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Begegnung mit dem früheren Saar-Minister Diether Breitenbach





Saarbrücken
Wie Wissensdurst ein Leben prägt
Begegnung mit dem früheren Saar-Minister Diether Breitenbach

30. Januar 2016, 02:00 Uhr
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Die Bologneser-Hündin Julchen bestimmt seit zwölf Jahren den Alltagstakt des früheren Kultusministers Diether Breitenbach, hier aufgenommen in seiner Etagenwohnung in Saarbrücken. Foto: Dietze Foto: Dietze
Er war ein Inklusions-Pionier und steuerte die Universität des Saarlandes in Richtung neue Technologien. Elf Jahre lang prägte Diether Breitenbach (SPD) als Minister das Kultur- Bildungs- und Wissenschaftsleben des Landes. Heute noch brennt er für diese Themen.


 
Wie aus dem Ei gepellt, so war Diether Breitenbach schon damals. Kein Ankuscheler ans antibürgerliche Milieu, das er als Minister vertrat: Künstler und IT-Forscher. Und heute? Jeans auf Falte, ein steif gebügeltes Hemd, jedes Barthärchen liegt akkurat in Reihe. Ein gepflegter Mann, beschwerdefrei, beneidenswert. Nicht so hastig mit der Glücksbilanz. Ganz am Rande eines Gesprächs, das mit ihm, der bedächtig formuliert und grundsätzlich lange „professorale“ Anläufe nimmt, nicht anders als sehr lange ausfallen kann, erwähnt Breitenbach zwei (ausgeheilte) Krebserkrankungen und seine künstliche Hüfte nach einem Oberschenkelhalsbruch. Doch Krankheiten – die Physis – bestimmen das Leben von Diether Breitenbach (80) nun mal nicht. Nein, er lebt aus dem Kopf. Wissensdurst und Neugier sind die Motoren einer Biografie, die sich zwischen Psychologie und Entwicklungshilfe, Kabinetts-Sitzungen und EU-Bildungsministerrat, zwischen Denkmalschutz, medizinischer Forschung und europäischer Fördergeld-Technokratie bewegte.

Auf dem Couchtisch liegt sein Ipad. Bücher zur „Nutzerakzeptanz-Steigerung von altersgerechten Assistenzsystemen (AAL)“ wähnt man auf dem Nachttisch. Denn Breitenbach ist sichtlich gefesselt von „Assisted Living“, einer computergesteuerten Wohnfeld-Unterstützung für Ältere oder Behinderte.Breitenbach hat vor 30 Jahren als Minister mit die Weichen gestellt, um die Universität des Saarlandes in Richtung neue Technologien zu schieben. Bis heute hält er engen Kontakt nicht nur zum DFKI (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz), nutzt seine nie gekappten Netzwerke nach Brüssel (EU) und Berlin. Und sagt: „Ich möchte die ,AAL-Modellregion Saarland' mit voranbringen.“

Kann da wieder einer nicht ablassen von alter Gestaltungsmacht und -seligkeit? Breitenbach signalisiert eine gehörige Distanz zu seiner Berufspolitiker-Zeit, obwohl er sie in „allerbester Erinnerung“ hat. Bis auf die „Affäre Auer“. Breitenbach hielt damals nach Meinung vieler zu lange an dem später wegen Körperverletzung verurteilten Homburger Neurochirurgen fest. Breitenbach sieht das bis heute anders, fühlt sich ungerecht behandelt: „Die Rücktrittsforderungen der CDU haben mich schwer getroffen. Der Fall hat mich geschlaucht.“

Bis 1996 gehörte Breitenbach den drei Kabinetten Oskar Lafontaines (SPD) an, kämpfte für Lafontaine die Verfassungsänderung zur Einführung der Gesamtschulen als Regelschulen durch. Trotzdem kickte Lafontaine Breitenbach bei einer Kabinettsumbildung aus dem Amt. Falsch, sagt Breitenbach. Er habe selbst bereits 1995 um sein Ausscheiden gebeten.

Den Tag des Abschieds hat er in bester Erinnerung. Mit seiner Frau und zwei Enkelinnen saß Breitenbach bei der Vereidigung seines Nachfolgers Henner Wittling im Landtag. Danach spazierte er bei Kaiserwetter über den St. Johanner Markt, spendierte Eisbecher. „Plötzlich ist man ein freier Mann. Ich hatte ein Gefühl, als könnte ich fliegen.“ Kontakte zu ehemaligen Kabinettskollegen sind rar, obwohl die Etagenwohnung der Breitenbachs in Steinwurfnähe zu den Häusern von Marianne Granz (SPD) und Willy Leonhardt (SPD) liegt. „Minister haben während ihrer Amtszeit untereinander weniger Kontakt, als man denkt“, sagt Breitenbach.

