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Wie die Leiharbeit in Kitas floriert"Das geht mit Leiharbeit nicht"





Wie die Leiharbeit in Kitas floriert"Das geht mit Leiharbeit nicht"
Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter,  12. Juni 2012, 00:05 Uhr
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Setzt sich ein neuer Trend durch? Immer mehr Fachkräfte in Deutschlands Kindertagesstätten sind inzwischen bei Zeitarbeitsfirmen angestellt. Unser Foto zeigt eine Erzieherin in der Tagesstätte Regenbogen im sächsischen Mücheln-Ströbnitz bei der Essensausgabe. Foto: Grubitzsch/dpa

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Peter Balnis
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Setzt sich ein neuer Trend durch? Immer mehr Fachkräfte in Deutschlands Kindertagesstätten sind inzwischen bei Zeitarbeitsfirmen angestellt. Unser Foto zeigt eine Erzieherin in der Tagesstätte Regenbogen im sächsischen Mücheln-Ströbnitz bei der Essensausgabe. Foto: Grubitzsch/dpa

Berlin. Fachkräfte werden händeringend gesucht, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Kitas und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Da verblüfft es schon, dass sich auch unter den pädagogischen Fachkräften mittlerweile viele als Leiharbeiter verdingen müssen
Berlin. Fachkräfte werden händeringend gesucht, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Kitas und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Da verblüfft es schon, dass sich auch unter den pädagogischen Fachkräften mittlerweile viele als Leiharbeiter verdingen müssen. Nach einer Übersicht der Bundesagentur für Arbeit, die unserer Zeitung vorliegt, waren im Jahr 2009 bundesweit 5664 Sozialarbeiter, Sozialpädagogen sowie Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen in Zeitarbeitsunternehmen angestellt. Mitte des Vorjahres lag die Zahl schon bei 7338. Das ist eine Zunahme um 30 Prozent.

Nach Angaben des Zeitarbeitsunternehmens-Verbandes IGZ gibt es seit einigen Jahren sogar spezialisierte Anbieter in diesem Bereich. Dazu gehört zum Beispiel die Diwa Personalservice GmbH mit Sitz in München, die in bundesweit 30 Filialen Kinderpfleger und Erzieher zeitweilig, aber auch dauerhaft vermittelt. Das Geschäftsmodell floriert offenbar.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Ekin Deligöz, geht davon aus, dass viele Kommunen noch nicht genau wissen, wie der ab August 2013 geltende Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz genutzt werden wird und deshalb im Personalbereich flexibel sein wollen. "Das würde die Leiharbeit zum Teil erklären." Ihre Entwicklung im Betreuungsbereich könne nur durch mehr Festeinstellungen gestoppt werden, sagte die Grünen-Politikerin gegenüber unserer Zeitung.

Dafür müssten die Kommunen allerdings auch ausreichend Mittel haben. Dass dem nicht so ist, zeigen Fälle in Sachsen. Nach Angaben der Arbeitsmarktexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, mussten dort qualifizierte Erzieherinnen als Leiharbeiter in einer städtischen Kita mit lediglich 1000 Euro brutto im Monat auskommen - und damit rund 50 Prozent unter Tarif. Das offizielle Einstiegsgehalt für Erzieherinnen liegt aktuell bei 2160 Euro brutto. Personen mit mindestens einem Jahr Berufserfahrung kommen auf 2372 Euro. "Gemessen an ihrer hohen Qualifikation und Verantwortung werden pädagogische Fachkräfte schon in regulären Arbeitsverhältnissen nicht angemessen entlohnt", sagte Zimmermann unserer Zeitung. Durch die Leiharbeit verschärfe sich das Problem noch zusätzlich. Überhaupt sei Erziehung in erster Linie Vertrauenssache.

