Hamburg (dpa)
«Fleisch-Boutiquen» in Hamburg
Von Anne-Sophie Galli, dpa,  02. Dezember 2016, 10:40 Uhr
Klicken Sie auf das Bild, um eine größere Ansicht zu erhalten. Gegrilltes Premium-Steak

Gegrilltes Steak der Extraklasse gibt es im Hamburger Fleischhandel «Meat Market». Teures Premium-Fleisch findet in Deutschland immer mehr Käufer. Foto: Axel Heimken
Beim Fleischkauf ist für immer weniger Deutsche Geiz geil. Dafür wollen sie für Fleisch von glücklicheren Tieren mehr bezahlen. Auch teureres Premium-Fleisch findet immer mehr Käufer.

Teile von ihm sind jetzt rot und vakuumverpackt. Einst lebte das Hereford-Rind aber auf grünen Wiesen in Irland und fraß zu «100% Gras». Am 1. November wurde es geschlachtet, reifte anschließend drei Wochen lang in einem Trockenkühlschrank, dann wurde es zerlegt.

So soll sein Fleisch besonders schmackhaft sein. Der Preis: 140 Euro - pro Kilo. All diese Infos erhält der Kunde, wenn er in Hamburgs neu eröffneten exklusiven Fleischhandel «Meat Market» sein Handy zückt und den QR-Code auf der Verpackung scannt.

«Viele haben von der schlechten Nutztierhaltung und den Fleischskandalen, etwa Pferdefleisch, das als Rind verkauft wurde, genug», sagt Geschäftsführer Oliver Winter. «Sie wollen wissen, was auf ihren Teller kommt», fügt sein Geschäftspartner Georg Sotmann an. Sie wollen Geld verdienen mit den Schlagworten Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Tierschutz. Die Tiere würden «stressfrei» sterben. Einzeln. Durch einen Schlag auf den Kopf. «So zack.»

Günstige Fleisch-Sonderangebote würden immer weniger Schnäppchenjäger in Discounter locken, fand auch Achim Spiller, Professor für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Georg-August-Universität Göttingen in einer repräsentativen Studie heraus. Für nur noch sieben Prozent der Deutschen sei demnach Geiz ungeachtet des Tierwohls geil. Jeder Dritte sei hingegen bereit, für qualitativ hochwertigere Produkte einen gewissen Aufpreis zu bezahlen. Denn: «Die Fleischindustrie hat heute ein sehr schlechtes Image.» Und Otto Normalverbraucher müsse beim Lebensmittelkauf nicht sparen.

Nur wenige Prozent der Leute sind laut Spiller allerdings bereit, einen Mehrfachpreis für ihr Steak zu bezahlen. Diese Gruppe hätte sich in den letzten Jahren aber vergrößert. So gibt es den klassischen prestigebewussten Luxuskäufer, der neben dem Kobe-Rind auch alte Bordeaux-Weine und Kaviar genießt. Der sei meist männlich, kaufe in Feinkostläden ein und habe ein hohes Einkommen. Oder eben die Nachhaltigkeitskäuferin mit mittlerem Einkommen, die Bioläden und Wochenendmärkte bevorzugt.

Eine besonders schnell wachsende Gruppe ist diejenige der sogenannten «Foodies», zu der laut einer Studie rund 10 bis 30 Prozent aller Deutschen gehören: Für die meist jungen Akademiker ist das Genießen von qualitativ hochstehendem Essen ein Lifestyle, gar Teil ihrer Identität. Kochen ist ihr Hobby. Manche schreiben einen Food-Blog. Sie mögen regionale Produkte, Fair Trade, aber auch gerne Rezepte aus dem fernen Ausland.

Diese drei Gruppen will der «Meat Market» ansprechen. Die Geschäftsführer verbinden Tierschutz mit besserem Fleischgeschmack. Das Haussteak von Tieren aus der weiten Pampa Uruguays gibt es ab 35 Euro. Für einen Aufpreis brät das Personal die Stücke gleich im Laden und der Kunde kann sie mit Salat und Brot in der modern eingerichteten Gastro-Ecke verspeisen. Auch bieten sie passende Weine an und Steak-Testing-Seminare.

Eine ähnlich trendy Atmosphäre will das im Oktober eröffnete «BEEF Excellence» -Geschäft im Alstertal Einkaufszentrum schaffen. Ihr Gründer Alexander Gründel nennt es «Fleisch-Boutique» und verkauft exklusives Fleisch vom täglich massierten Kobe-Rind für 689 Euro pro Kilo in Schmuckvitrinen. Rindswürste gibt es jedoch schon ab 7,75 Euro. «Die Produkte sind alle bio - mit oder ohne Zertifikat», sagt Gründel.

Deutschland ist ein Land von Fleischessern: Laut dem Max Rubner-Instituts verzehren Männer mit 156 Gramm pro Tag doppelt so viel Fleisch, wie für sie gemäß der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gut wäre. Frauen würden mit 85 Gramm an der oberen Grenze des Orientierungswertes liegen. Diese Zahlen seien in den letzten Jahren mehr oder weniger konstant geblieben. Nur zwei von 100 Deutschen würden sich vegetarisch ernähren.



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