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Weinbauern heizen dem Frost ein





Saarbrücken/Radebeul/Obersulm
Weinbauern heizen dem Frost ein
Christiane Raatz,Jasmin Kohl,  21. April 2017, 02:00 Uhr
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Im Tiefflug über einen Weinberg in Obersulm (Baden-Württemberg): Die Helikopter verwirbeln kalte und warme Luftschichten. Foto: Schmidt/dpa Foto: Schmidt/dpa
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Ein Winzer verbrennt bei Meißen (Sachsen) Stroh – der Rauch soll die Weinreben schützen. Foto: Kahnert/dpa

Foto: Kahnert/dpa
Der frühe Austrieb und die kalten Temperaturen setzen den Winzern zu. Also greifen sie zu ungewöhnlichen Mitteln.

(dpa/SZ) Mit der Mistgabel stochert ein Helfer im brennenden Stroh, legt ein paar feuchte Halme nach, bis weißer Rauch den Weinberg hinunter zieht und die Reben einhüllt. Nebenan kontrolliert Teamleiter Roy Paul die kleinen Holzfeuer, die alle zwei bis drei Reihen lodern. „Viel Rauch, wenig Flammen, das ist das Beste“, sagt Paul. Es ist seine zweite Nacht im Weinberg im sächsischen Priestewitz – und mit minus zwei Grad bisher die kälteste.

Um die Knospen der Weinreben gegen den Spätfrost zu schützen, zünden Winzer des Sächsischen Staatsweinguts Schloss Wackerbarth in mehreren Nächten Feuer in den Weinbergen an. Der Rauch lässt die Temperatur über dem Boden um ein bis zwei Grad steigen. „Die können entscheidend sein, wenn die Knospe schon aufgegangen ist“, so Paul. Der Deutsche Weinbauverband bestätigt: Weil der März ungewöhnlich warm war, sind viele Knospen schon weit ausgetrieben. Auch der Obstbau – vielerorts mitten in der Blüte – ist stark von den Spätfrösten betroffen. Erwischt die Knospen der Spätfrost, drohen erhebliche Ernteausfälle – bis hin zum Totalverlust.

Im Kampf gegen die Minusgrade zünden Paul und seine vier Kollegen abends um elf die Feuer an. Bis morgens um sieben halten sie diese am Lodern. „Wir müssen die ganze Nacht die Feuer bedienen, kontrollieren und auflegen, da wird man nicht müde“. Auch in der Nacht zum Freitag will Wackerbarth insgesamt rund 200 Weinbergsfeuer auf einer Fläche von rund 19 Hektar anzünden.

Auch Winzer in anderen Bundesländern greifen zu ungewöhnlichen Mitteln: So werden etwa in Baden-Württemberg Hubschrauber zum Schutz junger Reben vor Frost eingesetzt. Sie tauschen kalte und warme Luft aus. „Wir können die Temperatur um bis zu vier Grad erhöhen“, sagt Agrarminister Peter Hauk (CDU) in Obersulm. Die zweistündigen Flüge in 15 Metern Höhe seien aber nur bei leichtem Bodenfrost sinnvoll. Zunächst sind zwei Tage für den Test auf 100 Hektar Land geplant.

In Duttweiler in der Pfalz verwirbeln auch in der kommenden Nacht stationäre Windräder die Luft, so dass sich wärmere mit kälteren Schichten vermischten, berichtet Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd. Die Temperaturen seien in der Nacht zum Donnerstag mancherorts auf bis zu minus sechs Grad gesunken.

Von einer „dramatischen Nacht“ mit ähnlichen Gradzahlen spricht auch Gerd Petgen, Präsident des Saarländischen Winzerverbands. „30 bis 50 Prozent der Knospen sind wohl vom Frost zerstört worden“, sagt er auf SZ-Anfrage. Kreisende Helikopter oder Holzfeuer bleiben den Saarländern erspart, denn „die Kosten-Nutzen-Rechnung geht für uns nicht auf“, erklärt Petgen. Bis in die 80er Jahre haben allerdings auch die saarländischen Mosel-Winzer versucht, den Frost zu verjagen: „Man hat mitten in die Weinberge Parafinöfen gestellt“, sagt Petgen. Heute sei das aber undenkbar, wegen des Umweltgedankens.

Besonders problematisch sei die kalte Witterung für die flachen Lagen – also alle Gebiete nahe der Mosel. „In der Ebene bleibt die kalte Luft stehen“, erklärt Petgen das Problem. „Am Hang könnten die Knospen noch mit einem blauen Auge davon gekommen sein“, mutmaßt er. Doch wie lautet das Kampfmittel der Saarländer? Gelassenheit: „Es ist einfach so, wir leben mit und von der Natur“, sagt Petgen. Das letzte Wort sei auch noch nicht gesprochen: „Wir müssen mindestens das Wochenende abwarten, um zu wissen, wie hoch der Schaden wirklich ist.“




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