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Das Ende der Unbeschwertheit





Paris
Das Ende der Unbeschwertheit
Harald Loch,Johanna Reinicke,  21. April 2017, 02:00 Uhr
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Die französische Schriftstellerin Karine Tuil legt mit „Die Zeit der Ruhelosen“ einen großartigen Roman vor.

Spät, erst in Bagdad treten alle vier Hauptpersonen gemeinsam auf. Sie sind frei erfunden, Geschöpfe literarischer Fiktion. Ihr Leben läuft in der Wirklichkeit der Gesellschaft Frankreichs. Die 1972 in Paris geborene Autorin Karine Tuil („Die Gierigen“) schreibt in ihrem zehnten Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ einen Realismus, in dem ihre literarischen Geschöpfe eine prägnante Authentizität gewinnen, als hätte sie sie nicht erfunden.

Der französische Titel „L'Insouciance“ gibt vielleicht besser wieder, worum es geht: Die verloren gegangene Unbeschwertheit – kein Wunder bei der Handlung, die die Autorin in drei sich ineinander kunstvoll verwebenden Strängen entwickelt. Die Figuren: François Vély, einer der reichsten Männer Frankreichs, gerade von seiner zweiten Frau geschieden, mit der er drei Kinder hat. Er steht für das mondäne Paris. Romain Roller aus der Banlieue, Soldat im Auslandseinsatz, verheiratet, ein Kind. Osman Diboula, ein schwarzer Franzose, der es vom Streetworker in die Beratergruppe des Präsidenten schafft. Marion Decker, die aus einfachen Verhältnissen stammende Journalistin, dritte Frau von François Vély und Geliebte von Romain Roller.

Tuil erzählt in abwechselnden, sich aufeinander beziehenden kurzen Abschnitten. Jede Person erlebt ihr eigenes Drama. Die Perspektive folgt den Figuren. Die Autorin erzeugt dadurch Aufmerksamkeit, Abwechslung, Dynamik und den Reiz „verbotener“ Liebe. Das sind die Instrumente ihres Orchesters. Das Anliegen ihrer Musik geht aber weiter: Sie schreibt vom Rassismus in Frankreich, von einem aus vielen Richtungen zustoßenden Antisemitismus, von der Prägung der Menschen, die etwas zu sagen haben, durch eine vom Wohlstand abhängende Elitenbildung. Sie geißelt den islamistischen Terrorismus, schreibt von der Chancenlosigkeit der Menschen in der Banlieue, vom Ehrgeiz der Aufsteiger, von der Brutalität des Krieges. Dazwischen singt sie das Hohelied der Liebe, die die Mauern der Konventionen überwindet. Sie erzählt vom Zerbrechen der Beziehungen zwischen Mann und Frau wie zwischen Kindern und Eltern.

Der Milliardär François Vély setzt sich für ein PR-Foto unbekümmert auf ein Kunstwerk, eine als Stuhl gestaltete schwarze Frau in obszöner Stellung. Das Bild illustriert einen Artikel, in dem die jüdische Herkunft Vélys erwähnt wird, des christlich Aufgewachsenen, der sich nicht um Religion kümmert. Sein Vater hatte, als er als Résistance-Held aus dem Krieg kam, den jüdisch klingenden Familiennamen Lévy umgestellt. Ein Sturm der Entrüstung bricht über den Mobilfunk-Tycoon herein: Die einen klagen ihn als Rassisten an, die anderen geifern: „dreckiger Jude“.

Da kommt ihm Osman Diboula zu Hilfe. Wegen eines rassistischen Angriffs durch einen Kollegen war Osman gerade aus dem Beraterstab des Präsidenten ausgeschieden. Jetzt wird er wieder gebraucht! Nur er kann öffentlich dem Rassismus-Vorwurf gegen Vély/Lévy glaubwürdig entgegentreten. Dadurch wird er erneut zum Helden und vom Präsidenten als Staatssekretär zurückgeholt. Er stellt eine Delegation hoher französischer Wirtschaftsleute zusammen, die auf einer Ausstellung in Bagdad ihre und Frankreichs Interessen vertreten sollen. Er setzt Vély auf die Liste.

Osman Diboula bittet den zu einem Sicherheitsdienst gewechselten ehemaligen Leutnant Romain Roller, den er als Jugendlichen in Clichy-sous-Bois kennengelernt hatte, seinen persönlichen Schutz in Bagdad zu übernehmen. Der Leutnant war von seinem Afghanistan-Einsatz traumatisiert zurückgekommen. Seine Einheit war in einen Hinterhalt geraten: Ein Kamerad war gefallen, ein anderer schwer verletzt. Während eines Erholungsaufenthalts auf Zypern verliebt er sich in die Journalistin Marion Decker, die dritte Ehefrau von François Vély. Beide sind verheiratet, finden aber immer wieder zusammen.

Mit dem Anagramm Romain und Marion verbindet Karine Tuil das Liebespaar auch literarisch. Doch Marion Decker begleitet offiziell ihren Ehemann Vély nach Bagdad. Der wird von Terroristen als verhasster Jude entführt. Romain Roller kann keinen Schutz bieten, Osman Diboula gibt sein hohes Amt niedergeschlagen auf. Romain und Marion beschwören, dass sie lieben und leben wollen. Aber – so endet dieser großartige Roman: „Ein Teil von ihnen ist für immer verloren. Eine Form von Leichtigkeit. Das, was von der Kindheit geblieben war. Die Unbeschwertheit.“

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen. Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff. Ullstein, 507 Seiten, 24 Euro.




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