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Frauenrechtlerin spricht in der St. Wendeler Basilika zum Thema Prostitution und Menschenwürde





St Wendel
Frau Schwarzer und das „Frischfleisch“
Frauenrechtlerin spricht in der St. Wendeler Basilika zum Thema Prostitution und Menschenwürde

20. Oktober 2014, 00:00 Uhr
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Schwarzers Zuhörerschaft in St. Wendel war vornehmlich weiblich. Viele kamen wohl auch von weiter her.
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Alice Schwarzer sieht den wesentlichen Anteil der Prostitutions-Misere bei der Gesetzgebung von Rot-Grün im Jahr 2002. Fotos: B&K
Alice Schwarzer geißelt die Prostitution – und appelliert dabei an die Verantwortung der Christen. In der St. Wendeler Basilika stellte sie der saarländischen Politik am Freitag vor rund 120 vornehmlich weiblichen Zuhörern ein gutes Zeugnis aus.
Wenn Alice Schwarzer kommt, ist die Polizei nicht weit. Zumindest an diesem Freitagabend in St. Wendel. Ein Polizeibeamter in den 40ern streift um die St. Wendeler Basilika. Man weiß ja nie. Schwarzer ist eine streitbare Frauenrechtlerin, die polarisiert. In der Basilika wird Schwarzer gleich einen Vortrag halten zum Thema „Prostitution und Menschenwürde. Und die Verantwortung der Christen?“. Der Pfarrgemeinderat hat sie im Rahmen der Wendelinusfestwochen eingeladen wie zuvor schon den Fernsehjournalisten Peter Hahne oder Heiner Geißler, den Generalsekretär der CDU zu Kohls Zeiten. Geißler war es auch, der den Kontakt zu Alice Schwarzer vermittelte.

Im Kirchenschiff haben sich derweil rund 120 Zuhörer versammelt – es sind fast ausnahmslos Frauen. Alle Altersgruppen sind vertreten. Manch eine der Damen hatte wohl einen längeren Anfahrtsweg, um der Frauenrechtlerin lauschen zu können.

Alice Schwarzer kommt gleich zur Sache. Natürlich sei Prostitution „kein schönes Thema“. Sie hat sich ihm dennoch angenommen, „weil wir es den Frauen und Männern schuldig sind und weil es uns alle angeht“. Man solle sich nicht von Talkshows blenden lassen, wo Frauen erzählen, dass sie diesen Beruf freiwillig und selbstbestimmt ausüben. „Lediglich zwei bis zehn Prozent der Prostituierten in Deutschland sind Deutsche, der Rest kommt aus den ärmsten Ländern der Welt. Die können kein Wort Deutsch und wissen oft nicht, wo sie sind.“ Von einem Bordell zum nächsten würden sie durch ganz Deutschland gekarrt, weil die Kundschaft alle paar Wochen „Frischfleisch“ verlange.

Und das zu einem Lohn, der Hohn spottet. Oftmals weit weniger als der gerade vereinbarte gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro. Das Geld sacken die anderen ein, sagt Schwarzer: Zuhälter, Bordellbetreiber, Menschenhändler. 15 Milliarden Euro habe das Gewerbe nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr in Deutschland umgesetzt – „bei einer Gewinnspanne von über 1000 Prozent. Das schaffen nicht mal Waffenhändler.“

Einen wesentlichen Anteil an der Misere sieht Alice Schwarzer in der Gesetzgebung von Rot-Grün im Jahr 2002. Damals habe man die Prostitution im Grunde völlig legalisiert. Prostitution sollte als Beruf wie jeder andere verstanden werden, doch „seitdem sind die Frauen ausgelieferter denn je, und die Hemmungen bei den Freiern sinken“.

Deutschland sei zur Drehscheibe des Frauenhandels in Europa geworden. Ein Einreiseland wie Thailand. Ganze Busladungen von Männern kämen aus dem Ausland eingereist, weil in Deutschland alles möglich ist.

Das Problem ist im Saarland gut bekannt. Gerade hat in Saarbrücken ein Bordell eröffnet, das als größtes in ganz Europa gilt – mit 3000 Quadratmeter Fläche. Ein weiteres ist in Völklingen geplant. Die Kundschaft kommt oftmals aus Frankreich, wo Prostitution weitaus strenger reguliert ist. Und der Zulauf von dort werde sich noch verstärken, sagt Schwarzer. Denn Frankreich plant, die Freier zu bestrafen. Nicht schwer auszurechnen, was das für das Saarland bedeutet.

Dennoch: Das Saarland sei eigentlich auf dem richtigen Weg. In Saarbrücken wurde der Straßenstrich auf einige wenige Zonen begrenzt, und die Politik habe das Problem klar erkannt. Ausdrücklich lobt Schwarzer Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die als einzige Spitzenpolitikerin den Appell Schwarzers gegen Frauenkauf unterzeichnet habe. „Hut ab!“, ruft Schwarzer ins Kirchenschiff. Auch die Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) hat sich dem Appell angeschlossen.

Was tun? Schwarzer hat klare Vorstellungen. Es braucht eine Meldepflicht für Prostituierte, sagt sie. Oft wisse man gar nicht, welche Frauen und wie viele im Land seien. Zweitens fordert sie ein Mindestalter von 18 Jahren, drittens eine Kondompflicht. Und schließlich regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen. Damit ist sie ganz auf der Linie der Union, die diese Punkte in einem neuen Gesetz festschreiben will. Schwarzer bei den Schwarzen.

Das Fernziel aber müsse sein, Prostitution ganz abzuschaffen. Das gebiete der Respekt vor den Frauen. „Ich träume von einer Gesellschaft ohne Prostitution, wo Männer und Frauen sich auf Augenhöhe begegnen.“ Sie bekommt viel Beifall.



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