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Günter Georgi aus Niedersalbach blickt zurück: Er floh schon vor dem Mauerbau, am 9. November 1958, aus der DDR





Hundert Tage Knast für eine Prise Humor
Günter Georgi aus Niedersalbach blickt zurück: Er floh schon vor dem Mauerbau, am 9. November 1958, aus der DDR

08. November 2014, 00:00 Uhr
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Einer, der den Fall der Mauer mit besonderen Emotionen verfolgte: Günter Georgi aus Niedersalbach. Foto: Iris Maurer Foto: Iris Maurer


 
Ein schweres schwarzes Motorrad. Daneben ein ganzer Kerl in dunkler Ledermontur. Den Kopf leicht in den Nacken gelegt, führt er eine große Flasche zum Mund. Die Flüssigkeit darin ist weiß – Milch. Anderes Bild: Über einer geschlossenen Haustür prangt der Schriftzug „Finanzamt“. Ein Mann geht daran vorbei – lässig eine Axt über der Schulter schwingend. Und noch ein weiteres: Eine Frau steht, herzhaft in ein dick belegtes Brötchen beißend, unter einem blauen Straßenschild. Es trägt die Aufschrift „Futterstraße“.

Einen gewissen Sinn für Humor muss man schon haben, um auf Motive wie diese aufmerksam zu werden, sie gar mit der Kamera einfangen zu können. Aufgenommen hat die Fotos ein Amateur: der Niedersalbacher Günter Georgi. Unzählig die Preise und Auszeichnungen, die er mit seinen Bildern gewonnen hat. Auch mit jenen Fotos, die er auf seinen Reisen in insgesamt 92 Länder der Welt gemacht hat. 225 Ausstellungen, eine davon sogar in Peking, brachten ihm Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde ein.

Humor, sagt man, kann Leben retten. Georgi hat seine eigenen Erfahrungen damit gemacht. Sein Humor brachte ihn einst hinter Gitter. Und, wenn man so will, letztlich auch ins Saarland.

Georgi hat viel zu erzählen und tut dies in atemberaubendem Tempo. Er steht unter Strom, auch mit seinen 86 Jahren noch. Daheim in seinem großen braunen Ledersessel sitzend, wippt er vor und zurück, die Hände immer in Bewegung, die Finger zu seinen Worten tanzend. Vor seinem inneren Auge breitet sich Vergangenheit aus – wieder einmal. Auf dem Tisch neben ihm liegt seine Stasi-Akte: 356 Seiten lang.

Georgi, Sohn eines Senftenberger Kolonialwaren-Händlers, ist mitten in der Lehre zum Sparkassenkaufmann, als er im Januar 1945 noch zum Arbeitsdienst eingezogen wird. Nach seiner Entlassung am Ende des Krieges wird er auf dem Weg zurück nach Senftenberg von einem Rotarmisten in Finsterwalde festgenommen. Dieser lässt den damals 16-Jährigen in Soldatenuniform mit den Worten „Du gehen zu Mama!“ laufen. „Der hat wahrscheinlich mein Leben gerettet“, sagt Georgi. Er macht seine Sparkassen-Lehre zu Ende, erkrankt an Tuberkulose. Arbeitet später im öffentlichen Gesundheitswesen beim Rat des Kreises in Senftenberg. Daneben ist er freiberuflich als Lokal- und Sportreporter tätig.

Nach dem Krieg gilt es, die „faschistischen Gräueltaten von Nazi-Deutschland aufzuarbeiten, ein freies, demokratisches Staatswesen aufzubauen“, wie Georgi sagt. Die jungen Leute sind zudem hungrig nach Leben. „Wir wollten uns amüsieren.“ Die FDJ (Freie Deutsche Jugend) scheint Georgi dafür Perspektiven zu bieten. „Das war etwas ganz anderes als die stramme Hitler-Jugend. Man traf sich zum geselligen Beisammensein, zum Tanz, zur Unterhaltung“, erinnert sich der 86-Jährige, „und es ging am Anfang auch alles sehr demokratisch zu.“ Georgi, seit 1949 verheiratet und Vater zweier Söhne, beginnt nebenher als Conférencier und als Humorist zu arbeiten. „Ich war immer ein lustiger Typ, schon in der Schule.“

