer so weit, dass er von dem neuen Bürgermeister verlangte, alle drei Tage einen Bericht über die Stimmung der Bevölkerung einzureichen. Unter Coupettes Regime zog sich die politische Spannung bis in das Jahr 1849 hin.

Auch in Mettlach kam es zu gewissen revolutionären Umtrieben, die schließlich das Militär auf den Plan riefen. Von hier wurde folgendes berichtet: „Als im Jahr 1848 in Paris eine neue Revolution ausbrach, trat der Geist der Freiheit auch bei Frankreichs östlichem Nachbarn mehr und mehr in Erscheinung. Es entstanden damals in vielen Gegenden Deutschlands, Unruhen und Aufstände. Selbst in unserem stillen Mettlacher Tal wurde eines Tages die friedliche Ruhe unterbrochen. Eine unbedachte Tat des damaligen Staatsförsters gab den Anlass dazu. Glaubte er doch, alte Waldrechte der Mettlacher Bevölkerung einfach außer Kurs setzen zu können. Die Bevölkerung aber wollte sich ihre althergebrachten Rechte nicht schmälern lassen und im ersten Eifer scharten sich Männer und Frauen vor der Försterei zusammen. Die allgemeine Erregung stieg von Minute zu Minute mehr an. Die Männer ballten voll Ingrimm die Fäuste und stürmten schließlich das Forstamt. Der Förster konnte sich vor solcher Volkswut nur durch schleunige Flucht retten. Die Volksmenge führte sich aber nun als Sieger stark genug zu weiteren Taten, zu Unruhen, Radau- und Krawallszenen. Redner sprachen von gewesener Knechtschaft und anbrechender Freiheit. Die Arbeit ums tägliche Brot hatte man vergessen.“

Es hat allerdings den Anschein, dass die Mettlacher Unruhen eher zu den weniger heftig geführten zu zählen sind. Denn weiter heißt es: „Als sie sich genug Mut angetrunken hatte, zog die Menge, Leute aus Mettlach und Keuchingen, vor das Schloss. Drohungen gegen den Brotherrn und Fabrikbesitzer Herrn von Boch und seine Familie wurden ausgestoßen. Es kam zu einer förmlichen Belagerung der Fabrik und des Schlosses. Der Fabrikherr ließ sich nicht einschüchtern, konnte aber mit guten Worten bei der aufgebrachten Menge zunächst nichts erreichen. Die Belagerer stellten Posten auf. Und da sie ihr neues Handwerk sehr ernst nahmen, ließen sie sich auch weiterhin in gewohnter Weise ihr ‚Eßdöppchen‘ bringen. (So wie sie es sich in die Fabrik bringen ließen; d.Verf.) Im Überschwang der allgemeinen Stimmung wurden Freiheitsfeuer entzündet, wurde geschlachtet, am Spieß gebraten, gegessen und getrunken. Man ließ es sich gut sein in Erwartung besserer Tage. Nachdem jedoch Herr von Boch vergeblich auf eine bessere Einsicht der erhitzten Gemüter gewartet hatte, sah er keinen anderen Ausweg mehr: Er rief kurz entschlossen Militär herbei. Anderntags kamen auch wirklich Truppen, ‚Saarbrücker Ulanen‘. Sie waren in der Morgenfrühe ausgerückt und in den Mittagsstunden plötzlich auf ihren flinken Rossen auf der Mettlacher Höhe erschienen. Sie sollten für Ruhe und Ordnung sorgen. Die Menge aber – verstärkt durch viele Neugierige – wollte zunächst nicht weichen. Die Belagerer blieben auf ihren Plätzen. Erst als die Kavalleristen blankzogen und mit gefällter Lanze auf die Umstehenden eindrangen, suchte man aus der gefährlich werdenden Nähe der Reiter zu entkommen. Eine allgemeine Flucht setzte ein, zwischen den Häusern, durch Gärten und Bannstücke, bis man die rettenden Höhen erreicht hatte, wo man sich erst wieder etwas sicherer fühlte und von dem scharfen Lauf erst einmal verschnaufen konnte. Die Mehrzahl der Keuchinger Belagerer hatte sich über die Saar in Sicherheit gebracht. Vom jenseitigen Ufer schleuderten diese nun den pflichtgetreuen Soldaten manches anzügliche, grobderbe Scherz- und Schimpfwort zu.“

Schließlich schien es den Soldaten doch zu bunt geworden zu sein, denn so heißt es weiter: „Um diesem Possenspiel ein Ende zu bereiten, fuhr ein Trupp Reiter mit der Fähre über. Und nun begann auch hier auf der Keuchinger Seite eine tolle Verfolgungsjagd. Aus dem Unterdorf ging es hinauf zum Oberdorf. Die fliehenden Freiheitshelden strebten den Hängen des ‚Primmenberges‘ zu, die mit Gebüsch und Gestrüpp bewachsen waren und dadurch eine Möglichkeit einer Rettung verhießen. In diesem hohen Dornen- und Brombeerengesträuch, einem gut getarnten und dichten Gebüsch, versteckten sich die Freiheitsmänner. Und die Reiter – eben noch eines sicheren Sieges gewiss – stachen nun vor ohnmächtiger Wut in die allzu gut schützenden Verstecke hinein, ohne die Männer ernstlich gefährden zu können und wohl auch nicht gefährden zu wollen. So verliefen auch die Mettlacher Revolutionsunruhen, wie die meisten hier in Deutschland auf recht unblutige Weise.“

