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,,Ich kann auch in einem Zelt leben”





Mettlach
,,Ich kann auch in einem Zelt leben”
20. März 2017, 02:00 Uhr
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SZ-Interview mit Wendelin von Boch im Hotel Linslerhof in Überherrn. Foto: Robby Lorenz
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Wendelin von Boch im Gespräch mit den beiden SZ-Redakteuren Thomas Sponticcia (rechts) und Oliver Schwambach. Seit 1824 ist der Linslerhof Familienbesitz, 1990 haben ihn Brigitte und Wendelin von Boch komplett saniert.
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Wendelin von Boch auf dem Linslerhof in Überherrn, wo er auch aufgewachsen ist. Heute finden sich auf dem Landgut unter anderem ein Hotel, Restaurants, Stallungen und eine Jagdschule. Fotos: Robby Lorenz (2)
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Wendelin von Boch während einer Privataudienz im Jahre 1980 bei Papst Johannes Paul II.. Foto: V & B Foto: V & B
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Zum 250-jährigen Firmenjubiläum 1998 begrüßten Wendelin von Boch und seine Frau Brigitte (links) Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen Frau Hannelore am Stammsitz von Villeroy & Boch in Mettlach. Foto: dpa

Foto: dpa
Wendelin von Boch verlässt jetzt das Unternehmen, das auch seinen Namen trägt. Und könnte sich eine Zukunft in Afrika vorstellen.
Die Historie des Saarlandes ist eng verwoben mit der fast 270 Jahre dauernden Firmengeschichte von Villeroy & Boch. Von 1998 bis 2007 führte Wendelin von Boch-Galhau, Jahrgang 1942, das Keramik-Unternehmen – in achter Generation. Seit 2009 ist der Diplomkaufmann Aufsichtsratsvorsitzender des Familienunternehmens. Aus diesem Amt scheidet von Boch an diesem Freitag aus. Von Boch, der in seiner Internatszeit mit dem späteren RAF-Terroristen Andreas Baader befreundet war, hatte in seiner Familie früher den Ruf des Rebells und Querdenkers. Das Traditionsunternehmen richtete von Boch in seiner Ägide konsequent neu aus. Seit 1976 ist er mit seiner Frau Brigitte verheiratet. Das Paar hat vier Kinder. Zum Gespräch traf ihn die SZ auf dem Linslerhof bei Überherrn, wo Wendelin von Boch aufgewachsen ist.

Sie scheiden jetzt nach vielen Jahren als Vorstandschef und zuletzt Aufsichtsratsvorsitzender aus dem aktiven Geschäft von Villeroy & Boch aus. Was ist das für ein Gefühl, künftig wieder Herr über seine Zeit zu sein?

von BOCH Ich empfinde das als ein Privileg. Ich kenne das bisher nicht.

Haben Sie schon Pläne?

von BOCH Auf jeden Fall habe ich mehr Zeit zum Lesen und für Musik. Ich bin großer Fan von Stefan Zweig, lese gerade seine „Sternstunden der Menschheit“. Auch die Barock- und Jazzmusik gibt mir viel: Cool Jazz wie der von Chet Baker oder Gerry Mulligan. In meiner wilden Jugendzeit war ich mal Schlagzeuger in einer Band.

Gibt es einen bisher unerfüllten Traum?

von BOCH Ja, ich bin fasziniert von Afrika, war gerade in Südafrika in einem Reservat mit wundervoller Natur. Mich fasziniert diese Welt. Mein Sohn ist schon länger begeistert von Afrika und befindet sich momentan in Tansania. Ich möchte ihn besuchen. Er will mit Projekten etwas für Menschen bewegen. Das reizt mich sehr. Ich kann auch in einem Zelt leben.

Ihre Familie hat deutsche und französische Wurzeln mitten in Europa. Wie steht es um dieses Europa, in dem radikale Kräfte gerade Konjunktur haben?

von BOCH Das kann im Extremfall zum Zerfall der EU führen. Ich glaube aber nicht, dass eine Radikale wie Marine Le Pen die Wahlen in Frankreich gewinnt. Gelingt es nicht, die Radikalen zu stoppen, ist Europa unrettbar verloren.

Auch der neue US-Präsident pflegt merkwürdige Regeln etwa im Umgang mit Pressefreiheit und der Wahrheit.

von BOCH Auch Trump ist gefährlich. Der macht mit seinem Nationalismus alles kaputt, was in den letzten Jahrzehnten weltweit an Globalisierung stattgefunden hat. Er profitiert von einer ungeheuer großen Polarisierung zwischen Arm und Reich. Er macht den Leuten falsche Hoffnungen. Es wird keine Wiederbelebung stillgelegter Gruben oder geschlossener Autowerke geben. Das funktioniert nicht, weil die Gesetze der Marktwirtschaft andere sind.

