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Sprache wird immer häufiger verkürzt – Forscher untersuchen die Gründe





Saarbrücken
Vom Hausfrauenperfekt zum Kiezdeutsch
Sprache wird immer häufiger verkürzt – Forscher untersuchen die Gründe

Antonia Lange (dpa)und Jörg Wingertszahn (SZ),  17. Februar 2016, 02:00 Uhr
Sprache unterliegt einem ständigen Wandel, sonst würden wir heute noch alle wie Goethe reden und schreiben. Aber muss es gleich das sogenannte Kiezdeutsch oder Kurzdeutsch sein?


 
Sprache hat ihr Eigenleben und ist zuweilen schwer in den Griff zu kriegen. In Frankreich versucht man das gerade mit einer Rechtschreibreform, die die Schreibweise an den modernen Sprachgebrauch anpassen soll – begleitet von Protesten, die das gehobene Französisch in Gefahr sehen, weil zu stark vereinfacht werde. Welche Diskussionen allein die Schriftsprache auslösen kann, hat man in Deutschland noch gut in Erinnerung, als hierzulande die Rechtschreibreform nach jahrelangem Hickhack eingeführt wurde. Was aber, wenn Sprache plötzlich – sei es geschrieben oder gesprochen – ganz andere Blüten treibt?

„Kommst du eigentlich nachher mit Kino?“ Der Satz, so erzählt Diana Marossek, brachte das Fass zum Überlaufen. Als jemand der Berliner Sprachwissenschaftlerin diese Frage stellte, fiel ihr auf, wie oft in ihrem Bekanntenkreis eine Sprache verwendet wird, die sie Kurzdeutsch nennt. „Seltsamerweise sah kein Mensch einen Anlass, derlei verkürzte Sätze zu korrigieren“, notiert sie. In der Praxis heißt das: Der Artikel oder die Kombination aus Präposition und Artikel wird weggelassen. Heraus kommen Sätze wie „Ich bin noch Büro“ oder „Er hat Tor geschossen“. Die Forscherin versuchte daher zu ergründen, warum inzwischen so viele Kiezdeutsch reden. Denn den vermeintlichen Fehler machen inzwischen längst nicht mehr nur Migranten, sondern Deutsche aus allen sozialen Schichten. Die Frage ist nur: Warum?

Ein Faktor seien Internet, SMS und soziale Medien. „Wenn es stark auf Kürze ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass solche Strukturen eine Rolle spielen“, erklärt der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger. „Da sind Geschwindigkeit und Zeichenzahl wichtig. Da lässt man weg, was nicht unbedingt nötig ist.“ Das hat auch Sprachforscherin Marossek festgestellt. „Es gibt immer eine formelle und eine informelle Sprache“, sagt sie. In einem Chat wie bei Facebook und Whatsapp gebe es keine Vorgaben.

Das mag manchem Sprachkritiker nicht gefallen – und das war schon immer so. Die Sprache sollte stets in gerade der Form erhalten bleiben, die der Sprachkritiker selbst als Kind gelernt hat. Alle älteren wie auch alle neueren Sprachformen wurden im Laufe der Zeit immer wieder von konservativen Sprachhütern abgelehnt. Aber, so fragt die Deutsche Gesellschaft für Sprache völlig zu Recht, „wollen wir wirklich das heute viel geschmähte Hausfrauenperfekt wiederbeleben?“ Auch Goethe verwendete noch diese doppelten Perfekt- und Plusquamperfektformen: „Mignon hatte sich versteckt gehabt“, heißt es zum Beispiel in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Auch der Genitiv der Sprache des Mittelalters ist längst nicht mehr üblich, sonst würden wir schreiben: „Wir trinken des Weines“ anstatt „Wir trinken (von dem) Wein.“ Alles andere wäre auch kurios.

Solche Veränderungen haben nie zum Untergang der deutschen Sprache geführt, auch wenn die Kritiker nie verstummt sind. Karl Kraus forderte schon 1903 „Strafbestimmungen gegen die öffentliche Unzucht, die mit der deutschen Sprache getrieben wird“. Und Kurt Tucholsky klagte 1918, „alles Mögliche gibt es, nur keine anständigen richtigen deutschen Wörter mehr“. Ihm blieb nur übrig, zehn Jahre später „einen bösen Verfall der Sprache“ festzustellen. Demgegenüber liest sich die Bestandsaufnahme der Deutschen Gesellschaft für Sprache wenig dramatisch: „Die Geschichte der deutschen Sprache hat definiert, was wir heute als gutes und richtiges Deutsch betrachten – wer unsere Sprache liebt, müsste dem Sprachwandel eigentlich dankbar sein.“

 

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Hintergrund
In den saarländischen Schulen ist das so genannte Kiezdeutsch oder Kurzdeutsch nach Angaben des Bildungsministeriums schon angekommen. Besonders im Deutschunterricht werde diese Art von Sprache aber nicht als „Problem“ gesehen, sondern als Chance. „Den Schülern und Schülerinnen ist aufgrund ihres Alters die Ebene dieser Jugendsprache, gerade im Zusammenhang mit der Nutzung der moderner Medien, sehr nahe“, stellt das Ministerium fest. Ein aktuelles Beispiel für Jugendsprache und deren Nutzung im Unterricht sei der Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge, der zurzeit in der gymnasialen Oberstufe gelesen wird. jöw


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