Es gab vielleicht auch noch in anderen Orten des Kreisgebietes ähnliche Vorfälle, bei denen die Bewohner gegen Vorkommnisse oder Vorfälle, durch die sie sich in ihren Rechten beeinträchtigt sahen, aufbegehrten und in gewisser Weise ihren Protest zum Ausdruck brachten. Ein solcher Vorfall wird beispielsweise in der Düppenweiler Schulchronik angeführt. In Düppenweiler richtete sich der Unmut und Protest der Aufständischen wohl ebenfalls in erster Linie gegen die preußische Forstpolitik, wie aus dem Eintrag hervorgeht, in dem es heißt: „Das Revolutionsjahr 1848 brachte auch in Düppenweiler unruhige Geister auf einige Tage aus dem Konzept. Mit den drei Rädelsführern Müller, Wellinger und Moritz an der Spitze zog die Mehrzahl der Männer in den Hochwald zwischen Beckingen und Düppenweiler und fällte die sämtlichen Stämme. Noch heute führt dieser Wald zum Andenken an diesen vandalistischen Gewaltstreich den Namen ‚abgehauener Wald‘. Nicht zufrieden mit diesem Holzfrevel zogen am Abend die drei Helden Müller etc. in das Pfarrhaus und zwangen den damaligen Pfarrer Cannivé, sie in der bestmöglichsten Weise zu bewirten. Zur Ehre des Dorfes sei es jedoch gesagt, dass sie mitten im Schmause durch einige handfeste und besonnene Männer auf echt deutsche Art zur Besinnung gebracht wurden.“

Zu ähnlichen Aktionen, zu „Baumschlägen“, kam es nach dem 2. Mai 1848 auch in Orscholz. Im Freiheitsrausch der Revolution ließen sich daneben in Besseringen mehrere junge Männer durch zwei Hauptführer zu Zerstörungen an den Straßenbarrieren aufwiegeln; betroffen war auch das „Barriere-Haus“ auf dem Mühlenberg. Einige der jungen Burschen saßen dafür im Trierer Gefängnis monatelang ein.

Die allgemein angespannte Situation begünstigte nicht zuletzt auch den Ausbruch langer schwelender dörflicher Konflikte. In Reimsbach richtete sich der Unmut gegen den Pfarrer Ruf, der in seinen Predigten dörfliche Missstände gegeißelt hatte und dem man im Gegenzug das von der Gemeinde zu zahlende Pfarrerzusatzgehalt streitig machte. Die Dorfbewohner warfen ihm vor, zu hohe kirchliche Gebühren zu verlangen. Bereits am 1. März hatten sie an den Trierer Bischof eine Klageschrift gegen Pfarrer Ruf gerichtet. Am 26. März 1848 führte der Ortsvorsteher die Tumultanten an, die vor dem Pfarrhaus Schüsse abgaben und „Freiheit, Gleichheit, Republik“ schrien. Es kam zu schweren Gewalttätigkeiten, allerdings nicht gegen die Person des Pfarrers, sondern gegen den Kirchenrechner. Gegen Morgen verließen die Revolutionäre das demolierte Pfarrhaus. Pfarrer Ruf strengte einen Prozess gegen die Erstürmer des Pfarrhauses an, in dem diese zu Gefängnis und Geldstrafen verurteilt wurden. Die Querelen hielten auch noch nach dem Prozess an und es dauerte bis 1850, bis sich die Gemüter wieder beruhigt hatten.

Während es bei den Unruhen hier in unserer Region zu Beginn des Jahres 1848 kein Blutvergießen zu beklagen gab, war dies an anderen Orten in Deutschland keineswegs der Fall. Am 18. März 1848 wurde Berlin von blutigen Barrikadenkämpfen erschüttert, die rund 300 Menschenleben forderten. Vom Blutvergießen ergriffen, ging der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf die Forderungen der Aufständischen ein und berief ein liberales „Märzministerium“, eine neue Regierung sozusagen. Seine Proklamation „An mein Volk und an die deutsche Nation!“ mit den Worten „Preußen geht fortan in Deutschland auf!“ schien die Verwirklichung der deutschen Einheit und die Einführung einer konstitutionellen Monarchie in Preußen zu verheißen. Um ein geeintes Staatswesen zu formen, tagte ab dem 18. Mai 1848 die erste frei gewählte deutsche Volksvertretung in der Frankfurter Paulskirche. < Wird fortgesetzt.



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