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Verhandlungen von ARD und ZDF mit Eurosport-Mutterkonzern gescheitert – Aus trifft auch den Saarländischen Rundfunk





Berlin/Saarbrücken
Das Ende von Olympia, wie wir es kennen
Verhandlungen von ARD und ZDF mit Eurosport-Mutterkonzern gescheitert – Aus trifft auch den Saarländischen Rundfunk

Cai-Simon Preuten (sid),Thomas Schäfer (SZ),  29. November 2016, 02:00 Uhr
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Tempi passati: So sah der gemeinsame Regieraum von ARD und ZDF während der Spiele 2008 in Peking aus. Foto: dpa/Breloer Foto: dpa/Breloer
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Das waren noch Zeiten: SR-Legende Werner Zimmer 1988 während der Olympischen Spiele im südkoreanischen Seoul. Screenshot: SZ

Am Ende lag es wie so oft am Geld. Seit gestern steht fest: ARD und ZDF sind raus. Eurosport ist der neue deutsche Olympia-Sender. Es ist eine kleine Fernseh-Revolution, die auch dem SR nicht gefallen kann.

Wer in den vergangenen Jahrzehnten gebannt vor dem Fernseher saß und sich von den Leistungen deutscher Sportler bei Olympia fesseln ließ, kennt sie alle. Das „Flieg, Albatros, flieg!!!“ des ARD-Reporters Jörg Wontorra 1984 in Los Angeles an die Adresse des Ausnahmeschwimmers Michael Groß. Den legendären Gold-Lauf von Dieter Baumann 1992 in Barcelona, den Gerd Rubenbauer mit „sensationell, das war ein Hitchcock“ kommentierte. Oder die Frage aller Fragen, die Bruno Moravetz im Jahr 1980 während der Winterspiele in Lake Placid den zwölf Millionen ZDF-Zuschauern immer und immer wieder stellte: „Wo ist Behle?“

All diese Sätze und noch viele, viele mehr zählen zum kollektiven Gedächtnis der deutschen Sportnation. Doch alle Fans von Olympia müssen ihre Fernsehgewohnheiten umstellen: Sie sitzen bei ARD und ZDF künftig nicht mehr in ersten Reihe, im Gegenteil. Trotz Verhandlungen „bis an die Schmerzgrenze“ werden die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 nicht live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein. ARD und ZDF haben in den Verhandlungen mit dem Rechteinhaber Discovery keine Einigung über eine Sublizenz erzielen können – und bleiben erstmals in ihrer Geschichte bei Sommer- und Winterspielen außen vor.

Beide Sender nahmen die Entscheidung des US-Medienunternehmens, die Großereignisse im Alleingang bei Eurosport zu übertragen, mit „großem Bedauern“ auf. „Wir müssen erkennen, dass die Forderungen von Discovery bei Weitem über dem liegen, was von uns verantwortet werden kann. Wir sind zu wirtschaftlichem Umgang mit Beitragsgeldern verpflichtet“, sagte Ulrich Wilhelm, Sportrechte-Intendant der ARD. Eine Hintertür gibt es noch, wie ZDF-Intendant Thomas Bellut meinte: „Sollte Discovery seine Entscheidung nochmals überdenken und auf unser Angebot zurückkommen wollen, sind wir jederzeit bereit, die Gespräche fortzusetzen.“

Danach sieht es allerdings nicht aus, zumal Susanne Aigner-Drews, Deutschland-Chefin von Discovery, ARD und ZDF nur zurückhaltendes Interesse bescheinigte. „Wir haben uns daraufhin entschlossen, die Spiele auf unseren eigenen Sendern und Plattformen auszuwerten“, sagte sie. Discovery hatte die Rechte für den europäischen Markt vom Internationalen Olympischen Komitee im Vorjahr für 1,3 Milliarden Euro erworben.

Neben den frei empfangbaren Kanälen Eurosport und DMAX plant Discovery für die olympischen Übertragungen auch den Pay-TV-Sender Eurosport 2 und das digitale Angebot Eurosport-Player ein. „Eurosport garantiert eine umfassende Verbreitung der Olympischen Spiele in Deutschland und übertrifft damit die Anforderungen des IOC sowie die rechtlichen Vorgaben“, hieß es. Nach IOC-Angaben müssen von Winterspielen 100, von Sommerspielen 200 Stunden im Free-TV übertragen werden.

