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Bund und Länder wollen leistungsstarke Schüler fördern – und ernten Kritik





Rückenwind für die Überflieger
Bund und Länder wollen leistungsstarke Schüler fördern – und ernten Kritik

Werner Herpell (dpa),Iris Neu-Michalik (SZ),  29. November 2016, 02:00 Uhr
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Viel Grips im Kopf? Etwa jeder 50. Schüler ist hochbegabt. Der Förderungsschwerpunkt lag bisher eher bei den Leistungsschwachen. Künftig sollen auch leistungsstarke Schüler profitieren. Foto: Fotolia Foto: Fotolia
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Nicole Colling

Nicole Colling aus Großrosseln ist Mutter zweier hochbegabter Kinder, Liv (11) und Len (7). Mit der Ansprechpartnerin der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind für den Regionalverband Rheinland-Pfalz/Saarland unterhielt sich SZ-Redakteurin Iris Neu-Michalik.

Frau Colling, tut das Saarland genug für hochbegabte Kinder?

Colling: Meine Kinder haben sehr profitiert von der Begabtenförderung der Beratungsstelle Dillingen. Dort besuchen Kinder einmal pro Woche einen Studientag, an dem spezielle Themen behandelt werden, die die Kinder selbst – per Abstimmung – auswählen dürfen. Dennoch, ein Tag in der Woche ist viel zu wenig. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass das öffentliche Bewusstsein für die Förderung hochbegabter Kinder noch zu gering ist – im Vergleich etwa zur Förderung leistungsschwacher Kinder.

Was unterscheidet hochbegabte Kinder von normalbegabten?

Colling: Hochbegabte Kinder sind kognitiv deutlich weiter, emotional aber altersentsprechend. Sie verstehen sehr schnell, bringen sich etwa das Lesen selbst bei. In der Regel brauchen sie keine mehrfachen Wiederholungen des Stoffes und sind daher häufig unterfordert, langweilen sich im Unterricht. Dadurch können körperliche und psychische Auffälligkeiten entstehen, auch Schul-Ängste bis hin zu Bauchschmerzen oder gar Depressionen. Hinzu kommt, dass sie durch ihre Interessen oft Probleme haben, im Klassenverband Anschluss zu finden.

Was müssen Eltern bei leistungsstarken Kindern beachten?

Colling: Sie sollten auf ihre Kinder hören, ihre Bedürfnisse ernst nehmen. Und auch nicht mehr geben, als die Kinder es wollen. Vor allem muss darauf geachtet werden, dass hochbegabte Kinder emotional nicht überfordert werden. Beispielsweise wenn sie – anders als ihre Altersgenossen – schon in der Grundschule in Zeitungen Berichte des Weltgeschehens lesen, die sie psychisch nicht verarbeiten können. Etwa über Kriege oder die globale Erwärmung. Da sind Eltern gefordert, sehr viel zu erklären und die Kinder nicht alleine zu lassen mit ihren Ängsten und Sorgen.

Meinung:

Schritt zu mehr Gerechtigkeit

Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Besonders begabte Kinder zu fördern, führt nicht selten dazu, dass sich dann Eltern anderer Schüler ärgern und beschweren. Oft geben sich die Talentierten auch nicht als solche zu erkennen, aus Angst, als „Streber“ abgestempelt zu werden. Deswegen ist es richtig, dass Bund und Länder endlich ein eigenes Förderprogramm auflegen, um Schulen die Möglichkeit zu geben, ihre Top-Schüler entsprechend zu unterstützen. Das stärkt die Chancengerechtigkeit. Denn bislang hat sich in der Bildungsdebatte alles um die Frage gedreht, wie man leistungsschwachen Schülern zum Bildungserfolg verhelfen kann. Das Bund-Länder-Programm ist daher hoffentlich ein Anstoß für einen Mentalitätswechsel hin zu mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit den Besten. Das Wort „Elite“ darf im Bildungsbereich kein Unwort mehr sein.

Zum Thema:

Am Rande Das Bundesbildungsministerium will mit 180 Millionen Euro in den kommenden zehn Jahren Alphabetisierungsprojekte fördern. Die individuelle Selbstverwirklichung hänge maßgeblich von den „Kulturtechniken Lesen und Schreiben“ ab, betonte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) gestern. Nach einer Studie der Uni Hamburg von 2011 gelten in Deutschland 2,3 Millionen Menschen als vollständige Analphabeten. kna



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