Fachkräftemangel im Saarland: Wo sollen Frauen bald entbinden?
19. Januar 2015, 11:41 Uhr
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Foto: ChameleonsEye ?shutterstock.com
Die Lage ist bundesweit nicht einfach: Immer mehr Geburtsabteilungen werden geschlossen, die Krankenhäuser legen Stationen zusammen, streichen die Gynäkologie ganz. Medienwirksam wurden die geplanten Schließungen in Norddeutschland, namentlich Sylt: Schwangere sollen künftig auf dem Festland entbinden, ohne zuverlässige Verkehrsanbindung, die auch in Schlechtwetterlagen garantiert wäre.
Als Unding wurde diese Lage von den Hebammenverbänden bezeichnet, und sie haben damit Recht. Auch im Süden Deutschlands sieht es nicht besser aus: Im Saarland kommen zwar tendenziell immer weniger Kinder zur Welt, doch ist das eine Rechtfertigung dafür, immer mehr Geburtsstationen in Saarland zu schließen?

Statistisch gesehen nimmt die Bevölkerung im Saarland in den letzten Jahren weniger stark ab

Das Saarland ist eines der kleinsten Bundesländer, sowohl in der Fläche als auch hinsichtlich der Bevölkerungszahl. In den letzten Jahren hat die Zahl der Einwohner jedoch stark abgenommen, und der Trend wurde immer deutlicher: Relativ wenigen Geburten standen viele Todesfälle gegenüber, und die hohe Abwanderung in andere Bundesländer konnte durch die Zuwanderung aus dem Ausland nicht wett gemacht werden.
 
Im Jahr 2008 war die Zahl der Geburten im Saarland auf dem niedrigsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg, nur 7.158 Kinder wurden geboren. Das waren etwa 100 weniger als 2007. Demgegenüber steht die Anzahl der verstorbenen Menschen, 2008 waren das 12.547 (Quelle: sol.de). Aber auch die Zu- und Abwanderung im Bundesland beeinflusst die Bevölkerungszahl. Während junge Leute deutlich häufiger in andere Bundesländer abwandern, sei es wegen der Aufnahme eines Studiums oder aufgrund besserer beruflicher Chancen, wandern gleichzeitig Menschen zu - meist aus dem Ausland.
 
Die Zahl derer, die das Saarland verlassen, hat sich nicht so sehr verändert in den letzten Jahren. Lediglich die Zahl der Zuwanderer ist gestiegen, wodurch der Trend einer immer schneller geringer werdenden Bevölkerung nun etwas verlangsamt wurde. An der außerordentlich niedrigen Zahl von Geburten ändert das allerdings nichts.

Geburtsstationen können nur unterhalten werden, wenn genügend Kinder geboren werden

Laut Erklärungen des Familienministeriums sind die Geburtszahlen kurzfristig politisch nicht beeinflussbar und ohnehin beruhe die Entscheidung für oder gegen ein Kind auf individuellen Denkprozessen, die die Regierung nicht beeinflussen könne. Mit dem Ausbau von Betreuungsplätzen und Ganztagsschulen würde alles getan, um eine Trendwende herbeizuführen. 

Um eine Geburtsstation in einer Klinik wirtschaftlich unterhalten zu können, sind jährlich mindestens 300 Geburten in dieser Station nötig. Wird diese Zahl nicht erreicht, muss Personal abgebaut werden, und in der Folge kann keine zuverlässige Betreuung für Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen rund um die Uhr gewährleistet werden.
 
Für die Geburtsstationen in zwei Krankenhäusern wurde kürzlich das Ende verkündet: Die Geburtsklinik und gynäkologische Station in Dudweiler wird im ersten Halbjahr 2015 auf den Rastpfuhl verlegt. Das Krankenhaus befindet sich in der Trägerschaft der Caritas, die die Verlegung mit der Sicherheit der Frauen und Kinder begründet.
 
Fachkräftemangel vor Ort würden die Schließung ratsam erscheinen lassen. Etwas anders ist die Lage beim Püttlinger Knappschaftsklinikum: Die Geburtsstation wurde Ende 2014 geschlossen. Auch hier wurden im vergangenen Jahr nicht genügend Kinder geboren, um die Station weiter unterhalten zu können.

Acht Geburtskliniken bleiben im Saarland

Der Trend ist nicht zu übersehen: Dauerhaft werden, wie in anderen Teilen Deutschlands, mehr und mehr Geburtsstationen schließen müssen. Noch ist mit acht verbleibenden Kliniken eine flächendeckende Versorgung der Familien gewährleistet, aber das wird voraussichtlich nicht so bleiben. Der Trend geht dahin, dass die kleineren Krankenhäuser schließen und es nur noch in den größeren Städten eine umfassende medizinische Versorgung in allen Bereichen gibt. Manche Städte sind schon mit diesen großen Gesundheitszentren ausgestattet, an Wochenenden und Feiertagen bleibt den Menschen oft nichts anderes übrig, als 40 Kilometer oder mehr ins nächste Krankenhaus zu fahren. Dass das für eine Frau in den Wehen nicht nur eine Zumutung, sondern unter Umständen auch gefährlich ist, dürfte klar sein. 

Es gibt indes Alternativen zur Geburtsklinik. Hebammen bieten Hausgeburten an: Gesunde Schwangere, die keine Komplikationen bei der Geburt erwarten lassen, können ihre Kinder wie in den Niederlanden zu Hause gebären. Das war vor 1960 auch in Deutschland üblich. Denn erst seitdem zahlen die gesetzlichen Krankenkassen alle mit der Geburt verbundenen Kosten für Mütter und Kinder im Krankenhaus, und seitdem gibt es flächendeckend auch in ländlichen Regionen Krankenhäuser, die auf Geburten eingestellt sind.
 
Dabei muss bei einer Geburt gar kein Arzt anwesend sein - eine Hebamme dagegen schon. Neben den von Krankenhäusern angestellten Hebammen gibt es auch freiberuflich tätige Hebammen. Wer sich die Geburt zu Hause in den eigenen vier Wänden nicht vorstellen kann, hat die Möglichkeit, in ein Geburtshaus zu gehen. Die Schließung der Geburtsstationen macht es für Frauen ganz sicher nicht attraktiver, Kinder zu bekommen.
 
Aber die Entscheidung für ein Kind von der Nähe der nächsten ärztlich betreuten Geburtsstation abhängig zu machen, ist auch nicht logisch. Umgekehrt müssen wir uns fragen, ob wir Krankenhäuser und ärztliche Einrichtungen tatsächlich als reine Wirtschaftsunternehmen betrachten wollen, oder ob es nicht doch möglich ist, andere als rein wirtschaftliche Interessen mit dem Erhalt der medizinischen Versorgung zu verbinden.
 
Geschrieben von Cornelia Edhard, HealthExpress Gesundheitsexpertin
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