Neue Heimat für die digitale Bohème

Von Von SZ-Mitarbeiter Bert Bugdahl, 26. Juni 00:09
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Ein Raum des Betahauses, der Altbau-Heimat für digitale Arbeitsnomaden. Foto: Daniel Seiffert

Berlin. Die "Digital Bohème" hat ein neues Zuhause bekommen: das Betahaus am Kreuzberger Moritzplatz, wo sich bereits das Urbangardening-Projekt Prinzessinnengärten und das neue Verlags- und Kulturhaus des Aufbauverlags angesiedelt haben. Ein idealer Nährboden für kreative Pflanzen (Veröffentlicht am 26. Juni 00:09)
Berlin. Die "Digital Bohème" hat ein neues Zuhause bekommen: das Betahaus am Kreuzberger Moritzplatz, wo sich bereits das Urbangardening-Projekt Prinzessinnengärten und das neue Verlags- und Kulturhaus des Aufbauverlags angesiedelt haben. Ein idealer Nährboden für kreative Pflanzen. Vor Jahren mussten Freiberufler und Jobnomaden noch im Café Oberholz ihren Laptop einstöpseln, um unter Gleichgesinnten zu sein. Dort, wo ehemals Waschlappen produziert wurden, können sie nun networken, arbeiten, Konferenzen abhalten, Workshops anbieten und einmal pro Woche gemeinsam frühstücken.

Freiberufler leiden unter Vereinzelung. Ihnen mangelt es an Informationsaustausch. Der ist im Betahaus mit einem W-Lan-Leihschreibtisch im Preis inbegriffen. Ein kompletter Monat kostet momentan 229 Euro. Wie im Fitnessstudio gibt es verschiedene Abos. Man zahlt einen Preis für einen variablen Tisch (flex desk) oder kann gegen Aufpreis auch einen festen Tisch (fix desk) bekommen. Es gibt Tages-, Wochen-, Monats und Halbjahres-Abos. Die Öffnungszeiten sind wochentags von acht bis 20 Uhr, aber auch hier gilt: Wer mehr zahlt, darf rund um die Uhr. Das Konzept soll den Labtop-Freiberuflern Flexibilität ermöglichen. Kein Wunder, dass der Markt der coworking spaces (in Saarbrücken etwa gibt es die "teilbar" am Rotenbühl) hart umkämpft ist.

Man muss sich das Betahaus wie einen Bienenstock ohne Königin vorstellen. Es herrscht ein aktives Brummen und Wuseln. Täglich gehen hier 200 Coworker ein und aus, Gäste nicht einberechnet. Für einen Außenstehenden gibt es ein kein Zurechtkommen. Keine Rezeption, keine Wegweiser oder Namensschilder im rüttelnden Lastenaufzug mit Schlachthausatmosphäre. Der ideale Raum für einen Dreiminuten-"elevator pitch" - die Zeit, die man braucht, um einen Gegenüber von seiner Geschäftsidee zu überzeugen und ihm eine Visitenkarten in die Hand zu drücken, bevor sich die Aufzugstür wieder schließt.

Kommt man etwa im dritten Stock an, hat man die Wahl zwischen leicht verdunkelten Ruheräumen zur Linken, in denen das Telefonieren verboten ist, und zur Rechten Großraumbüros, in denen auch mal mehrere Freiberufler um einen Schreibtisch herumstehen.

Das Prinzip des Coworking hat eine lange Tradition, die nicht erst mit den Wiener Kaffeehäusern begann, erzählt Christoph Fahl, 32, einer der acht Gründer des Betahauses. "Bei aller Virtualität brauchen wir einen Ort, wo Menschen sich real begegnen können" sagt er und erklärt die Gründeridee. "Wir hatten alle kein Geld, aber wir glaubten an die Idee. Zunächst mieteten wir erst nur eine Etage des Gebäudes an, aber die Nachfrage war dank Twitter so groß, dass nach und nach auch die anderen Stockwerke dazukamen. Innerhalb der ersten zwei Wochen standen 60 Leute auf der Warteliste."

Der finanzielle Rahmen war überschaubar. Betahaus zahlt einen Quadratmeterpreis von 7,50 Euro für die nächsten fünf Jahre. Der Vermieter gab Anschubhilfen, und so musste zunächst nur in IT-Infrastruktur und Mobiliar investiert werden. Die Einrichtung hat laut Fahl nicht mehr als 50 000 Euro gekostet, dank einer Mischung aus Design, Flohmarkt- und Ikeamöbeln und viel "Do it yourself". Das Kaffee im Erdgeschoss zieht mittlerweile auch Passanten an; seit Ende 2011 trägt sich das Betahaus selbst. Ein schöner Erfolg für das Haus, das selbst ein Start-up-Unternehmen ist. Der Erfolg hat Fahl und die Mitgründer dazu animiert, sich an anderen Betahäusern zu beteiligen. Die Standorte Köln und Hamburg gibt es bereits, Sofia und Barcelona entstehen gerade. "Wir haben schon Amis aus dem Silicon Valley hier gehabt, die der Meinung waren, dass man sich erst im Berliner Betahaus bewähren müsse, bevor man es in der Heimat zu etwas bringen könne."

Im Gespräch schaut Fahl nervös auf die Uhr. Neben ihm steht schon ein Team des Wirtschaftsmagazins "enorm", das ein Interview mit ihm führen will; außerdem wartet das "Beta-Pitch" auf ihn: ein Wettbewerb, der die originellste Geschäftsidee verschiedener start-up-Unternehmen kürt und mit einem kostenlosen Hausvertrag prämiert.

Daneben lädt das Betahaus jede Woche zum "Betafrühstück": eine Mischung aus PR-Veranstaltung für die Anwerbung neuer Mitglieder und ein Forum für die Co-Worker, die hier ihr Unternehmen vorstellen können. An diesem Tag ist es car2go. Das Unternehmen ist mittlerweile eine Tochter des Daimler-Konzerns und startet gerade eine Berlin-Kampagne für sein Carsharingmodell. Eine Fahrminute kostet 29 cent, Betahausmitglieder haben Sonderkonditionen. Während der Marketingchef von car2go über "integrated urban mobility" redet, hören ihm 30 junge Leute zu, schmieren sich Brötchen, trinken Kaffee und unterbrechen die Präsentation regelmäßig mit kritischen Fragen. Es ist eine lebendige Diskussionskultur auf Augenhöhe; natürlich duzen sich alle. Vielleicht ist das die Zukunft der Arbeit: keine nörgelnden Chefs mehr, keine aufgezwungenen Überstunden und eine völlige Verschmelzung von Privat- und Arbeitsleben.

 

 

 

 



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