Die schlechte Entlohnung vieler Kinderbetreuerinnen ist auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) nicht verborgen geblieben. Im Rahmen ihres kürzlich vorgestellten Zehn-Punkte-Programms zur Beschleunigung des Betreuungsausbaus plant die CDU-Politikerin zumindest für Tagesmütter Lohnkostenzuschüsse, um ihnen eine Festanstellung bei den Kommunen zu erleichtern. Das Vorhaben ist allerdings auf nur ein Jahr befristet.

Schröders Partei- und Kabinettskollegin, Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, will noch einen anderen Weg gehen: Sie setzt auf die verstärkte Umschulung von Arbeitslosen, insbesondere der mit Jobverlust konfrontierten Schlecker-Frauen, um die Lücke an qualifiziertem Personal im Betreuungsbereich zu schließen. Offiziell wird der zusätzliche Bedarf an Kita-Erzieherinnen bundesweit mit 14 000 angegeben. Hinzu kommen mindestens 16 000 fehlende Tagesmütter. Dabei sind in der Bundesagentur für Arbeit derzeit knapp 8400 Betreuer und Erzieher als arbeitssuchend gemeldet. Auch das will nicht so recht zusammenpassen.Herr Balnis, deutschlandweit arbeiten nach SZ-Informationen über 1000 Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen in Leiharbeit. Was halten Sie davon?

Peter Balnis: Das ist eine gewaltige Zahl. Ich halte jede einzelne Leiharbeitsstelle in diesem Bereich für zu viel. Pädagogische Arbeit ist grundsätzlich Beziehungsarbeit zwischen Menschen. Das geht mit Leiharbeit nicht. Das Wesen der Leiharbeit ist ja, kurzfristige und vorübergehende Engpässe auszugleichen. Meiner Meinung nach darf es im pädagogischen Bereich überhaupt keine Leiharbeit geben.

Warum setzen die Einrichtungen, die Träger Leiharbeiter ein?

Balnis: Weil die Nachfrage nach Plätzen, etwa in der Nachmittagsbetreuung an freiwilligen Ganztagsschulen, teilweise schwankend ist. Zudem war die Finanzierung von verschiedenen Angeboten in der Vergangenheit auch immer etwas wacklig. Da wollte und will man sich offensichtlich nicht auf Festangestellte einlassen.

Glauben Sie, dass sich dieser Trend verstärken wird?

Balnis: Ich befürchte, wenn ab August 2013 ein Rechtsanspruch für die Betreuung von unter Dreijährigen besteht, dass dann die Begehrlichkeiten nach Leiharbeit wachsen. Und zwar deswegen, weil im Zuge des Kita-Ausbaus bislang vor allem in Beton, aber nicht in Köpfe investiert wurde. Die Bundesregierung hat Geld in die Hand genommen, um den Bau von Gebäuden zu fördern, die Fachkräfteentwicklung hat damit aber nicht Schritt gehalten. Wir haben auch im Saarland nicht genügend ausgebildete Erzieherinnen. Daher dürfte, wenn es den Rechtsanspruch gibt, versucht werden, Lücken kurzfristig zu schließen mit Leiharbeitern. In diesem Zusammenhang finde ich es sehr wichtig, dass sich die Landesregierung für einen erneuten Krippengipfel stark macht, denn der Bund muss sich stärker beteiligen an der Finanzierung von Fachkräften.

Machen Leiharbeiter per se schlechtere Arbeit?

Balnis: Ja, im pädagogischen Bereich schon. Das hängt aber nicht mit ihrer persönlichen Qualifikation zusammen, sondern mit der Situation. Man braucht einfach Zeit, um Beziehungen aufzubauen, um von den Kindern und Jugendlichen als verlässliche Bezugsperson akzeptiert zu werden.Foto: privat

Hintergrund

Im Saarland ist die Zahl der pädagogischen Fachkräfte in Leiharbeit bislang noch sehr gering. Im Jahr 2009 lag sie laut Bundesagentur für Arbeit bei 32, zwei Jahre später bei 17. Darunter waren jeweils keine Tagesmütter oder Kita-Kräfte. red



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