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Luther aufs Maul geschaut





Saarbrücken
Luther aufs Maul geschaut
22. April 2017, 02:00 Uhr
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Feridun Zaimoglu Foto: Gregor Fischer/dpa

Foto: Gregor Fischer/dpa
Unter all' den Luthereien im Reformationsjahr liefert Feridun Zaimoglu mit seinem Roman „Evangelio“ den bislang reizvollsten Beitrag dazu.

Laut lesen: Hier gilt's. Ist quasi Notwendigkeit, will man den vollen Genuss, schlägt man das „Evangelio“ auf. Feridun Zaimoglus „Evangelio“, der unter all' den Luthereien, die im Reformationsjahr schon über uns gekommen sind, das bislang wohl packendste Buch verfasst hat. Luther pur – wäre nicht so vieles darin Dichterfiktion.

Zaimoglu jedenfalls hat das geflügelte Luther-Wort verkehrt – und nicht (nur) dem Volk, sondern vor allem dem abtrünnigen „Mönchlein“ selbst aufs Maul geschaut. Und lässt den Reformator richtig von der Kette: „Mein Arsch grimmt bös, wenn ich mich dreh und wend.“ Derb und um keine Deftigkeit je verlegen. So wie man seinen sprichwörtlichen Luther stets erahnte, aber dann doch so intim nicht kannte.

Es ist das Jahr 1521. Nach dem Wormser Reichstag, bei dem Martin Luther partout nicht widerrufen will, seine Freiheit eines Christenmenschen gegen Kaiser und Papstkirche todesmutig verteidigt, muss der nun Geächtete um sein Leben bangen. Zu seinem Glück steht ihm der sächsische Kurfürst bei, sorgt für Zuflucht auf der Wartburg hoch über Eisenach. Mit falscher Identität versteckt sich der 38-jährige Geistliche dort, ein Gejagter, der sich der „in steinernen Kammer“ bald wie eingekerkert fühlt.

Just da hat Zaimoglu den Schauplatz seines Romans gefunden. Bewacht und beschützt wird der Gelehrte von einem Landsknecht namens Burkhard. Einer mit „gehobelter Fresse“, so führt sich der Ich-Erzähler kernig ein. Und nimmt seinen Auftrag als Leibwächter offenbar ernst: „Hab es geschmeckt, Wasser ohne verdächtige Beigaben, sonst hätt ich längst gekotzt.“ Trotzdem kommt dem alten Kriegshandwerker der abtrünnige Mönch, den er hüten soll wie seinen Augapfel, zutiefst verdächtig vor. Burkhard nämlich ist katholisch, den „Römlingen“ treu. Und muss nun über den Häretiker wachen. Ein höchst widersprüchliches, in seinem Schicksal verkettetes Paar, das Zaimoglu da zusammenbringt – und daraus erzählerisch hübsch Funken schlägt. Via Landsknecht Burkhard blickt man auf Luther, auf einen oft faustisch Besessenen. Er „kratzt mit der Feder Runen, als würd der Dämon der Macht ihm Zauberziffern in den Geist bluten“. Unheimlich ist er. Dann aber sieht der Wächter wieder den Zagenden, den Geplagten, der „mit den Seelenaffen“ ringt. Ausgerechnet ein jüdischer Arzt soll die Seelenpein des „Frater“ heilen. Was den aber wüten lässt; auch um antisemitische Ausfälle war Luther selten verlegen.

Zaimoglu lässt sich mit der Sprache des 16. Jahrhunderts ganz und gar ein auf diese Zeit, auf seine Protagonisten. Und mit Burkhard bleibt man nicht nur auf der Festung, man geht auch zu seinen Kriegskameraden, zu den Huren – und zu Luthers Malerfreund Lucas Cranach, der das Speckkinn des Reformators wegretuschiert. Alternative Fakten schon damals.

Zaimoglu entwirft da auch in schillernden Farben ein Sittengemälde jener Tage zwischen Mittelalter und Neuzeit, der Luther mit seiner Kirchenreformation und der Bibelübertragung ins „Teutsche“ den Weg bereiten wird.

Wie Feridun Zaimoglu sich in das Sprechen und Denken einer Zeit einfühlt, nimmt sofort gefangen. Auch wenn das quasi schon als bewährtes Kunststückchen des türkischstämmigen Schriftstellers, Theaterautors und Journalisten gelten muss. Bereits mit seinem frühen Werk „Kanak Sprak“ bekam er 1995 den Jargon deutsch-türkischer Jugendlichen grandios zu fassen. Nun wendet er's historisch und hat dazu ausgiebig Luther-Schriften studiert.

Der Lohn ist sein „Evangelio“, ein ungemein lebenspralles Buch über Luther. Eben nicht mit dem Filter des Biographen-Tons, mit Distanz geschrieben, sondern unmittelbar wirkend. Natürlich nimmt sich Zaimoglu dabei so einige historische Freiheiten. Und auch sein Erzählton darf nicht als verbürgtes „Teutsch“ des 16. Jahrhunderts gelten. Doch ist die Rohheit, Bildmacht, Sprachlüsternheit dieser knappen Sätze ein unerhörtes Lesevergnügen. Ja, manchmal stellt da auch ein Wortartist allzu sehr sein Können aus, wenn er „Junker Georgen“, wie Zaimoglu ihn nennt, an seinen Mitstreiter Philipp Melanchthon schreiben lässt. Auch diese Briefe hat Zaimoglu sprachvernarrt ersonnen, gleichwohl Luther tatsächlich eifrig von der Wartbug schrieb. Und: Je länger man Burkhards Bericht folgt, desto klarer wird: Der „geraute Gesell“ kann so schlichten Gemüts gar nicht sein, wie Zaimoglu uns weismachen will. Zu überlegt schaut er auf Luther, macht sich selbst klug seinen Reim auf Kirche und Welt, kommentiert bald mehr als er berichtet. Da mutet Zaimoglu seiner Kunstfigur viel zu, macht sie zu sehr zu seinem erzählerischen Objekt. Doch sind das nur Wermutströpfchen.

Feridun Zaimoglu: Evangelio. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 345 Seiten, 22 Euro.




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