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Tel Aviv

Analyse: Israel straft Grass mit Einreiseverbot

Von Sara Lemel, dpa

Israel schlägt nach dem umstrittenen Gedicht von Günter Grass zurück: Der Literaturnobelpreisträger darf künftig nicht mehr in den jüdischen Staat einreisen. (Veröffentlicht am 09.04.2012)

Eli Jischai

Israels Innenminister Eli Jischai von der strengreligiösen Schas-Partei sieht Grass als gefährlichen Hetzer und «antisemitischen Menschen». Foto: Jim HollanderFoto:

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Tel Aviv.

«Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten», sagte der israelische Innenminister Eli Jischai am Sonntag. Aus israelischer Sicht hat der Literaturnobelpreisträger mit seinem israelkritischen Gedicht eindeutig eine rote Linie überschritten. Mit seiner rigorosen Entscheidung stieß Jischai aber auch in Israel auf Kritik. Die Zeitung «Haaretz» beschrieb sie am Montag als «hysterisch». Solche Maßnahmen passten doch eher zu «düsteren Regimes» wie dem Iran und Nordkorea.

Der Innenminister von der strengreligiösen Schas-Partei will aber in der heftigen Debatte um Grass keine Grautöne geltenlassen - der Intellektuelle ist für ihn mit seinen Äußerungen vollständig in die Kategorie «Nazi» gerutscht.

Jischai sagte im israelischen Rundfunk sogar, man müsse dem 84-Jährigen nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Der von orientalischen Juden abstammende Politiker verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die letztlich zum Holocaust geführt habe. «Man kann angesichts solcher Worte einfach nicht schweigen», sagte er. Mit deutlicher Abscheu sprach Jischai von Grass als einem «antisemitischen Menschen» und «einem Mann, der eine SS-Uniform getragen hat».

Viele Israelis finden es besonders perfide, dass Grass sein Gedicht ausgerechnet vor dem jüdischen Pessach-Fest veröffentlichte und glauben nicht an einen Zufall. Damit stellt er sich aus ihrer Sicht in eine Reihe mit antisemitischen Christen, die Juden in Europa über Jahrhunderte mit Ritualmordlegenden quälten. Damals gab es immer wieder Anschuldigungen, Juden würden das Blut christlicher Kinder für das Backen des traditionellen Matza-Brots am Pessach-Fest verwenden.

Als ähnlich absurd wird die Warnung von Grass gesehen, Israel gefährde den Weltfrieden. Israel fühlt sich von Teheran und seinem Atomprogramm existenziell bedroht - die Darstellung des Literaten wird daher als blanker Hohn und Verdrehung der Tatsachen empfunden. Der israelische Dramatiker Joshua Sobol schrieb am Montag in der Zeitung «Israel Hajom», Grass dürste als ehemaliger SS-Soldat nach Vergebung und erfinde daher eine «wahnhafte Realität». In den Tiefen seiner Seele brenne ein «Höllenfeuer».

Außenminister Avigdor Lieberman sagte am Sonntag über Grass: «Seine Äußerungen sind ein Ausdruck des Zynismus eines Teils der westlichen Intellektuellen, die als Eigenwerbung und im Willen, noch ein paar Bücher zu verkaufen dazu bereit sind, die Juden ein zweites Mal auf dem Altar verrückter Antisemiten zu opfern.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Israel Ausländern als «Strafe» für kritische Äußerungen die Einreise verbietet. Der jüdische Linguistik-Professor Noam Chomsky aus den USA etwa saß vor zwei Jahren an der Grenze in Jordanien fest. Im vergangenen Sommer hinderte Israel mehrere hundert pro-palästinensische Aktivisten daran, ins Westjordanland zu reisen.

2008 verbot Israel dem umstrittenen US-Historiker Norman Finkelstein, Sohn von Holocaust-Überlebenden, auf Anraten des Geheimdienstes die Einreise. Im Oktober 2010 wies Israel die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire nach einwöchiger Internierung aus. Sie war nach Israel gereist, um sich mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten zu treffen.

Der Dirigent Daniel Barenboim hatte 2001 ein Tabu gebrochen und Musik des in Israel wegen seiner antisemitischen Ansichten verpönten Komponisten Richard Wagner gespielt. Daraufhin gab es zahlreiche Forderungen, ihn zur unerwünschten Person zu erklären - was jedoch letztlich nicht passierte.

Mit dem Einreiseverbot gegen Grass scheint es Jischai sehr ernst zu sein. Er glaube zwar nicht, dass der Schriftsteller gegenwärtig überhaupt Pläne habe, nach Israel zu reisen, sagte er. «Aber ich werde ihn zur unerwünschten Person machen, auch wenn er kommen will.»

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