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Gemeinsames Forschungslabor von Globus, DFKI und Saar-Uni arbeitet mit Hochdruck an neuen Reizen für den Einkauf





St Wendel
Wie der Handel künftig Kunden „verführen“ will
Gemeinsames Forschungslabor von Globus, DFKI und Saar-Uni arbeitet mit Hochdruck an neuen Reizen für den Einkauf

13. Oktober 2015, 00:00 Uhr
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Eine Kamera über der Theke kann künftig die Geste des Kunden verfolgen und eindeutig der gewünschten Ware zuordnen. Der Preis wird auch gezeigt. Foto: Rolf Ruppenthal Foto: Rolf Ruppenthal
Die Versuche im Handel, an das Geld der Kunden zu kommen, werden immer raffinierter. Künftig werden diese beim Einkauf noch mehr „Versuchungen“ ausgesetzt. Ein Einblick in das Forschungslabor von Globus.
. Der Einkauf der Zukunft beginnt schon am neuen elektronischen Wohnzimmertisch. Dieser verfügt über eine „intelligente“ Oberfläche, die aussieht wie ein Flachbild-Fernsehschirm. Darauf stehen gerade Bier und liegen Chips, passend zur Fußball-Übertragung mit Freunden. Doch plötzlich droht Ungemach. Nicht durch einen Elfmeter für die gegnerische Elf, sondern eine elektronische Nachricht, die auf der Oberfläche des Tisches sichtbar wird: „Bier geht aus“. Der „intelligente Tisch“ ist durch einen Code mit allen Lebensmitteln verbunden, die man einkauft. So kann man direkt erkennen, wenn im Haushalt etwas fehlt. Auch der Kühlschrank nimmt künftig selbst Kontakt auf. Auf einem Display an seiner Vorderfront oder direkt an das Smartphone, das Tablet oder jeden beliebigen PC in der Wohnung sendet er die Nachricht: „Die Milch hält nur noch bis morgen.“ Fleisch und Wurst müsse man auch nachkaufen.

Der Handel arbeitet mit Hochdruck an solchen neuen technologischen Lösungen, die vor allem das Ziel haben, die Konsumbereitschaft der Verbraucher zu erhöhen und möglichst auch ihre Verweildauer im Einkaufsmarkt. Experten des Forschungslabors für innovative Technologien im Einzelhandel, das seit 2007 gemeinsam von Globus, dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie der Saar-Universität in Räumen von Globus in St. Wendel betrieben wird, demonstrierten gestern Beispiele, wohin die Reise in die „schöne neue Einkaufswelt von morgen“ gehen kann.

Manche Entwicklungen werden bereits eingeführt, etwa die digitale Auszeichnung von Preisschildern, die das Papier verdrängen und sich selbst zu einer bestimmten Zeit elektronisch nach Computervorgaben umstellen, falls beispielsweise eine bestimmte Sorte Obst ab 17 Uhr billiger werden soll. Die Preisschilder können jedem Kunden auch einen speziell auf ihn abgestimmten Preis zeigen, sobald er mehrere Artikel an der gleichen Theke kauft und Rabatt bekommt. Eine clevere Strategie, von der viele Verbraucherschützer sagen, dass am Ende der Handel gewinnt, weil er kurzfristig auch Preise erhöhen kann, etwa das Bier kurz vor einem Fußballspiel.

Um die Idee des „intelligenten“ Wohnzimmertisches in Verbindung mit einem Handelsunternehmen weiter zu denken: Im nächsten Schritt nimmt die elektronische Benutzeroberfläche des Wohnzimmertisches per Internet-Browser Kontakt zu „Globus Drive“ auf, um die Waren zu bestellen, inklusive der gewünschten Abholzeit. Möglicherweise noch ergänzt durch einen Artikel, den man gerade in der Fernsehwerbung gesehen hat. Ein Klick mit der Fernbedienung reicht künftig aus, um ihn automatisch auf die Einkaufsliste zu setzen.

Gerrit Kahl, Leiter des Forschungslabors, sieht eher Vorteile für die Kunden. Sie würden per Handy oder Tablet schneller durch den Einkaufsmarkt zu den gewünschten Waren geleitet. Und erhielten noch wertvolle Zusatz-Informationen. So könne man beim Erreichen des Regals auf Wunsch beispielsweise auf seinem Display sehen, welche Artikel unbedenklich gegen eine bestimmte Allergie sind. Es kommen automatisch Signale zurück: grün oder rot. Diese Daten würden nur an den Nutzer weitergegeben, nicht an den Markt. Steht man am Regal für Müsli, kann künftig der Hinweis eingespielt werden: „Milch findet man zwei Gänge weiter links.“ Falls gewünscht, inklusive Marken und Sonderangeboten. Greift man zu Spaghetti, zeigt ein Bildschirm neben der Ware gleich noch Rezepte an und den Hinweis zum passenden Wein am Nachbarregal. Auch der Einkaufswagen wird „intelligent“. Er registriert jeden Artikel, addiert alle Preise und zeigt die Liste auf seinem Display an. Selbst der Bezahlvorgang wird bald eher beiläufig erledigt. Forscher Kahl verweist auf eine im Autoschlüssel eingebaute Kreditkarte. Personalabbau in größerem Stil erwartet er durch neue Technologien eher nicht. „Es wird mehr Beratungspersonal in Konkurrenz zum Online Handel gebraucht.“ Manches ist unbestreitbar eine Hilfe. Zum Beispiel die Kamera über der Fleisch- und Wursttheke, die verfolgt, auf welche Sorte der Kunde genau zeigt. Missverständnisse würden so vermieden. Auch der Preis erscheint. Bei all dem „Fortschritt“, der sich im Handel abzeichnet, bleibt eine beruhigende Erkenntnis: Essen und trinken muss man weiter selbst.

Meinung:

Nicht allen Reizen nachgeben

Von SZ-RedakteurThomas Sponticcia

Jeder kann sein hart verdientes Geld nur einmal ausgeben. Und muss sich deshalb überlegen, was er wirklich braucht. Zumal jeder Verbraucher künftig gegen noch mehr „Verführungen“ ankämpfen muss, die der Handel bereithält. Denn im immer härteren Konkurrenzkampf der großen und kleinen Händler bei einer gleichzeitig sinkenden Bevölkerungszahl sucht auch der Handel nach immer neuen Methoden, wie er Kunden besser an sich binden kann. Die Rolle des „aktiven Verführers“ sollen vor allem moderne Medien wie Handy und Tablet übernehmen. Doch der einzelne Kunde muss nicht automatisch alles mitmachen. Er kann sich durchaus bis zu einem bestimmten Punkt verweigern, in dem er sich beim Einkauf eben nicht zum „Sklaven“ seines Handys oder Tablets degradieren lässt. Er kann es ausschalten, bevor er den Markt betritt. Am hilfreichsten, um „Versuchungen“ im Geschäft möglichst gut standzuhalten, ist immer noch ein Einkaufszettel, an den man sich halten kann. Auch ist naiv, wer glaubt, all die neuen Technologien würden nicht auch zu Personalabbau führen. Der Handel will und muss Geld einsparen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Deshalb zählt nicht nur der technische Fortschritt, sondern es muss auch Weiterbildung und qualifiziertere Arbeitsplätze für diejenigen Mitarbeiter geben, die von Trend-Änderungen betroffen sind. Von den technischen Neuerungen wird sich nur durchsetzen, was der Verbraucher annimmt. Er hat das Geld. Und damit Macht.


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