Es war nach der Moderation einer Weihnachtsfeier im Dezember 1957 im Senftenberger Gesellschaftshaus, als Georgi in privater Runde gebeten wird, noch etwas Lustiges zum Besten zu geben. Als leidenschaftlicher Imitator gibt er den Goebbels, und gleich darauf den Mussolini. Auf die Frage, ob er auch (den damaligen Staatsratsvorsitzenden) Walter Ulbricht nachmachen könne, sagt er: „Ja, aber das würde mich zwei Jahre kosten.“ Und lehnt ab. „Daraus“, erklärt Georgi, „hat man geschlussfolgert, ich hätte den Staatsratsvorsitzenden in Wirklichkeit nur zu gerne imitiert und der Lächerlichkeit preisgegeben.“ Jemand erstattet Anzeige mit dem Vorwurf, „ich hätte den Faschismus verherrlicht“. Eine Serie von Strafmaßnahmen folgt: Unter anderem wird er aus dem DDR-Schriftstellerverband und als Gesundheitsfürsorger beim Rat des Kreises entlassen. Um seine Familie zu ernähren, arbeitet Georgi zunächst als Hilfsarbeiter am Bau. Schließlich bietet ihm sein Vater, damals Möbel-Lagerleiter beim Konsum in Georgis Geburtsstadt Annahütte, einen leichteren Job als Lagerarbeiter an.

Der Repressalien nicht genug erhält Georgi am 30. Juli 1958 plötzlich einen Haftbefehl wegen „staatsgefährdender Propaganda und Hetze“ und landet in einer Zelle der U-Haftanstalt Senftenberg. Dort, so sagt er, habe er sich geschworen: „Wenn du hier rauskommst, geht's ab in den Westen.“ Nach hundert Tagen wird er entlassen – und vom Gericht freigesprochen. Der Belastungszeuge, so informiert man ihn, habe vor der Hauptverhandlung die DDR in Richtung Westen verlassen. Seine Arbeitsstelle beim Rat des Kreises darf Georgi jedoch nicht wieder aufnehmen. „Für den Staatsanwalt hat es nicht gereicht“, heißt es dort, „aber für uns ist er untragbar.“ Der Kernsatz seiner Entlassungspapiere lautet: „Er hat sich durch sein Verhalten auf die Seite derjenigen gestellt, die heute im Westen einen neuen Krieg vorbereiten und in der DDR eine so genannte Aufweich-Taktik betreiben.“ Georgi zitiert diesen Satz heute noch im Schlaf.

Wieder in Freiheit und ohne Job packt der damals 30-Jährige zusammen mit seiner Frau Hildegard und den beiden sechs und zehn Jahre alten Söhnen ein Bündel mit Waschzeug – „Koffer wären ja aufgefallen“ – und flieht am 9. November 1958 nach West-Berlin. Bei der Ländereinweisung im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde äußert die Familie den Wunsch, ins Ruhrgebiet zu kommen. „Wir dachten, da rauchen die Schlote, da gibt's Arbeit und Brot“, schildert Georgi. Man warnt die Familie jedoch vor einer längeren Wartezeit im Aufnahmelager und schlägt stattdessen das Saarland vor. „Das Saarland war für uns so weit weg“, erinnert sich Georgi. „Aber wir sagten zu. Und wir haben es ja nicht schlecht getroffen.“

Georgi arbeitete in Saarbrücken bei der Kreissparkasse und bei der Dresdner Bank. Nebenher berichtete er als Mitarbeiter für die Saarbrücker Zeitung und den Saarländischen Rundfunk vor allem über Sportereignisse, er fotografierte, schrieb, brachte Bildbände heraus. Ob Hausbau oder Weltreisen: Die fleißigen Georgis konnten sich was leisten. „Wir haben richtig was gemacht“, sagt Georgi stolz. „Mit Unternehmensgeist und Mut.“

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