Muss Europa selbstbewusster auftreten, zumal US-Unternehmen auch wirtschaftliche Interessen bei uns verfolgen?

von BOCH Ein starkes Europa ist die einzige Antwort. Womöglich brauchen wir wieder ein verkleinertes Europa, das enger zusammenarbeitet und in dem Deutschland, Frankreich sowie Italien eine maßgebliche Rolle übernehmen.

Sie selbst haben früh die Bekanntschaft mit jemandem gemacht, der radikal war und am Ende sogar Terrorist: Andreas Baader.

von BOCH Wir haben zwei Jahre in München ein Zimmer geteilt. Da war ich aber erst 15.

Wie war Baader damals?

von BOCH Er war wie wir alle mit 15, 16 Jahren so etwas wie ein Revoluzzer. Wir empfanden die Welt als ungerecht. Baader war sehr belesen, konnte alle Philosophen rauf und runter zitieren. Ich dagegen kam aus einem Jesuiten-Internat und war geprägt von der Lehre von Thomas von Aquin und seinen Gottesbeweisen. Wir haben ständig diskutiert, oft nächtelang. Er war sehr charismatisch, Atheist, Anarchist, besessen, missionarisch unterwegs und rhetorisch sehr stark. Er ging ständig in Opposition zu unseren Erziehern. Das hat mich fasziniert. Ich habe damals seine Brillanz bewundert.

War schon was zu spüren von seiner späteren Radikalisierung, die ihn dann zum Terroristen werden ließ?

von BOCH Nein. Davon war noch nichts zu spüren. Mein Vater, der ihm auch einmal begegnet ist, hat mich allerdings vor ihm gewarnt. Er sagte: Irgendwas an dem gefällt mir nicht.

Hatten Sie später Befürchtungen, Opfer einer Entführung werden zu können oder, dass er eines Tages vor Ihrer Türe stehen könnte?

von BOCH Nein, gar nicht. Ich stand auch viel zu wenig im Fokus und ich halte es für ausgeschlossen, dass er sich angesichts seiner schlimmen Entwicklung bei mir gemeldet hätte.

In der Demokratie ist Streit um die besten Argumente zwingend. Warum gibt es heute in Politik und Wirtschaft so wenige Persönlichkeiten, die für klare Positionen stehen und für Überzeugungen kämpfen?

von BOCH Es fehlt der Mut. Viele schielen nur auf einen kurzfristigen Erfolg. Ein Politiker will nach vier Jahren wiedergewählt werden. Er wird einen Teufel tun, Dinge zu entscheiden, von denen später andere profitieren. Das gilt auch für viele Manager mit Fünf-Jahresverträgen, die Entscheidungen nur dann treffen, wenn diese einen kurzfristigen Effekt versprechen, nicht aber dem langfristigen Bestand des Unternehmens dienen. Als familiengeprägte Aktiengesellschaft ist unser Management an Nachhaltigkeit orientiert. Mein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender ist jetzt zehn Jahre im Amt und hat einen Vertrag über weitere fünf Jahre.

Was meinen Sie damit?

von BOCH 90 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind mittelständische, am langfristigen Erhalt orientierte Familienbetriebe, die anders funktionieren als große Aktiengesellschaften. Das unterscheidet Deutschland von fast allen anderen Volkswirtschaften und gilt als Erfolgsmodell. Durch die enge Bindung der Familienbetriebe an die Region und die Mitarbeiter herrscht dort nicht eine „hire und fire“-Mentalität. Der starke Mittelstand und die langfristig orientierten Familienbetriebe gelten als Grund dafür, warum Deutschland schneller als jedes andere Land die Finanzkrise 2008/2009 bewältigt hat.

Wird das in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

von BOCH Viel zu wenig. Mich ärgert besonders, wie einseitig bestimmte politische Kreise die Erbschaftssteuer diskutieren. Sie eröffnen eine Neiddebatte, entwerfen ein Feindbild vom Unternehmer und schimpfen pauschal auf die Reichen. So etwas machen Politiker, die in erster Linie an die nächsten Wahlen denken, aber nicht nachhaltig.

Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?

von BOCH Seit über 200 Jahren sind meine Vorfahren daran interessiert, dass der Betrieb weitergeführt wird und Menschen Beschäftigung finden. Ich selbst verfüge weder über ein riesiges Bankkonto noch über eine Yacht, und ich verspiele auch kein Geld in Monte Carlo. Mein Vermögen ist gebunden. Jeder Cent, jeder Pfennig, den ich in meinem Leben verdient habe, habe ich wieder investiert, etwa in den Linslerhof, auf dem ich aufgewachsen bin. Der war früher eine Ruine. Unsere Familien haben über Generationen in Produktionsstandorte investiert und damit tausende von Arbeitsplätze geschaffen.

Was erwächst für Sie aus dem Namen Villeroy & Boch?

von BOCH Ich versuche das Familieneigentum zu erhalten und sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. Würde ich zum Beispiel den Linslerhof verkaufen und mit Aktien spekulieren, wäre ich womöglich ein steinreicher Mensch. Aber was würde das für die Region und den Tourismus an der Saar bedeuten, wenn sich niemand mehr um den Linslerhof kümmert? Das Gleiche gilt für unsere industriellen Engagements. Ich behaupte, so lange wir diese Werte hoch halten, tun wir etwas Positives für die Gesellschaft. Ich hoffe, dass auch die nächste Generation dieses Erbe und diese Werte weiter pflegt.

Womit haben Sie V & B geprägt?

von BOCH Die größte Herausforderung war sicher die Globalisierung Ende der 90er Jahre und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Wir haben den Exportanteil von 50 auf 70 Prozent gesteigert und damit unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis gestellt. Mein Herz aber hat von Anfang an für die Tischkultur geschlagen. Ende der 60er startete das mit einem Umsatz von 21 Millionen D-Mark in den heimischen Werken. Heute sind wir mit unserer Marke Weltmarktführer in Geschirr und setzen rund 300 Millionen Euro um. Ich denke, ich hatte ein gutes Bauchgefühl für die Bedürfnisse des Verbrauchers und der Märkte. Wir haben sich verändernde Trends frühzeitig erkannt und in verkäufliche Designs umgesetzt. Viele Führungskräfte in der Gebrauchsgüterindustrie analysieren zu viel und verlassen sich ausschließlich auf Finanzdaten.

 

Mit welcher Folge?

von BOCH Es fallen zu häufig die falschen Entscheidungen, weil die kreativen Kräfte in Unternehmen, die wissen, was der Markt braucht, oft in der zweiten und dritten Reihe angesiedelt sind. Bis die sich nach oben gekämpft haben, ist ein mögliches Konzept verwässert. In der Gebrauchsgüterindustrie kommt es darauf an, dass die Produkte sowohl Lieschen Müller als auch Frau Dr. Liselotte Müller gefallen. Das ist immer wieder die Herausforderung bis heute.

Was geben Sie dem Unternehmen mit auf den Weg?

von BOCH Wir sollten unsere Unabhängigkeit bewahren. Das ist im Zeitalter der weltweiten Globalisierung schwierig. Unser Kerngeschäft in dem wir das größte Wachstum erwarten ist der Bereich Bad und Wellness. Dort hat sich in den letzten Jahren die Welt stark verändert. Es ist zu Zusammenschlüssen gekommen von internationalen Wettbewerbern der Sanitärindustrie. Damit erreichen diese ein Vielfaches unserer Größe. Wir mussten uns die Frage stellen, ob wir im Handel und in den globalen Märkten noch ein ausreichend großes Gewicht haben, um selbstständig überleben zu können. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass das sehr wohl möglich ist.

Wie reagiert V & B?

von BOCH Wir müssen unsere Trendsetter-Position halten, das heißt, vorne sein nicht nur bei der Qualität, sondern auch im Design, in der Technologie, im Nutzen für den Verbraucher und im Komplettangebot Bad für mittlere und gehobene Ansprüche. Wir verstehen uns als Repräsentant eines „european lifestyle“ der überall in der Welt eine große Begehrlichkeit auslöst, und wir denken wir verfügen über die beste und traditionsreichste Marke weltweit. Ich glaube, es gibt keine bessere Überlebensstrategie.

Zum Abschluss: Welches ist Ihr Lieblingsort?

von BOCH Zu den spannendsten Orten gehört für mich New York. Ich liebe die Met und den Broadway. New York ist eine ungeheuer dynamische Stadt. Meine Frau könnte da leben. Ich bin aber eher ein Landmensch. Und komme deshalb auch immer wieder gerne zurück nach Hause ins Saarland.

 

Das Gespräch führten Thomas Sponticcia und Oliver Schwambach.







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