Die Zuschauer sollten sich keine Sorgen machen, dass Eurosport während der Spiele die deutsche Perspektive aus den Augen verliere. „Wir gehen einen großen Schritt: Eurosport soll nicht mehr nur als ein paneuropäischer Sender gesehen werden, sondern als das, was er auch ist: ein lokalisierter, deutscher Sender mit deutschen Gesichtern, deutschen Produktionen und deutschen Geschichten“, sagte Eurosport-Geschäftsführer Peter Hutton.

Auch der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, ist sicher, dass Eurosport „die gewohnte Professionalität, Reichweite und Sendezeit“ gewährleisten kann.

Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, bezweifelt jedoch, dass sich Eurosport einen ähnlichen „Luxus“ wie die ARD mit der Dopingredaktion „leisten kann und möchte“. Einen Nachteil für den deutschen Zuschauer könne sie zumindest nicht ausschließen. „ARD und ZDF hatten eigene Teams, um sich während der Spiele um die deutschen Athleten zu kümmern. Bei Eurosport wage ich, ein Fragezeichen zu setzen“, sagte sie.

Zu den Teams der ARD zählten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auch bekannte Gesichter des Saarländischen Rundfunks (SR), beispielsweise der im Vorjahr verstorbene legendäre Moderator Werner Zimmer. Bei den Olympischen Spielen in diesem Jahr in Rio hatte der SR fünf Mitarbeiter im Einsatz, teilweise hinter den Kulissen, aber auch als Live-Reporter wie Tischtennis-Experte Roman Bonnaire. Auch Thomas Braml war in Rio sowohl bei Olympia als auch bei den Paralympics gefragt. Bei den Wettbewerben der Sportler mit Behinderung kommentierte Braml sogar die Abschlussfeier. Es könnte für lange Zeit der letzte Beitrag von ARD und ZDF am größten Sportereignis der Welt gewesen sein. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziert sich hauptsächlich über den Rundfunkbeitrag, der 17,50 Euro pro Wohnung beträgt. Im vergangenen Jahr lagen die erzielten Einnahmen bei 8,1 Milliarden Euro. Die Höhe des Rundfunkbeitrags wird von der unabhängigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) vorgeschlagen und von den Länderparlamenten per Gesetz festgelegt. Der Rundfunkbeitrag, der seit 2013 fällig ist, hat die Rundfunkgebühr abgelöst. Sie hatte sich nach der Zahl und Art der Geräte gerichtet. Hintergrund der Reform war die technische Entwicklung hin zu Computern und Smartphones.

Von den 8,1 Milliarden ging im Vorjahr der Löwenanteil mit 5,9 Milliarden an die ARD, zwei Milliarden bekam das ZDF und 218 Millionen das Deutschlandradio. Innerhalb der ARD steht der WDR mit 1,2 Milliarden an der Spitze. Die kleinsten Anteile erhielten der SR (70,4 Millionen Euro) und Radio Bremen mit 46 Millionen Euro.

Zum Thema:

Hintergrund Eurosport gehört zum US-Medienkonzern Discovery Communications. Deutschland ist nur einer von zahlreichen europäischen Märkten des Sportkanals. Er ist hierzulande ebenso frei zu empfangen wie der Kanal DMAX, auf dem auch Olympia-Bilder gezeigt werden sollen. Der verschlüsselte Sender Eurosport 2 kann nur mit einem Decoder genutzt und muss ebenso bezahlt werden wie die Online-Plattform Eurosport Player. Es ist zu erwarten, dass einige attraktive Olympia-Wettbewerbe nur hinter einer Bezahlschranke zu sehen sein werden. Der Eurosport Player kostet momentan 5,99 Euro pro Monat oder 59,99 Euro im Jahres-Abo. Neben den Live-Rechten für Olympia von 2018 bis 2024 hatte Discovery zuletzt auch die Rechte für die Freitag-Spiele der Fußball-Bundesliga von der Saison 2017/2018 an erworben. dpa



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