Vor 15 Jahren ist er mit seiner Frau (80), die er seit 57 Jahren kennt, aus dem Eschberger Haus, in dem drei Kinder groß wurden, weggezogen, in eine noble, modern ausgestattete Wohnung: klare Formen, kühle Farben, sparsame Dekoration. „Wir wollten eine Veränderung“, sagt er. Die kam mit Julchen. Die Bologneser-Hündin bestimmt seit zwölf Jahren das Freizeitverhalten des Paares. Man geht meist nur noch getrennt ins Theater oder zu Vernissagen, um sie nicht allzu lange allein zu lassen: „Julchen ist eine Kulturbremse“, sagt Breitenbach. Doch nach Italien, ins Lieblingsreiseland, in dem die Breitenbachs früher ein eigenes Ferienhaus besaßen, kommt sie mit. Immer noch fahren die beiden die 1000 Kilometer in einem Rutsch. Wirkliche Fernreise-Fans waren sie nie, obwohl die lange Beschäftigung der Breitenbachs mit interkulturellen Themen dies nahe legt. Als junger Mann verfasste er Studien zu Ausbildungsproblemen von Flüchtlingskindern, sie war lange Verlegerin wissenschaftlicher Bücher zum Thema Entwicklungshilfe. Beruflich ging's nach Singapur, Kenia und Ägypten, doch ein Multikulti-Euphoriker wurde Breitenbach nicht. Zur aktuellen Flüchtlingsdebatte äußert er sich abwägend-analytisch, nicht emotional. „Die Probleme werden wachsen“, prognostiziert er. Und warnt: „Ein solcher Ansturm ist nicht Jahr für Jahr zu verkraften.“

Herzblut steckt in einem anderen Thema: Inklusion. Die war für Breitenbach keineswegs nur pflichtgetreues Umsetzen der „Sozi-Ideologie“, wie das die Opposition nannte. Breitenbachs Interesse an Menschen mit Handicaps wurde früh geweckt. Sein Vater war Lehrer, unterrichtete nachmittags einen gehörlosen Jungen und lehrte ihn, von den Lippen abzulesen: „Das hat mich fasziniert“, berichtet Breitenbach. Als er 1985 Minister wurde, war das Saarland das einzige Bundesland, das noch keinen Modellversuch zur Inklusion am Start hatte. „Ich war neugierig, wie es geht, Behinderte ins Leben einzubeziehen. Die Forschung sagte: In der Regelschule funktioniert das besser. Ich wollte das umsetzten.“ Doch zusätzlich existiert eine sehr eigene, sehr persönliche Geschichte. Das schwerstbehinderte Mädchen hieß Sarah, ihre Eltern wollten sie in eine Regelschule bringen, doch es gab Blockaden, sogar in Breitenbachs eigenem Ministerium. „Sie war ein begabtes Mädchen, ich wollte ihr einen normalen Schulweg ermöglichen“, sagt Breitenbach. Er setzte sich durch. Heute arbeitet Sarah als kaufmännische Angestellte im Sanitätsbetrieb ihres Vaters in Schwalbach. Breitenbach hat sie nie vergessen, hat sie kürzlich besucht.

Zum Thema:

Zur PersonDiether Breitenbach, 1935 geboren in Dortmund, hat Psychologie, Philosophie, Geografie und Germanistik studiert, wechselte 1962 als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Institut für Entwicklungshilfe der Universität. Von 1974 bis 1978 war er Professor für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule des Saarlandes und deren Rektor. Dann hatte er bis zu seiner Berufung 1985 ins erste Kabinett Oskar Lafontaines Lehrstuhl für Psychologie an der Universität des Saarlandes inne. Bis 1996 gehörte er als Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftsminister der SPD-Landesregierung an. Nach seiner Minister-Zeit wurde Breitenbach Mitgesellschaf ter der Firma Euroconsult Saar, beriet Forschungsinstitute bei der Beantragung von Fördermitteln. Er engagierte sich als Förderverein-Vorsitzender für die Musikfestspiele Saar und für die von ihm gegründeten „Freunde des Universitätsklinikums Homburg“. Auch ist er Kuratoriums-Mitglied der Stiftung des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie Saar. ce


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