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Ein Saarländer auf der Suche nach deutschen Kämpfern in Syrien



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Im Krieg der anderen
Ein Saarländer auf der Suche nach deutschen Kämpfern in Syrien

27. Februar 2016, 02:00 Uhr
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Eine Stadt aus Schutt und Asche: Reporter Sebastian Weis in Kobane. Dort haben die Kurden den IS nach harten Gefechten vertrieben. Foto: Vice Foto: Vice
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Der Saarbrücker „Cihan Kendal“ kämpft mit den Kurden in Syrien gegen den IS.
Deutsche, die in Syrien für den IS kämpfen, sind auch hierzulande bekannt. Dass auch auf Seiten der Kurden Menschen aus der Bundesrepublik stehen, hingegen kaum. Der Saarländer und „Vice“-Journalist Sebastian Weis wollte wissen, warum sie ihr Leben im Krieg riskieren.


 

Die Nacht an der syrischen Front nahe al-Hasaka ist kalt. Gerade hier oben auf dem Dach eines Hauses mitten in der Wüste der Region Rojava. Sebastian Weis zieht sich seine Jacke dicht unters Kinn, raucht eine Zigarette. Der hagere Mann mit Hornbrille kann nicht mehr schlafen. Genau wie viele der 20 Kämpfer der kurdischen Befreiungsarmee (YPG), die sich unten auf dem kahlen Zimmerboden erschöpft hin- und herwälzen. Immer wieder schreckt einer von ihnen auf, schreit. Die vergangenen beiden Tage verfolgen die Rebellen in diesen Stunden. Sie haben ununterbrochen gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) gekämpft. Auch jetzt sind sie nicht weit weg von ihnen. Auf den kurvigen Straßen des wenige Kilometer entfernten Gebirges blitzen in der Dunkelheit immer wieder Scheinwerfer von Jeeps auf: Islamisten auf Patrouille.

„In dieser Dezember-Nacht griffen sie die Kurden nicht an“, sagt Weis – nüchtern, abgeklärt, als wir mit ihm nach seiner Rückkehr in Deutschland sprechen. Dabei ist der 35-Jährige kein Kämpfer. Weis ist Journalist aus Saarbrücken, der heute als Reporter für das rennomierte US- Magazin „Vice“ in Berlin arbeitet. Und unter anderem Videos aus Kriegsgebieten dreht. „Nur so bekommt man unverfälschte Informatio- nen aus diesen Regionen“, erklärt er einen der Gründe, warum er diesen Weg nach dem Literaturwissenschafts-Studium an der Universität des Saarlandes eingeschlagen hat. „Rojava ist besonders hart umkämpft, denn eine der Hauptverkehrsrouten der Region verbindet die IS-Hauptstädte Rakka (Syrien) und Mossul (Irak).“ Monate zuvor war Weis in Mali, besuchte Bundeswehrsoldaten im vom islamistischen Terror destabilisierten Staat und das zerstörte Timbuktu.

Dieses Mal berichtete Weis aus Rojava, einer selbstverwalteten Kurdenregion im Norden Syriens. Dort suchte er die „Deutschen“. Freiwillige aus der Bundesrepublik, die ins Bürgerkriegsland ausgereist sind, um an der Seite der Kurden gegen die Radikalen zu kämpfen. „Ich wollte wissen, wa- rum sie ihr Leben aufs Spiel setzen, in einem Krieg, mit dem sie nicht wirklich etwas zu tun haben.“ Anders als bei den IS-Milizen, bei denen laut Bundesinnenministerium über 700 Kämpfer in Syrien und Irak aus Deutschland kommen, kämpfen auf Seiten der YPG nur wenige – „Namenlose“.

