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Der Historiker Martin Sabrow analysiert im ersten Teil einer neuen Biografie die Jugend des ehemaligen DDR-Staatschefs





Neunkirchen/Potsdam
Kämpfte Honecker nur aus Eigeninteresse?
Der Historiker Martin Sabrow analysiert im ersten Teil einer neuen Biografie die Jugend des ehemaligen DDR-Staatschefs

Von  Roland Mischke, 
26. September 2016, 02:00 Uhr
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Auf Stippvisite in der trauten Heimat: Erich Honecker, damals Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, besucht im Herbst 1987 seinen Heimatort Wiebelskirchen. Foto:ZB/dpa
Ein Dach überm Kopf und ein Kondom: Martin Sabrow hat die Jugendzeit des ehemaligen Staatschefs Erich Honecker durchleuchtet. Darin berichtet der Autor nicht nur von dessen Kindheit im Saarland, sondern auch von einer fragwürdigen Loyalität gegenüber den Nazis.
Alle waren Kommunisten, die Eltern, die fünf Geschwister, die Freunde. Der 1912 in Neunkirchen geborene Erich Honecker wuchs in Wiebelskirchen von klein an unter dem roten Stern auf. Er trommelte im Spielmannszug des Rotfrontkämpferbundes, spielte Handball im Arbeiterturnverein und wollte Bauer in Hinterpommern werden.

Der Historiker Martin Sabrow hat den ersten Teil seiner Honecker-Biografie vorgelegt, es geht um die Jahre bis 1945. Sabrow ist gründlicher in seinen Recherchen und Analysen als andere Biografen, er hat sämtliche Quellen gesichtet und führt das Verhalten des späteren DDR-Staatschefs auch auf dessen Wiebelskircher Prägungen zurück.

Der Junge besuchte die Volksschule, in seinen Memoiren erinnert sich Honecker an den „schönen Ort, der durchquert wird von der Blies, einem kleinen Bach, mit waldreicher Umgebung“. Hier erlebte er den Tuberkulosetod seiner älteren Schwester Katharina mit, sie starb an der „Proletarierkrankheit“. Sein jüngerer Bruder Robert, Jahrgang 1923, wurde der erzkommunistischen Familie entrissen und in die Hitler-Jugend gezwungen, das war Pflicht wie der Wehrdienst.

Das Leben war eng, das Haus in der Kuchenbergstraße 88 klein und modrig, in der NS-Zeit setzte die Verfolgung ein. Unter diesen Umständen begann Honeckers politische Karriere – er wollte die Verhältnisse ändern, dafür kämpfte er.

Die Dachdeckerlehre genügte Honecker nicht. Die KP brachte ihm das Agitieren bei und als Berufsfunktionär wurde er mit Anfang zwanzig nach Berlin entsandt, um im verbotenen Kommunistischen Jugendverband junge Genossen für den Widerstand gegen Hitler zu gewinnen.

Sabrow glaubt, der Sohn eines Bergarbeiters ist mental nie aus der Zeit, in der er die ökonomischen Ungerechtigkeiten erfasste, hinausgekommen. Er wollte die Macht für den Kommunismus, er glaubte, dass Menschen unter einer Zwangsideologie zufrieden sein könnten, wenn sie alles Notwendige zum Leben hätten. Dieses sich selbst reproduzierende politische System hat er als DDR-Staatschef rücksichtslos umgesetzt.

1935 geriet Honecker in die Fänge der Gestapo. Ihm drohte das Todesurteil, der Volksgerichtshof verurteilte ihn zu zehn Jahren Zuchthaus in Brandenburg, weil das Regime Arbeitssklaven in der Baukolonne brauchte. Als im Frühjahr 1945 die Rote Armee vorrückte, wurden die Männer umstationiert in ein Frauengefängnis. Dort verguckte sich Honecker in die Oberwachtmeisterin Charlotte Schanuel.

Im März 1945 trat er beim Dachflicken in Berlin die Flucht an und kam zeitweilig bei der Mutter von Charlotte unter. Nach einigen Wochen stellte er sich jedoch der Justiz, ging wieder in den Knast, seine Flucht blieb ohne Folgen. Im April 1945 wurden die Zuchthäusler von der Roten Armee befreit, 1946 heiratete Honecker Charlotte Schanuel. Sabrow fand nicht viel darüber in den Archiven, die SED hatte die Quellen offenbar getilgt.

Das war ein Unding, Honecker war de facto bei seinen Genossen erledigt. Eine Ex-Zuchthauswärterin als Gattin! 1947 starb Charlotte Schanuel überraschend, das war Honeckers Rettung. Seine Genossen, zurückgekehrt aus der Emigration in Moskau, nahmen ihn dennoch nicht ernst. Sabrow formuliert, Honecker habe „so gut wie alle Auswahlkriterien für eine künftige Tätigkeit an führender Stelle“ vermasselt. Dennoch stieg er zum Spitzenfunktionär auf und war 18 Jahre lang Vorsitzender des Staatsrates der DDR, von 1971 bis 1989.

Der erste Band von Sabrows Honecker-Biografie ist sachkundig erzählt. Da wird klar, warum Honecker nie die frühen Erfahrungen hinter sich ließ. Sein Denken war kleingeistig, die proletarische Kurzsicht, die Freiheitswünsche Andersdenkender nicht akzeptiert und sich gegen sie wendet. Er blieb halsstarrig, misstrauisch, nur Thälmann und Wehner, später Ulbricht traute er, in Stalin sah er seinen Mentor.

Kein Studium hatte seinen Geist trainiert, er lernte keine Sprachen. Honecker war immer nur ein Kämpfer. Nur enge Genossen wie Hermann Axen, 1992 verstorben, oder Egon Krenz, mit dem Sabrow gesprochen hat, wussten um seine Defizite. Axen, lange im Politbüro, sagte: „Erich hat noch im Alter die Ideale aus den Dreißigerjahren gehabt: ein Dach überm Kopf, genug Geld für eine Eintrittskarte fürs Kino am Wochenende und für ein Kondom.“

Vor allem stellt Sabrow die Standhaftigkeit Honeckers in Frage und belegt seine „weitgehende Bereitschaft zur Kooperation mit der NS-Justiz“. Als Kalfaktor, der zwischen Häftlingen und Vorgesetzten vermittelte, gehörte er nicht zum inneren Widerstandskreis.

1941 verriet er den Saarbrücker KP-Jugendbezirksleiter Hans Jennes als „maßgeblichen Funktionär“, worauf der vor den Volksgerichtshof und ins Zuchthaus kam.

Die NS-Justiz hielt Honecker für einen Zuträger, er stand wohl im Ruf, loyal gegenüber den Nazis zu sein. In der Not war er nur ein Kämpfer für eigene Interessen.

Der erste Teil der Honecker-Biografie von Martin Sabrow, „Erich Honecker. Das Leben davor. 1912-1945.“,Verlag C.H. Beck, 623 Seiten, 27,95 Euro

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