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dm-Gründer Werner will Gesellschaft mit neuem Grundeinkommen umkrempeln





„Der Traum von Gleichheit“
dm-Gründer Werner will Gesellschaft mit neuem Grundeinkommen umkrempeln

28. Juli 2014, 00:00 Uhr
Wie sinnvoll ist eigentlich ein Grundeinkommen? Und wäre es überhaupt in Deutschland realisierbar? SZ-Redakteurin Iris Neu sprach darüber mit Götz Werner. Der Gründer der Drogeriemarktkette dm setzt sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein.
Herr Werner, Sie sind ein großer Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Können Sie erklären warum?

Werner: Unsere Gesellschaft muss die Verkopplung von Arbeit und Einkommen überdenken. Wir erliegen dem großen Irrtum, dass Einkommen die Bezahlung für Arbeit ist. Es ist aber anders herum: Einkommen ist die Ermöglichung von Arbeit. Der Mensch braucht ein Einkommen, um leben zu können. Erst wenn er leben kann, kann er auch arbeiten.

Würde ein Grundeinkommen nicht die Bequemlichkeit vieler Menschen fördern?

Werner: Im Gegensatz zum Tier hat der Mensch den Drang, über sich hinauszuwachsen. Ein Ausspruch von Friedrich Schiller ist sozusagen der Gen-Code für das Grundeinkommen: „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muss warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessre Natur in ihm regen soll.“ Unser gesellschaftliches Problem ist, dass wir meinen, Druck aufbauen zu müssen, wenn wir etwas erreichen wollen. Nein, wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir einen Sog aufbauen. Wir müssen dem Menschen eine Teilhabe gewähren, damit er teilnehmen kann. Dann tut er die Dinge nicht mehr, weil er soll, sondern weil er will.

Würden die Menschen auch noch in Ihren dm-Märkten arbeiten wollen, wenn es ein Grundeinkommen gäbe?

Werner (lacht): Ich höre oft, wenn es ein Grundeinkommen gäbe, dann würden die Kassiererinnen im dm-Markt nicht mehr kassieren. Dann sage ich: Gott sei Dank, dann wüssten wir endlich mal, wer bei uns nur arbeitet, weil er muss, und nicht, weil er will.

Wie hoch müsste denn Ihrer Meinung nach das Grundeinkommen sein?

Werner: Es müsste so hoch sein, dass der Einzelne damit bescheiden, aber menschenwürdig leben kann im Sinne von Artikel 1 unserer Verfassung: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das wären konkret in Euro?

Werner: Etwa 1000 Euro, würde ich sagen.

Ist Geld für Arbeit nicht für viele auch ein enormer Motivationsfaktor?

Werner: Höchstens kurzfristig. Über das Gehalt freut man sich vielleicht ein, zwei Monate lang, aber daraus entstehen keine nachhaltigen Motivationen.

Aber es gibt doch auch Menschen, die über mehr als 1000 Euro verfügen wollen und dafür auch mehr zu leisten bereit sind.

Werner: Natürlich. 1000 Euro sind nur die Grundsicherung. Wer mehr will, muss etwas dafür tun. Das werden auch viele tun, weil der Mensch über sich hinauswachsen will. Er ist nie zufrieden mit den herrschenden Umständen.

Fragt sich nur, wie das Grundeinkommen finanziert werden soll.

Werner: Dass das als Problem gesehen wird, liegt an unserer falschen Wahrnehmung. Wir sind geblendet von der Vorstellung, dass wir vom Geld leben. Was ein großer Irrtum ist: Wir leben von Gütern und Dienstleistungen. Die Frage ist, ob wir genügend Güter hervorbringen können. Und das ist der Fall. Es ist eine Willensfrage.

Und warum, denken Sie, fehlt der Wille?

Werner: Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir glauben, wir müssten uns durch Einkommensentzug wechselseitig bedrohen. Und deswegen wollen wir es nicht denken. Mit dem Grundeinkommen würden wir die Freiheit generieren, sich niemandem unterwerfen zu müssen, wir würden Gleichheit generieren, also gleiche Augenhöhe, und Geschwisterlichkeit praktizieren.

Das wäre ja eine ideale Gesellschaft. . .

Werner: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, das ist doch der Traum, den wir seit mehr als 200 Jahren träumen. Der aber bis heute noch nicht verwirklicht ist.



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