Immer an seiner Seite ist in diesen Tagen ein junger Kurde. Ihm muss der sonst „eher zurückhaltende“ Journalist nun sein Leben anvertrauen. „Mustafa“ heißt er, „einfach nur Mustafa“. Den vollen Namen will Weis nicht nennen. Denn Mustafa fürchtet sich vor Racheakten des IS – an ihm und seiner Familie. „Viele in Syrien hatten Angst, dass die Islamisten ihre Verwandten auch in den Flüchtlingscamps in Jordanien, der Türkei oder auch in Deutschland töten werden“, so Weis. Der 24-jährige Mustafa ist ein „Fixer“. „So heißen die Leute, die dir Kontakte in Krisengebiete herstellen, die Kommandanten der Kampfbrigaden überzeugen, dir die überlebenswichtigen Papiere zur Durchreise auszustellen“ – um zu den Deutschen zu gelangen. Einer von ihnen war Rustem Cudi, wie sich der kleine, leicht ergraute Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht in Syrien nannte. Wie alle ausländischen Kämpfer bekam der 55-Jährige aus dem Schwabenland von den Kurden einen Kampfnamen. „Cudi war früher ein Zeitsoldat der Bundeswehr, zehn weitere Jahre kämpfte er in der Fremdenlegion“, habe er dem „Vice“-Reporter gesagt. Für die Vision, mit den Kurden für ihren eigenen Staat zu kämpfen, habe Cudi alles zurückgelassen: „Auch seinen Sohn“. Ohne ein Wort zu sagen, sei er heimlich nach Syrien aufgebrochen. Fast neun Monate kämpfte er in Syrien. Doch: „Vor wenigen Tagen meldeten die Kurden seinen Tod“, sagt Weis.

Zum Symbol des Widerstands gegen den IS ist Kobane geworden. Die Kurden haben die Metropole 2015 nach blutigen Gefechten mit tausenden Toten vom IS befreit. „Durch Kobane zu laufen war bedrückend. Zwei-Drittel der Stadt sind nur noch Schutt und Asche.“ Auch der Wiederaufbau kommt kaum voran. Das habe ihm ein weiterer Deutscher gesagt. „Brigadier Wolfgang“. Ein Mittvierziger aus der linksautonomen Szene in Deutschland. „Er baut gerade ein Krankenhaus in Kobane auf. Doch Beton ist rar. Nicht zuletzt, weil die Türkei alle Hilfslieferungen, die den Kurden ermöglichen würden, ihre Stadt aufzubauen, blockiert“, sagt Weis. Zudem seien Selbstmordattentate eine alltägliche Gefahr. Nicht nur in Kobane. „Die IS-Kämpfer schleichen sich im Getümmel an, stehen plötzlich neben dir und sprengen sich in die Luft. Und da kannst du nichts dagegen machen.“ Nach diesem Muster gab es zwei größere Anschläge mit Dutzenden Toten in Rojava allein in den zehn Tagen, in denen Weis in Syrien war.

In al-Hawl bekam Weis Einblicke ins Innere des Terrorregimes. „Mitten auf dem Marktplatz stand ein Galgen. Dort hat der IS noch wenige Tage zuvor täglich Menschen verstümmelt oder hingerichtet.“ In der übrigen Zeit liefen auf Flachbildfernsehern, die um ein rosafarbenes Häuschen hingen, Videos „mit fürchterlichen Folterszenen – in Dauerschleife. Jeder sollte sehen, was der IS mit Verrätern macht“, habe ihm ein YPG- General erklärt. Weis reist in zehn Tagen bis an den äußersten Winkel des Kurden-Gebiets. Genauer: ein riesiges Weizensilo, 50 Kilometer vor Rakka. „Das alte Gebäude verteidigt eine Einheit von zehn, vielleicht zwölf Kämpfern gegen den IS.“ Das Kommando über die Einheit habe ein junger Saarländer. „Cihan Kendal – ein 25-Jähriger aus Saarbrücken. Er spricht fließend kurdisch.“ Kendal, ein drahtiger, hellhäutiger Mann, war lange im Saarland und in Hamburg in der „Antifa“ und der linksautonomen Szene unterwegs, bis er sich vor ein paar Jahren entschloss, nach „Kurdistan“ zu gehen. Bei einem Rundgang durch das Silo, sprechen sie auch über das Töten von Menschen im Krieg. „Eine Notwendigkeit“, sagte Kendal. Und: Das es nichts „Schönes ist – Menschen töten. So darfst du es aber nicht sehen. Der Typ will dich doch umbringen.“ Auch Kendal ist in Syrien, um für einen unabhängigen Kurden-Staat zu kämpfen. Doch solange der Westen die Türkei unterstütze, sei das „unvorstellbar“, meint Weis. Am Ende stand für Weis fest: Die Ausländer, die er in Syrien getroffen hat, kämpfen nicht aus „Abenteuerlust“ in Syrien – oder allein für die Revolution der Kurden. Sie bekämpfen in erster Linie den Islamischen Staat. Nicht nur für sich. Und damit kämpfen sie irgendwie alle „im Krieg der an- deren“, so Weis.

Die Reportage von Sebastian Weis finden Sie im Netz auf www.vice.com/de unter dem Stichwort „Sebastian Weis“.



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