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Die Zeit zur Rettung der Erde schmilzt

29.12.2008 00:11
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Hans Joachim Schellnhuber
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Hans Joachim Schellnhuber
Wie weit ist der Klimawandel schon fortgeschritten?Schellnhuber: In fast allen Bereichen verlaufen die Entwicklungen schneller, als bisher angenommen. Zum Beispiel beim Anstieg des Meeresspiegels. Dazu kommen neue Erkenntnisse über große Prozesse, die mit den so genannten planetarischen Kipp-Elementen zu tun haben
Wie weit ist der Klimawandel schon fortgeschritten?

Schellnhuber: In fast allen Bereichen verlaufen die Entwicklungen schneller, als bisher angenommen. Zum Beispiel beim Anstieg des Meeresspiegels. Dazu kommen neue Erkenntnisse über große Prozesse, die mit den so genannten planetarischen Kipp-Elementen zu tun haben.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Schellnhuber: Es geht dabei um durchgreifende Umweltveränderungen, die bei einem bestimmten Ausmaß der Erderwärmung eintreten und irreversibel sein dürften. Vieles deutet darauf hin, dass einige dieser Kipp-Elemente nun aktiviert werden. Das Grönland-Eis ist wahrscheinlich die Achilles-Ferse des Planeten schlechthin. Es schmilzt sehr viel schneller als gedacht. Wenn dieser Eisschild komplett kollabieren sollte, würde der Meeresspiegel um sieben Meter steigen. Dann gäbe es die heutigen Küsten nicht mehr, auch nicht in Deutschland.

Welche Kipp-Elemente gibt es noch?

Schellnhuber: Die Arktis wird nicht erst 2100 im Sommer eisfrei sein, sondern schon in einigen Jahrzehnten. Es gibt Anzeichen, dass das gesamte Klimamuster am Nordpol bereits in einen neuen Zustand umgeschlagen ist. Und der Amazonas-Regenwald ist durch Klimaverschiebungen und Abholzungen stark gefährdet. Weitere Kipp-Prozesse sind das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher, die Veränderungen des Monsuns in Asien und das Auftauen des Permafrostbodens in Sibirien. Insgesamt haben wir gut ein Dutzend Kipp-Elemente identifiziert.

Die alle schon aktiviert sind?

Schellnhuber: Nein, aber die spannende Frage ist, ab welchem Temperaturanstieg das geschieht. Wir haben derzeit 0,8 Grad Erderwärmung. Für das arktische Sommereis ist damit die Grenzlinie wohl schon überschritten. Das Grönland-Eis dürfte seine Grenze bei etwa zwei Grad haben, das Amazonas-Ökosystem ist stabiler.

Zwei Grad sind auch die Grenze, an der sich die internationale Klimaschutzpolitik orientiert.

Schellnhuber: Das Halten dieser Linie würde wahrscheinlich die meisten Kipp-Vorgänge vermeiden, aber möglicherweise nicht alle. Und wegen des so genannten Maskierungseffekts ist diese Strategie schwer umzusetzen: Die gewöhnliche Luftverschmutzung, ganz besonders in Asien, wirkt nämlich kühlend und verdeckt noch einen Großteil der Erderwärmung. Nach neueren Untersuchungen ist eine Erwärmung um 2,4 Grad schon jetzt im Klimasystem einprogrammiert. Wir sind auf dem Weg zur Destabilisierung des Weltklimas viel weiter fortgeschritten, als die meisten Menschen und ihre Regierungen denken.

Wie groß ist das Zeitfenster, um noch zu handeln?

Schellnhuber: Der globale CO2-Ausstoß muss bis 2050 halbiert werden, der Reduktionsprozess bis etwa 2020 eingeleitet sein. Die Industrieländer müssen ihre Emissionen bis zur Jahrhundertmitte um 80 bis 90 Prozent vermindern. Spätestens 2020 müssen sich auch die Schwellenländer kraftvoll am Klimaschutz beteiligen. Wegen des Maskierungseffekts dürfen sie ihre Luftverschmutzung aber nicht zu schnell abbauen, denn sonst gäbe es eine schlagartige Erwärmung. Nur die Rußpartikel müssen schnell aus der Luft. Wenn wir diese komplexe Symphonie von Maßnahmen etablieren, dann haben wir noch eine 50-prozentige Chance, die Zwei-Grad-Linie zu halten. Wenn jedoch nur eine Seite versagt, Industrieländer oder Schwellenländer, dann ist ein desaströser Klimawandel unvermeidbar.

Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um?

Schellnhuber: Man ist geneigt, deprimiert zu sein. Doch kann man es sich nicht erlauben, diesem Gefühl nachzugeben.

Ist Barack Obama vielleicht ein Kipp-Punkt, im positiven Sinne?

Schellnhuber: Wenn es einen politischen Kipp-Punkt gibt, dann er. Bush steht für acht verlorene Jahre. Obama hat mit dem Nobelpreisträger Steven Chu und meinem Freund John Holdren herausragende Klimaschützer in sein Team berufen. Dies beweist, dass er das Thema todernst nimmt.

Aber Obama ist in erster Linie US-Präsident. Sein Land wird den Energieverbrauch nicht so schnell reduzieren wollen.

Schellnhuber: Aber er hat die Fähigkeit, den Menschen Perspektiven zu geben. Die Amerikaner sind ein Volk, das sich wie kein anderes von Visionen inspirieren lässt.

Sind Sie enttäuscht von Angela Merkel?

Schellnhuber: Überhaupt nicht, auch wenn ich gelegentlich Detailkritik äußere. Frau Merkel und die deutsche Regierung haben die Fackel des Klimaschutzes ergriffen, als niemand dazu bereit war. Merkel hat auch jetzt beim EU-Gipfel ihre Linie durchgehalten, obwohl der Lobby-Druck so stark war wie nie: 20 Prozent Reduktion der europäischen Treibhausgase bis 2020 sind nun quasi Gesetz. Allerdings mache ich mir Sorgen, ob das beschlossene Politikbündel Grundlage für die in Aussicht gestellte 30-prozentige Minderung bis 2020 sein kann.

Glauben Sie, dass die Menschheit grundsätzlich fähig ist, den Klimawandel zu stoppen?

Schellnhuber: Das ist eine quälende Frage. Wir erleben ein Wettrennen zwischen den Selbstzerstörungskräften, die wir unablässig freisetzen, und dem ungeheuren Fortschritt bei den Einsichten in das Klimasystem und bei den technologischen Möglichkeiten. Ich würde keine Wette abgeben, wer dieses Rennen gewinnt.

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